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Rohstoffe Der größte Stahlproduzent der Welt entsteht

25.10.2004 ·  Die europäischen Stahlproduzenten Ispat International und LNM Holdings fusionieren mit dem amerikanischen Wettbewerber International Steel Group (ISG). Zum Chef wurde der indische Stahlunternehmer Lakshmi Mittal ernannt.

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Die europäischen Stahlproduzenten Ispat International und LNM Holdings fusionieren mit dem amerikanischen Wettbewerber International Steel Group (ISG). Das neue Unternehmen wird mit dann rund 70 Millionen Tonnen Rohstahlerzeugung im Jahr zum größten Stahlproduzenten der Welt aufsteigen. Zum Chef des neu formierten Konzerns wurde der indische Stahlunternehmer Lakshmi Mittal ernannt, der bislang die Mehrheit bei Ispat und LNM Holdings hält.

Der künftig als "Mittal Steel Company" firmierende Konzern wird im laufenden Geschäftsjahr einen Weltumsatz von 31,5 Milliarden Dollar (25 Milliarden Euro) erreichen und weltweit 165.000 Mitarbeiter in vier Kontinenten beschäftigen. Die Aktien der neu formierten Unternehmensgruppe sollen an den Börsenplätzen Amsterdam und New York notiert werden. Dies haben die Unternehmen am Montag mitgeteilt. Vorbehaltlich der Zustimmung durch die zuständigen Wettbewerbsbehörden hätten die Vertreter der involvierten Gewerkschaften in Nordamerika dem transatlantischen Schulterschluß bereits zugestimmt. Eine entsprechende Absichtserklärung liege bereits vor.

Vorbei an Arcelor

Bei der geplanten Fusion werde zunächst Ispat International die bislang dem Inder Mittal allein gehörende LNM Holdings durch Aktientausch übernehmen. Der Wert der neuen Aktien, die bei diesem Zusammenschluß zum Einsatz kommen, wird dabei auf 13,3 Milliarden Dollar taxiert. Auf das so entstehende Duo Ispat / LNM soll dann der amerikanische Partner ISG verschmolzen werden. Der Wert dieser Transaktion beläuft sich auf 4,5 Milliarden Dollar; sie soll sowohl in bar wie über Aktien erfolgen.

Bis Mittal mit seiner LNM-Gruppe den bisherigen Weltmarktführer, das 2002 gebildete luxemburgisch-französisch-spanische Gemeinschaftsunternehmen Arcelor, überholen würde, ist nur eine Frage der Zeit gewesen. Durch eine ganze Reihe Übernahmen hat sich LNM in den zurückliegenden Jahren bereits nahe an die von Arcelor 2004 voraussichtlich erzeugten knapp 44 Millionen Tonnen Rohstahl herangerobbt. Beide Konzerne arbeiten mit einem sehr breiten Programm, angefangen bei einfachen Baustählen bis zu hochwertig veredelten Flachstahlprodukten.

Konzentration in der Branche

Bei Arcelor ist der Anteil der Erzeugnisse mit hoher Wertschöpfung erheblich größer, so daß der Umsatz (2003: 26,6 Milliarden Euro) höher ist als der, am Volumen gemessen, neuen Nummer eins am Weltstahlmarkt. Die vier folgenden Unternehmen sind Konzerne aus Südkorea, Japan und China mit Produktionsmengen zwischen 20 und 30 Millionen Tonnen. Konzerne wie Arcelor und auch Thyssen Krupp Steel erwarten seit einiger Zeit eine stärkere Konzentration in der Branche. Sie streben beide auf mittlere Sicht eine Verdoppelung ihrer Produktion an, und zwar vor allem durch transkontinentale Fusionen.

Der Inder Mittal ist freilich der erste, der einen solchen Zusammenschluß europäischer und amerikanischer Stahlkonzerne arrangiert hat. Sein Kernunternehmen Ispat International ist mit einer Produktion von 12,4 Millionen Tonnen Stahl der weltweit elftgrößte Produzent der Branche. Unter der Regie des 54 Jahre alten Mittal profilierte sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren als Firmenaufkäufer. Dabei standen vor allem sanierungsbedürftige Wettbewerber in Osteuropa im Mittelpunkt. Mittal, der über ein geschätztes Privatvermögen von 6,2 Milliarden Dollar verfügt und meist von seinem privaten Wohnsitz in London aus agiert, steht daher branchenweit im Ruf, ein gewiefter Stratege und knallharter Kostendrücker zu sein.

Für Mittal der ideale Schritt

Für Mittal ist der Schulterschluß mit ISG der ideale Schritt, um sein Firmenimperium künftig im nordamerikanischen Stahlmarkt zu verankern. Die International Steel Group ist dabei erst vor mehr als zwei Jahren aus den Ruinen der zusammengebrochenen amerikanischen Stahlindustrie entstanden, als der New Yorker Finanzinvestor Wilbur Ross Vermögenswerte des insolventen Stahlkonzerns LTV übernahm. Danach kaufte Ross zahlreiche weitere angeschlagene Unternehmen billig auf, darunter 2003 die insolvente Bethlehem Steel.

Die amerikanische Stahlbranche war in den Jahren zuvor wegen Überkapazitäten und billiger Importe in eine schwere Krise gerutscht, darüber hinaus machten der Branche hohe Pensionskosten zu schaffen. Seit Ende der neunziger Jahre mußten mehr als 30 Unternehmen Gläubigerschutz beantragen. Die Krise führte zu dem umstrittenen Schritt von Präsident George W. Bush, ausländischen Stahl mit Zöllen zu belegen. Für risikofreudige Investoren bot die Schieflage der Branche allerdings eine Kaufgelegenheit: Im Insolvenzverfahren konnten die Unternehmen viele ihrer Verpflichtungen abschütteln, und ihre Vermögenswerte waren billig zu erwerben.

Eine Strategie, die aufgeht

Die Strategie von Wilbur Ross scheint aufzugehen: Nach den am Montag veröffentlichten Zahlen für das dritte Quartal ist ISG wieder klar in der Gewinnzone. Das Unternehmen wies einen Nettogewinn von 256 Millionen Dollar aus, nach einem Verlust von 19 Millionen Dollar im Vorjahr. Das Ergebnis je Aktie von 2,51 Dollar übertraf die durchschnittlichen Analystenschätzungen von 2,06 Dollar bei weitem. Der Umsatz lag im dritten Quartal bei 2,6 Milliarden Dollar. Im Dezember 2003 wurde ISG an die Börse gebracht. Das Papier hat seither 15 Prozent an Wert verloren. Am Montag legte die ISG-Aktie im Handelsverlauf rund 25 Prozent auf 37 Dollar zu.

Wilbur Ross wird bei der neuen Mittal Steel einen Sitz im Verwaltungsrat bekommen. Darüber hinaus hat er sich aber längst anderen Branchen zugewandt. In diesem Jahr kaufte er zwei insolvente Textilhersteller und formte daraus die International Textile Group. Sein jüngstes Interesse gilt der Kohle: Vor wenigen Wochen übernahm er den insolventen Kohleproduzenten Horizon Natural Resources aus Kentucky.

Quelle: ufe./lid./St., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2004, Nr. 250 / Seite 17
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