12.08.2003 · Wasser ist ein Grundrecht. Sagen die Vereinten Nationen. Wasser ist eine Ware wie jede andere. Sagen die Ökonomen.
Von Rainer Hank"Ein uralter Traum kann in Erfüllung gehen: klares, reines Wasser für alle Menschen." Michel Camdessus, der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds, neigt nicht zu Lyrik. Doch als er im März 2003 seinen aufsehenerregenden Report "Wasser für alle" vorlegte, hielt er die pathetische Wendung für angemessen.
Von diesem Traum ist die Realität heute weit entfernt: 1,2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. 2,5 Milliarden Menschen mangelt es an sanitären Einrichtungen. Es sind vor allem Menschen in den Ländern Afrikas südlich der Sahara. Die Folgen der Wasserknappheit sind dramatisch: Mangelnde Trinkwasserqualität gilt als Todesursache für jährlich fünf Millionen Menschen. 10000 bis 20000 Kinder, sagen Schätzungen, kommen jeden Tag zu Tode, weil verdorbenes Wasser ihr Leben beendet.
"Wasser muß ausreichend, preisgünstig und völlig sicher sein"
Die Vereinten Nationen haben den Zugang zum Wasser als Menschenrecht ausgerufen: "Das Menschenrecht auf Wasser ist unveräußerliche Grundlage, ein würdiges Leben zu führen. Es ist zugleich Voraussetzung dafür, weitere Menschenrechte zu verwirklichen." Halbiert werden soll weltweit die Zahl jener, die keinen Zugang zu Trinkwasser und sanitären Einrichtungen haben. Das haben sich alle Staaten der UN in die Hand versprochen. "Ein ehrgeiziges Ziel. Aber wir können es schaffen", sagt Camdessus.
Doch wie? Da beginnt der Streit. Der Streit ums Wasser. Viele Umwelt- und Nichtregierungsorganisationen leiten aus der Definition der UN einen Rechtsanspruch ab, einlösbar für jedermann: "Wasser muß ausreichend, preisgünstig, in der Nähe erreichbar und völlig sicher sein", lautet das Ziel der Organisation "Water-Aid", eine international agierende Wohltätigkeitsorganisation in London. Maude Barlow, Gründerin der Blue-Planet-Bewegung zum Schutz des Wassers, schlägt radikalere Töne an. "Das Süßwasser der Erde ist ein Wert an sich und hat unbedingten Vorrang vor dessen ökonomischem Wert", setzt sie dagegen. Es dürfe nicht als Privatbesitz oder Ware gelten, die aus Gewinnstreben gekauft oder gehandelt werde. "Wasser muß in kollektiver Verantwortung bewahrt werden."
"Was nichts kostet, ist nichts wert" - und wird verschwendet
Der Widerspruch gegen solche Positionen konnte nicht ausbleiben. "Es gibt auf der Erde genügend Trinkwasser, das ausreicht, die Versorgung der Menschen zu sichern", sagt Camdessus und mit ihm die große Mehrheit aller Ökonomen. Das schlagende Argument: Wasser ist eine unendliche Ressource. Anders als fossile Brennstoffe geht der nasse Stoff nicht verloren. Der ewige Kreislauf von Verdunstung und Niederschlag folgt dem Gesetz der Wiederkehr des Gleichen. Obwohl von den 110000 Milliarden Kubikmeter Wasser, die jährlich auf die Erde regnen und schneien, nur 12500 als Trinkwasser taugen, wäre das für die Menschheit ausreichend, behauptet die Unesco.
Warum haben dann so wenig Menschen Zugang zu gutem Wasser? "Weil Wasser global verschwendet wird", sagen die Fachleute. Ressourcen und Tanks fehlen, Leitungen sind leck oder verschmutzt - falls es überhaupt ein Leitungssystem gibt. Solche Gründe sind offenbar ausschlaggebender für die Wassernot als der naheliegende Verweis auf die regional und saisonal unterschiedliche Verteilung des Wassers. Der Beweis: Äthiopien und Australien haben ein vergleichbares Klima. Doch nur in Äthiopien ist Wasser knapp. Die größten Wasserverschwender weltweit sind die Landwirte, nicht die Swimmingpoolbesitzer: Mehr als 70 Prozent des global verbrauchten Wassers rinnt über Äcker und sickert in die Böden der Felder; in einzelnen Ländern sind es 90 Prozent. Für Peter Gleick vom kalifornischen Pacific-Institut sind fehlende Effizienzen und unzureichende technische Mittel die Hauptgründe für die Verschwendung. Die Ökonomen liefern die Gründe mit, warum Wasser verschwendet wird, wo es doch ein solch knappes Gut ist. In den allermeisten Ländern hat Wasser keinen Preis. Die Bauern erhalten es kostenlos oder hoch subventioniert vom Staat. "Was nichts kostet, ist nichts wert" - und wird verschwendet.
"Wasser muß einen Preis bekommen"
Die Ökonomen ziehen deshalb einen ganz anderen Schluß aus der Wassermisere als die Umweltbewegung. "Wasser muß einen Preis bekommen." Der Einwand der Globalisierungskritiker, das träfe wieder die Armen, läßt sich entkräften. "Wasserpreise können progressiv gestaltet werden, oder die ganz Armen könnten öffentliche Beihilfen erhalten", sagt Eric Heymann, Wasserexperte der Deutschen Bank. Andere sprechen sich für ein System von Wassernutzungsrechten aus, die gehandelt werden können. Das gibt einen Anreiz, sparsam mit Wasser umzugehen. Wird Wasser zu Marktpreisen verkauft, könnten Landwirte gespartes Wasser an die Städte verkaufen.
Der Staat könnte den Landwirten auch Wassernutzungsrechte abkaufen und sie dazu anleiten, weniger wasserintensive Erzeugnisse zu produzieren.
Erst wenn für Wasser ein Preis gezahlt wird, sind auch Investoren am Aufbau eines effektiven Wassernetzes interessiert. Doch es wird teuer. 1,4 Milliarden Dollar sind bis 2010 jährlich nötig, damit doppelt so viele Afrikaner Zugang zu ordentlichem Wasser bekommen, schätzt die Afrikanische Entwicklungsbank.
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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