14.12.2008 · Die Zeiten der Krise wecken die Instinkte des Widerstands gegen diese ganze Welt des Wirtschaftens. Die Rhetorik der Dringlichkeit scheppert hohl. Ich will der Wirtschaft nicht helfen, sondern konsumübellaunig sein und bleiben.
Von Richard WagnerIch will ja nicht gleich auf das Duschgel verzichten und mich nur noch mit der Bürste schrubben, wie der Mundartsänger Georg Ringsgwandl. Noch werde ich sämtliche Produkte der Körperhygiene als Angriff auf meine persönliche Authentizität verstehen, wie die Mädchenbuchautorin Charlotte Roche. Aber vielleicht ist es von Bedeutung, wenn ich meinen Kindern auch unter Einsatz all meiner Phantasie nicht erklären kann, warum ein sogenannter Duschtempel für die eigenen vier Wände über eine aberwitzige Anzahl von Düsen verfügt, die sensorgesteuert und aus allen Richtungen sogar körperliche Nischen erreichen, die Frau Roche noch nicht kennt.
Und vielleicht trifft das auch auf x-beliebige Luxusmätzchen an Toastern, Kaffeevollautomaten, Automobilen oder Kühlschränken zu, von Mobiltelefonen und anderem elektronischem Unterhaltungskrempel ganz zu schweigen, die ich ja auch nur betrachte wie ein Helot am Nil die vorbeiziehenden Schiffe.
Innovationen sind natürlich toll. Und mir käme es nie in den Sinn, die „seelenvolle Poesie der Petroleumlampe und des Kaminfeuers gegen die entseelte Prosa des Lichtschalters und der Zentralheizung auszuspielen“ (Sebastian Haffner) – es sei denn im Urlaub. Dennoch wecken diese Zeiten der Krise, in denen Banken, Automobilkonzerne und deren Zulieferer und wer weiß was noch alles in die Brüche gehen, meine Instinkte des Widerstands gegen diese ganze Welt des Wirtschaftens. Die Rhetorik der Dringlichkeit, mit der der selbstverschuldete Weltuntergang mit Hilfe erhöhten Konsums aufgehalten werden soll, scheppert hohl.
Warum haften für etwas, an dem man keine Schuld trägt?
Hinzu kommt, dass kein normaler Mensch, dem das materielle, seelische und geistige Wohlergehen und die moralische Integrität seiner selbst und seiner Lieben am Herzen liegt, ohne Abscheu über diese Orgie aus Habgier, Skrupellosigkeit, Gewissensarmut und Egolatrie sprechen kann. Legitimatorische Erzählungen für unseren way of life, selbst wenn wir ihn Soziale Marktwirtschaft nennen und nun als weltweit exportfähiges Modell nach dem Ende der neoliberalen Erzählungen anpreisen, sind dieser Tage holprig – es waren ja nicht nur die Amerikaner die bösen Buben, sondern auch hiesige Sparkassen- und Landesbankdirektoren sowie willige Politiker.
Und wer will sich schon gerne in die Pflicht nehmen lassen für etwas, an dem er keine Schuld trägt? Wer möchte sein Geld in Form von Steuermitteln schon gerne in die Taschen derjenigen wandern sehen, die durch unverantwortliches Handeln, Maßlosigkeit oder Unfähigkeit das Arbeitsleben anderer Leute verspielt haben?
Sparsamkeit gilt als Kapitalverbrechen
Was jetzt aber gerade noch gefehlt hat: Nachdem die sauer abgeführten Steuermilliarden zu sogenannten Schutzschirmen umfunktioniert wurden, ist es immer noch nicht genug. Jetzt werde ich, der ich mein Scherflein beigetragen habe, auch noch als moralisches Lotterwesen hingestellt. Und das nur, weil in mir auch die „schwäbische Hausfrau“ wohnt, die nur dasjenige erwirbt, was sie wirklich braucht und sich leisten kann. Sparsamkeit gilt ja mittlerweile als Kapitalverbrechen. Auf einmal sollen die Bürger im Gewand des Kunden für die Wirtschaft da sein. Was aber tun, wenn man ein Auto hat, das es noch lange tut? Wenn der Röhrenfernseher Bilder liefert, die noch ganz gut zu erkennen sind? Und warum sollte man sich vom Toaster trennen, wenn er goldene Brotscheiben liefert und nur die Krümelschublade eine gewürzgurkenhafte Oberfläche hat?
Dabei könnten wir sparwütigen Deutschen uns Neuanschaffungen, die wir wirklich brauchen, noch am ehesten leisten. Anders als Amerikaner, die wegen ihres elenden Optimismus glauben, auf Dauerpump leben zu dürfen, und jetzt in einer Finanzierungsklemme oder Kreditklemme oder irgendeiner anderen Klemme stecken. Uns geht es da gold, denn unser Sozialstaat ist so ausgestattet, dass wir gar nicht für Notzeiten sparen müssten. Wirkliche Armut, heulendes Elend sind bei uns selten; und die Versorgung der Bevölkerung mit Flachbildschirmen bis sehr weit nach unten ist auch sichergestellt.
Ich will konsumübellaunig sein
Rezession hin, Konjunktur her – ich will der Wirtschaft nicht helfen, sondern konsumübellaunig sein. Und die Rettung des Planeten ist mir momentan auch schnuppe, einerlei, ob die Weltgemeinschaft sich hinter UN-Generalsekretär Ban Ki-moon aufgereiht hat, um als Krisengewinnler ihre grüne Revolution herbeizuträumen, deren Anzeichen besonders Pfiffige darin erkennen, dass gescheiterte Unternehmen keine Schadstoffe mehr ausstoßen können.
Zähle also vorerst niemand auf mich bei der Rettung der Welt, denn, ehrlich gesagt: Ich hab’ die Schnauze voll von den Tricksereien und den Lügen und werde mich meinem kleinen Garten zuwenden, weil es dort Dinge zu entdecken gibt, die ich meinen Kindern besser erklären kann als das Vertrauen in den Markt oder den Glauben an die Politik. Menschen früherer Jahrhunderte war ihr „Lebensstandard“ einerlei, schreibt Haffner, sie interessierten sich für ihr Seelenheil. Das klingt für den Anfang nicht schlecht.
Ich auch nicht
Chi Tamago (tamago)
- 14.12.2008, 00:05 Uhr
Treffende Gefühlsgranate...
Christoph Rohde (prediger1)
- 14.12.2008, 12:29 Uhr
Klasse!
Johann Prossliner (Prossliner)
- 14.12.2008, 12:30 Uhr
Danke.
Thomas Nickel (trebsamoht)
- 14.12.2008, 12:59 Uhr
Apfelbaümchen
Jens lühr (jensluehr)
- 14.12.2008, 13:40 Uhr
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