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Risikomanagement Die Banken brauchen eine Rosskur

22.07.2009 ·  Deutschland hat rechtzeitig ein Wahlkampfthema bekommen, mit dem sich die Politiker profilieren können: die drohende Kreditklemme. Bundeskanzlerin Angela Merkel will mit den Banken ein „ernstes Wort“ reden. Das steht der wichtigsten Lehre der Finanzkrise entgegen.

Von Markus Frühauf
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Deutschland hat rechtzeitig ein Wahlkampfthema bekommen, mit dem sich die Politiker profilieren können: die drohende Kreditklemme. Aus diesem Grund will Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Banken ein „ernstes Wort“ reden und droht mit einem neuen Krisengipfel. Finanzminister Peer Steinbrück möchte wohl am liebsten seiner Kavallerie den Einsatzbefehl geben, um die vom Staat vor dem Kollaps bewahrten Banken an ihre Pflicht zur Kreditvergabe zu erinnern. Die Banken wiederum nehmen den öffentlichen Druck als Chance wahr, die Lockerung regulatorischer Fesseln zu fordern. Die Angst vor der Kreditklemme steht aber der wichtigsten Lehre der Finanzkrise entgegen: einer vorsichtigeren, also risikobewussteren Geschäftspolitik der Banken.

Ein Beispiel ist die von der Finanzaufsicht Bafin vorgeschlagene Erleichterung bei den Kapitalanforderungen, die der Bundesverband deutscher Banken unterstützt. Künftig soll eine negative Neubewertungsrücklage nicht mehr vom Eigenkapital abgezogen werden. In der Neubewertungsrücklage werden Wertpapierpositionen erfasst, deren Wertänderungen nicht die Ergebnisrechnung, aber bislang das Eigenkapital beeinflusst haben. Durch die Neutralisierung der gegenwärtig in der Regel negativen Rücklage hätten die Banken mehr Kapital und dementsprechend eine höhere Kreditvergabekapazität.

Zwang zur Kreditvergabe gefährdet Gesundung der Banken

Doch stellt sich die Frage, ob die Neutralisierung mit dem Risikomanagement vereinbar ist. Denn die Banken müssen bei der internen Berechnung ihrer Risikotragfähigkeit auch die stillen Lasten berücksichtigen. Ein Ausweg könnten Anforderungen an die der Neubewertungsrücklage zugeordneten Wertpapiere sein. Die Verluste aus toxischen Wertpapieren, die auf zweifelhaften Kreditforderungen beruhen, sollen ausgeschlossen werden, während die Wertschwankungen ausfallsicherer Staatsanleihen nicht mehr auf das regulatorische Eigenkapital durchschlagen dürfen.

Auch der von der Politik als Gegenleistung für das Rettungspaket angedrohte Zwang zur Kreditvergabe steht einer Gesundung des Bankensektors im Wege. Denn die Banken müssen die Risiken der Kreditnehmer berücksichtigen. Und das Risiko eines Kreditausfalls nimmt in einer konjunkturellen Talfahrt zu, teilweise dramatisch. Die abnehmende Kreditwürdigkeit in der Gesamtwirtschaft zwingt die Banken schon in ihrem Kreditbestand zu einer höheren Kapitalunterlegung. Im Kreditneugeschäft müssen sie mit höheren Risikokosten, also mit höheren Zinsen kalkulieren. Das alles führt zu einer geringeren Kreditversorgung. Doch das ist eine Marktentwicklung, die mit den Grundsätzen vorsichtiger Kaufleute im Einklang steht. Die exzessive Kreditvergabe, die schließlich in der Finanzkrise mündete, stand damit nicht im Einklang.

In guten Zeiten vorsorgen

Dem Vorsichtsprinzip entspricht auch der Winterspeck, den sich Kaufleute - sowohl Banken als auch Unternehmen - in guten Zeiten zulegen müssen. Ähnliches will nun der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht über die dynamische Vorsorge institutionalisieren. In Aufschwungphasen sollen sich die Banken einen Kapitalpuffer zulegen, um für schlechte Zeiten gerüstet zu sein. Dass die Banken diesen Puffer nicht hatten, hat seinen Grund auch in der Bilanzierung zum Marktwert, zum Fair Value. In Aufschwungphasen werden die Vermögensgegenstände mitunter zu übertriebenen Preisen bilanziert, was den Gewinn erhöht. Dieser löst Begehrlichkeiten der Investoren auf eine höhere Ausschüttung aus. Schließlich will auch das eigene Management von den Buchgewinnen in Form höherer Boni profitieren. Im Wettbewerb um Investoren und talentierte Mitarbeiter fällt es einer Bank schwer, diesem Druck standzuhalten.

Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn die Banken ihre Widerstandsfähigkeit durch eine stärkere Reservenbildung erhöhen. Allerdings stellt sich die Frage der regulatorischen Umsetzung: Zu welchem Zeitpunkt des Konjunkturverlaufs sollen die Aufsichtsbehörden den Banken den Aufbau eines Kapitalpuffers anordnen? In der Praxis führt dies unweigerlich zu Problemen. Letztendlich muss der Risikopuffer über strengere Eigenkapitalvorschriften erreicht werden, die die Kreditvergabekapazitäten verringern.

Keine blauäugige Kreditvergabe

Die Gesundung des Bankensektors muss nun Priorität haben. Eine funktionsfähige Kreditwirtschaft ist für eine Volkswirtschaft von existentieller Bedeutung. Dieses Ziel kann nicht erreicht werden, wenn die Banken zu einer blauäugigen Kreditvergabe gedrängt werden. Vielmehr ist eine Rosskur nötig, die bereits unter dem Schlagwort „Deleveraging“ erfolgt: Überall reduzieren die Institute ihr Geschäftsvolumen, um es wieder in eine gesunde Relation zum Eigenkapital zu bringen.

Um einer Kreditverknappung vorzubeugen, müssen die Mechanismen für eine kapitalentlastende Risikoverteilung wieder in Gang gesetzt werden. Diese sind in der Finanzkrise weggefallen, weil die Investoren kein Vertrauen mehr in forderungsbesicherte Wertpapiere haben. Schärfere gesetzliche Anforderungen an diese Kreditverbriefungen können das Vertrauen wiederherstellen. Doch das benötigt Zeit. Die Rosskur des Bankensektors kann nicht schmerzfrei erfolgen - auch nicht in Wahlkampfzeiten.

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Jahrgang 1967, Redakteur in der Wirtschaft.

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