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Ringen um einen Begriff : Was ist das gute Leben?

Qualitätszeit mit Kind, Buch und Hängematte Bild: dpa

Am Biergartentisch, im Büro, im Bürgerdialog mit der Kanzlerin: überall ist derzeit vom guten Leben die Rede. Wer es noch nicht führt, soll sich bitte rechtfertigen. Doch der hoch erhobene moralische Zeigefinger hilft hier nicht weiter. Ein Kommentar.

          Das gute Leben klingt nach Livemusik, schmeckt nach frisch gebackenen Waffeln und natürlich kommt es ohne Autofahren aus. Für einen Sonntag, den „Tag des guten Lebens“, wurde es kürzlich im Kölner Stadtteil Sülz Wirklichkeit. „Was genau das gute Leben ist, können und wollen wir nicht vorgeben“, schreiben die Veranstalter im Internet, „wir finden einen gemeinsamen Nenner aber in einem sozialen, nachbarschaftlichen und fairen Umgang und der Rücksicht auf unsere Umwelt.“

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Das klingt gut, ist es wahrscheinlich auch. Gegen Fairness und Rücksicht auf die Umwelt ist schließlich nichts zu sagen. Im Gegenteil, etwas mehr davon könnte häufig nicht schaden. Gar nicht gut ist hingegen der inflationäre Gebrauch des scheinbar harmlosen Wortes „gut“, das immer häufiger in einem Atemzug mit dem mit dem bedeutungsschweren Substantiv „Leben“ verwendet wird. Nicht nur auf alternativen Straßenfesten ist vom „guten Leben“ die Rede, das Begriffspaar hat Hochkonjunktur, selbst die Bundesregierung will mit ihrem jüngst gestarteten Bürgerdialog herausfinden, was das „gute Leben“ ist – und wird es sicherlich nicht bei Worten belassen.

          Was an dieser Wortwahl schlecht ist? „Gut“ ist nicht einfach ein harmloses, Gefallen signalisierendes Adjektiv, „gut“ ist eine moralische Kategorie. Wer mit dieser hantiert, sollte sich bewusst sein, was er tut. Einen bestimmten Lebensstil als gut zu bezeichnen, erhebt ihn automatisch über andere. Das wird deutlich, wenn man sich den Gegensatz von gut vor Augen führt: „schlecht“, oder gar „böse“. Führt der, der nicht gut lebt, also ein schlechtes oder böses Leben? Wer will das schon? Es ist etwas substantiell anderes, ob für einen nachhaltiges, rücksichtsvolles Leben geworben oder eben das gute Leben für sich reklamiert wird.

          Anderslebende damit implizit als schlecht oder böse abzustempeln, ist auch deshalb keine Kleinigkeit, weil die Dinge, die mit dem „guten Leben“ assoziiert werden – sei es ein besonders bewusster Konsum oder ein Karriereverzicht zugunsten der Familie – längst nicht jedem vergönnt ist. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung kann sich im Supermarkt täglich in der Region geerntetes Gemüse und Bio-Fleisch leisten. Und wer tagsüber zum Mindestlohn schuftet und sich abends noch etwas dazuverdienen muss, um einigermaßen über die Runden zu kommen, der hat wenig Spielraum für ein Feilen an der Work-Life-Balance und Musikstunden mit seinen Kindern.

          Auch die Regierung ist noch auf der Suche

          Damit keine Missverständnisse entstehen: Nichts daran ist verkehrt, sich Gedanken über seinen Lebensstil zu machen und nicht auf Kosten der Natur oder kommender Generationen leben zu wollen. Allerdings schaden die Verfechter dieses Ansatzes ihrer „guten“ Sache, wenn sie sich durch ihre Wortwahl zur moralischen Instanz aufschwingen. Denn wer nicht mit Argumenten überzeugt, sondern seine angebliche moralische Überlegenheit auszuspielen versucht, der läuft Gefahr, die falschen Schlüsse zu ziehen und ins Ideologische abzugleiten. Schmerzlich erfahren haben das in der letzten Bundestagswahl die Grünen, die das gute Leben mittels Veggie-Day zur Pflicht für alle machen wollten. Sie vergaßen, dass sich die Menschen ihren Ernährungsplan nicht von der Politik diktieren lassen wollen.

          Auch die Bundesregierung läuft Gefahr, in diese Falle zu tappen. Kanzlerin Angela Merkel betont in ihren Bürgersprechstunden zwar, „keine Antworten“ zu haben, schließlich sei die Regierung noch auf der Suche nach dem, was das gute Leben ausmacht. Die Menschen sollen ihr sagen, was ihnen auf der Seele brennt. Doch die Instrumente, um die bald gefundenen Erkenntnisse ins Werk zu setzen, stehen schon bereit. Das Kanzleramt suchte kürzlich nach „Nudging“-Fachleuten, die beim „wirksamen Regieren“ helfen sollen. Verhaltensökonomisch geschultes Personal könnte dafür sorgen, den Bürgern kleine Schubser zu geben, damit sie „gut“ leben. Das Bemerkenswerte daran: „Nudging“ zeichnet sich dadurch aus, dass es halb im Verborgenen geschieht. Verhaltensökonomisch optimierte Gesetze und Regeln werden so angelegt, dass Bürger automatisch mehr für das Alter sparen oder sich gesünder ernähren, ohne sich jedes Mal bewusst dafür entscheiden zu müssen. Befürworter bezeichnen diese Methode des „sanften Paternalismus“, auf die auch Regierungen anderer Staaten setzen, als effektiv – Kritiker bezeichnen sie als bevormundend oder gar als perfide.

          Der Bürgerdialog mit Bundeskanzlerin Angela Merkel fragt, was gut ist: Bisher hat die Bundesregierung noch keine Antworten darauf gefunden.

          Ein Musterbeispiel liefert das Thema Organspende. Verhaltensforscher wissen, dass Menschen der Spende häufiger zustimmen, wenn sie von vorneherein als Spender registriert sind und sich erst bewusst gegen die Organentnahme aussprechen müssen. Der Bürger hat in diesem Fall weiterhin die Wahl, dennoch verhält er sich oft anders, als wenn er sich erst bewusst als Organspender melden muss. Im Handumdrehen würde der menschliche Körper zum Ersatzteillager umdefiniert.

          Wer sich als moralisch überlegene Instanz begreift, wird an solchen Reformen wenig auszusetzen haben. Auch um dem nicht Vorschub zu leisten, täten Verfechter des guten Lebens gut daran, in ihrer Wortwahl einen Gang zurück zu schalten. Gut gemeint ist bekanntlich längst nicht gut gemacht.

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