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Robuster Arbeitsmarkt : Ältere Arbeitskräfte sind so gefragt wie nie

BMW-Fertigung speziell für ältere Arbeitnehmer Bild: dpa

Die Zahl der Arbeitnehmer in der Gruppe „60plus“ ist binnen Jahresfrist um mehr als 12 Prozent gestiegen. Das zeigt: Deutschland ist ziemlich gut vorbereitet für das steigende Renteneintrittsalter.

          Die Zahl der älteren Beschäftigten in Deutschland hat einen Rekord erreicht. Das zeigen Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA), die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegen. Danach gingen im September 2012 knapp 1,484 Millionen Menschen im Alter zwischen 60 und 65 Jahren einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach. Das waren 12,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Gesamtzahl der Beschäftigten hat sich gleichzeitig um 1,5 Prozent auf gut 29,4 Millionen Menschen erhöht.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Noch bemerkenswerter stellt sich der Beschäftigungsaufbau im Verlauf der zurückliegenden fünf Jahre dar. Während dieser Zeit hat sich die Zahl der Beschäftigten in der Altersgruppe der 60- bis 65-Jährigen um 667.000 Personen oder 81,7 Prozent erhöht. Die Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen stieg währenddessen, also von September 2007 bis September 2012, um knapp zwei Millionen Personen oder 7,2 Prozent.

          Weiterqualifizierung sorgt dafür, dass das Wissen auf dem neusten Stand bleibt

          „Die Entwicklung belegt eindrucksvoll, dass Ältere als Fachkräfte in den Unternehmen gefragt sind wie nie zuvor“, kommentierte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) die Daten. In keinem anderen Land der Europäischen Union außer in Schweden seien Ältere besser in den Arbeitsmarkt integriert als in Deutschland. Handwerkspräsident Otto Kentzler sieht darin den Beleg für einen Strategiewandel: „Immer mehr Betriebe sorgen mit Qualifizierungen dafür, dass das Wissen auf dem neuesten Stand bleibt“, sagte er. „Gerade im Handwerk brauchen die Betriebe die Erfahrung älterer Mitarbeiter.“

          Diese Einschätzungen widersprechen diametral der Lesart der Gewerkschaften. Kurz vor Ostern hatte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach darauf hingewiesen, dass die Zahl älterer Arbeitsloser in jüngster Zeit gestiegen sei. „Offensichtlich haben sich viele Betriebe trotz anderweitiger Darstellung in der Öffentlichkeit noch nicht vom Jugendwahn verabschiedet“, kritisierte sie. Wer vor diesem Hintergrund Fachkräftemangel beschwöre, sei „unehrlich“, so Buntenbach.

          Prinzipiell lässt sich ein solcher gleichzeitiger Anstieg von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in der Gruppe der Älteren damit erklären, dass in den vergangenen Jahren staatlich gestützte Frühverrentungsprogramme abgebaut worden sind. Deshalb würden Ältere, die früher solche Regelungen in Anspruch genommen hätten, nun als Arbeitslose gezählt, heißt es in einer aktuellen Analyse der BA.

          Wie gut ist der Arbeitsmarkt auf das steigende Renteneintrittalter vorbereitet

          Besonders starke politische Beachtung findet stets die Beschäftigungsquote der Älteren. Sie gibt den Anteil der Personen mit sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung an der Gesamtzahl der Einwohner in der Altersgruppe der 60- bis 65-Jährigen an. Sie gilt als Indikator dafür, wie gut der Arbeitsmarkt auf die Anhebung des Renteneintrittsalters vorbereitet ist. Mit den neuen Daten hat sich diese Quote nun nach vorläufiger Berechnung auf 29,3 Prozent erhöht. Dies entspricht einem Anstieg um 2,4 Prozentpunkte binnen eines Jahres. Im direkten Quartalsvergleich hätte sich die Quote damit indes nur minimal erhöht: Drei Monate zuvor, im Juni 2012, hatte sie laut BA bereits 29,2 Prozent erreicht - obwohl damals die absolute Zahl der älteren Beschäftigten noch um 47.000 Personen geringer war als im September.

          Dieses Phänomen ist jedoch statistisch bedingt: Nach der Methodik der BA wird für die Berechnung der Quote in der zweiten Jahreshälfte jeweils eine andere, höhere Gesamtzahl älterer Einwohner zugrundegelegt als in der ersten Jahreshälfte. Bis Ende Juni 2012 ging die BA von 4,90 Millionen Einwohnern zwischen 60 und 65 Jahren aus, seit Anfang Juli 2012 unterstellt sie 5,07 Millionen. Ohne diesen Effekt hätte die Quote bereits die Marke von 30 Prozent übersprungen.

          Auch damit wird die Beschäftigungssituation der Älteren tendenziell noch unterzeichnet. Dies hatte die BDA vor einiger Zeit mit einer Analyse belegt. So sind allein rund 10 Prozent der rund fünf Millionen Einwohner im Alter zwischen 60 und 65 Jahren Beamte. Diese streben keine sozialversicherungspflichtige Arbeit an, verringern aber dennoch rechnerisch die Beschäftigungsquote.

          Quelle: F.A.Z.

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