Home
http://www.faz.net/-gqe-75djb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Reportage Auf der Kirmes der Nerds

Rund 5000 Computerexperten, Hacker und Bürgerrechtler treffen sich derzeit auf der Jahreskonferenz des Chaos Computer Clubs. Sie trinken Mate-Limo, diskutieren über Datenreihen und probieren Dinge aus, die sie am heimischen Rechner lieber nicht tun würden.

© dpa Vergrößern Chaos und Computer: So sieht es aus auf dem Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs.

Im Hamburger Kongresszentrum herrscht Kabelsalat. An runden Konferenztischen hocken russische Informatiker, schwedische Hacker und deutsche Netzaktivisten zwischen provisorisch zusammengestöpselten Laptops, verknoteten Datenkabeln, blinkenden Messgeräten und Netzwerkrechnern, aus denen dutzende Leitungen herausbaumeln. Junge Männer mit Pferdeschwänzen, Heavy Metal T-Shirts und ausgetretenen Turnschuhen drücken sich an älteren Programmierern mit schütterem Haar und ausgewaschenen Hemden vorbei. Die Luft ist stickig, der Teppich dämpft das tausendstimmige Gemurmel. Ein Mann im Star-Wars-Kostüm mit weißem Helm, Brustpanzer und Beinschienen schleicht durch die Menge und fuchtelt mit seiner Strahlenkanone aus Plastik.

Draußen vor dem Betongebäude aus den siebziger Jahren wird derweil die Warteschlange immer länger. Rund 5000 Besucher strömen zur Jahreskonferenz von Europas größtem Hackerverein, dem Chaos Computer Club. Seiner Einladung folgen Besucher aus der ganzen Welt. Am Donnerstag hat das Treffen begonnen, es endet am Sonntag. In den vergangen vierzehn Jahren war die Konferenz in Berlin, doch in den Räumen am Alexanderplatz wurde es zu eng. Deshalb haben sich die Veranstalter in diesem Jahr wieder für Hamburg entschieden, wo der Kongress schon vor 1998 mehrmals tagte. In knapp 100 Vorträgen berichten Computerexperten und Bürgerrechtler über europäischen Datenschutz, Sicherheitslücken in Festplattenverschlüsselungen, Mobilfunknetze, Hackerethik und in Kleidung integrierte Funkchips.

Jahreskongress des Chaos Computer Club Datenkabel überall © dpa Bilderstrecke 

Das Treffen gleicht einer Mischung aus politischer Kundgebung, Fachkonferenz und Kirmes für Nerds. „Widersetzt euch dem Überwachungsstaat“, ruft der amerikanische Hacker und Wikileaks-Unterstützer Jacob Appelbaum den Besuchern zu Beginn der Konferenz zu. Derweil stecken im sogenannten Hackerzentrum - einem Raum mit gedämpftem Licht im Erdgeschoss - kleine Gruppen von Computerkennern ihre Köpfe zusammen, löten Platinen und diskutieren über nicht enden wollende Datenreihen auf ihren Bildschirmen. Auf der Konferenz gilt es als offenes Geheimnis, dass manche mit ihrem Computer in der anonymen Besuchermasse abtauchen und die schnelle Internetverbindung nutzen, um Dinge auszuprobieren, die sie an ihrem heimischen Rechner lieber nicht tun würden.

In geschlossene Computernetze einzudringen und Schwachstellen in Sicherheitssystemen aufzuspüren ist aber längst nicht mehr das wichtigste Thema der Fachleute, die sich auf diesem Treffen zusammengefunden haben. „Das Themenspektrum ist sehr viel breiter geworden“, sagt Dirk Engling vom Chaos Computer Club. Er gehört zur achtköpfigen Organisationsgruppe, die das Treffen auf die Beine gestellt hat. Während sich die Diskussionen in den vergangenen Jahren oft um Sicherheitslücken von Internetseiten und Datenbanken drehten, stünden heute grundsätzliche Themen wie die Freiheit im Netz im Mittelpunkt. Zudem diskutiert der Chaos Computer Club in diesem Jahr mit seinen Fachbesuchern besonders intensiv darüber, welche negativen Folgen der von Programmierern  vorangetriebene technische Fortschritt haben kann - wenn er zum Beispiel der Entwicklung von neuen Waffen oder Überwachungssystemen dient.

