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Rheintalstrecke gesperrt : Züge umfahren Deutschland weiträumig

Weg waren sie: In der Nähe von Raststatt sind die Bahngleise abgesackt. Bild: dpa

Die Rheintalstrecke bleibt nach neuen Erdbewegungen noch länger geschlossen. Die Deutsche Bahn arbeitet unter Hochdruck an einer Lösung. Ursache könnte ein neues Verfahren beim Tunnelbau sein.

          Die Rheintalstrecke, eine der wichtigsten Bahnverbindungen in Europa, bleibt bis auf weiteres auf der Höhe von Rastatt gesperrt. Nach einer Havarie am Samstag in der Tunnelbaustelle in Rastatt verbogen sich die Gleise der darüber verlaufenden Bahnlinie – ein Schaden, den die Bahn zunächst bis zum 26. August behoben haben wollte. Nach neuen Erdbewegungen in der Nacht zum Dienstag aber ist klar: Dieser Zeitplan ist nicht zu halten. „Eine genaue Prognose ist nicht möglich“, sagte Sven Hantel, der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn AG für Baden-Württemberg. Die Ursache sei unklar. „Wir sind mit Hunderten von Mitarbeitern im Einsatz, um diese Lage zu bewältigen“, so Hantel.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Für die Wirtschaft wird die Sperrung erhebliche Folgen haben. Bis zu 200 Güterzüge täglich nutzen die Strecke, diese müssen nun teilweise Deutschland weiträumig umfahren. Von Rotterdam nach Genua geht es nun statt über die Rheinschiene über Antwerpen und Metz nach Basel. Weiter im Osten wird eine Route über den Brenner vorgeschlagen. Dazwischen bestehen Ausweichmöglichkeiten lediglich in begrenztem Umfang. Manche Strecken haben allenfalls Kapazitäten von einigen wenigen Zügen am Tag, manche müssten mit Dieselloks befahren werden. Insgesamt 200 Umleitungstrassen biete die Bahn ihren Kunden an, berichtete Hantel während einer Pressekonferenz in Karlsruhe. Teilweise werde der Nahverkehr eingeschränkt, teilweise prüfe man die Verschiebung von Baustellen. Ausgerechnet die andere Hauptachse in Nord-Süd-Richtung, die Gäubahn von Stuttgart nach Schaffhausen, ist wegen Bauarbeiten bis zum 11. September gesperrt, woran eigentlich wenig geändert werden kann, weil schon 14 Kilometer Gleise herausgerissen seien. Dennoch wird dort nun über eine Beschleunigung der Arbeiten gesprochen. Das zeigt, dass die Bahn mit Blick auf die Trassensperrung im Rheintal mittlerweile in großen zeitlichen Dimensionen denkt.

          Welche wirtschaftlichen Schäden durch die Sperrung entstehen, vermag man bei der Bahn derzeit noch nicht abzuschätzen. Verhältnismäßig reibungslos verläuft den Angaben zufolge der Personenverkehr. Am Tag verkehren allein rund 70 Fernzüge mit 20.000 Reisenden, für die – ebenso wie für den Nahverkehr – ein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet wurde.

          Rätsel um die Ursache des Schadens

          Über die Ursache des Schadens wird noch gerätselt. „Wir können gar nichts ausschließen“, sagte Bahn-Manager Hantel auf die Frage nach der Verantwortlichkeit zum Beispiel des Tunnelbohrer-Lieferanten Herrenknecht. Just an der Unglücksstelle wurde beim Tunnelbau erstmals ein Verfahren eingesetzt, bei dem der Untergrund auf minus 35 Grad vereist wurde, um den Boden zu stabilisieren. Das Verfahren sei vom Eisenbahnbundesamt freigegeben worden, betonte Hantel: „Die Entscheidung, das so zu machen, ist heute noch richtig.“ Er sprach von einer „Havarie“ im Tunnel der Neubaustrecke unter Rastatt, womit nicht der Zusammenstoß von Gerätschaften gemeint ist. Vielmehr sollen Erdbewegungen dazu geführt haben, dass sich die sogenannten Tübbinge verschoben haben, die Betonverschalungen der Tunnelwände. Die dabei entstehenden Kräfte waren offenbar so stark, dass die darüber verlaufenden Gleise, die nur fünf Meter Abstand zum Tunnel haben, sich auf einer Länge von mehreren Metern halbkreisförmig nach unten verbogen haben. Die Verformung sei definitiv nicht dadurch entstanden, dass ein Zug darübergefahren sei, betonte Hantel. Die Abweichungen der Gleise würden im Millimeterbereich registriert, der zuständige Fahrdienstleister habe sofort reagiert und den nächsten Zug gestoppt.

          Zur Stabilisierung der Tunnelbaustelle hat die Bahn mittlerweile den Untergrund auf rund 50 Metern Länge mit Beton verfüllt. Dadurch sei auch die Tunnelbohrmaschine von Beton eingeschlossen, heißt es. Der Vortrieb des zweiten Tunnels sei ebenfalls komplett gestoppt.

          Die Deutsche Bahn gibt in diesem Jahr 7,5 Milliarden Euro aus, um ihr Netz zu modernisieren und zu erneuern. Instand gesetzt werden rund 1650 Kilometer Gleise, 1800 Weichen und 4600 Anlagen der Leit- und Sicherungstechnik. Derzeit wird im deutschen Schienennetz täglich auf rund 1000 Baustellen gearbeitet. Künftig soll besser über Regionen hinweg geplant werden, um die Baustellen verträglicher zu gestalten und die Pünktlichkeitswerte zu verbessern, wie Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla vor einigen Wochen ankündigte. Bis Jahresende sollen rund 100 Mitarbeiter in einem neuen Lagezentrum, das die Baustellen zentral steuert, beschäftigt sein – dann möglichst mit einer „kapazitätsschonenden“ Baustellenplanung für ein halbes Jahr im Voraus. Ob dieses „interne Radarsystem“ im Fall der Rheintalstrecke geholfen hätte, steht auf einem anderen Blatt. Denn der völlige Stillstand auf einer der wichtigsten Magistralen ist kaum über Ausweichstrecken aufzufangen.

          Quelle: F.A.Z.

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