10.000 Liter „Hackerbrause“

Damit die Kehlen während diesen ernsten Diskussionen nicht zu trocken werden, haben die Veranstalter rund 10.000 Liter der koffeinhaltigen Mate-Limonade - in der Szene als „Hackerbrause“ bekannt - herangeschafft. Das sei eigentlich nicht viel, sagt Engling, aber in Hamburg habe man nicht mehr auftreiben können.

Wachsende Aufmerksamkeit richtet sich auf die Sicherheit von Mobilfunknetzen und Smartphones. Im Hackerzentrum hockt eine kleine Gruppe über einem Gerät von Samsung und versucht herauszufinden, ob einige vorinstallierten Programme dazu dienen, Daten über die Nutzer zu sammeln. Ein niederländischer Hacker hat eine kleine Telefongesellschaft für Gleichgesinnte ins Leben gerufen und berichtet
darüber in einem Vortrag. Die Pläne der Automobilwirtschaft für vernetzte Autos, welche untereinander Daten austauschen, sorgen für Unmut. In einem großangelegten Forschungsprojekt im amerikanischen Ann Arbor prüfen einige Hersteller zurzeit, ob mit dieser Technik Unfälle reduziert werden können. Die dafür entwickelten Geräte hätten Sicherheitslücken, sagt die Hackerin Christie Dudley: „Sie können diese Geräte hacken“, rief sie den Besuchern zu. Das sei eine gute Möglichkeit, um auf Risiken der Technik aufmerksam zu machen.

Mehr zum Thema

Am Ende des Tages, wenn die Luft in den zahllosen Konferenzräumen allzu dick wird, geht das Treffen im Partyzelt vor der Tür und in der Lounge unterm Dach weiter. Für wenige Stunden spielen dann Programmiersprachen, Überwachungsstaat und Antiterrordatei keine Rolle mehr. Dumpfe Technomusik dröhnt aus den Boxen, das Bier fließt in Strömen. Funkamateure tanzen mit Softwareentwicklern und Bürgerrechtlern. Nicht ohne Grund beginnen die frühesten Vorträge erst um 11 Uhr am nächsten Vormittag.

Quelle: FAZ.net

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Cyberattacke Hacker dringen in Netzwerk des Weißen Hauses ein

Angreifern ist es offenbar gelungen, sich Zugriff auf ein Netzwerk im Präsidialamt zu verschaffen. Einem Bericht zufolge vermuten Obamas Sicherheitsberater Russland hinter dem Angriff. Mehr

29.10.2014, 02:45 Uhr | Politik
Melonen-Kunst zur Fußball-WM

In Sao Paulo hat ein Koch eine neue Kunstform kreiert. Seit 12 Jahren schnitzt er Gesichter von Hotel-Besuchern und Prominenten in die Melonen. Besonders gerne berühmte Fußballer. Mehr

08.05.2014, 13:06 Uhr | Gesellschaft
Propagandaangriffe IS-Sympathisanten hacken deutsche Firmenwebsites

Islamistische Propagandabotschaften statt Kinoprogramm: Unterstützer des Islamischen Staats haben mehreren deutschen Mittelständlern und ihren Kunden eine böse Überraschung bereitet. Auf Facebook brüsten sie sich mit ihren Erfolgen. Mehr

17.10.2014, 07:05 Uhr | Politik
Tierische Attraktion: Löwenbabys

In einem japanischen Zoo kann man geballte Niedlichkeit bewundern. Zwei Löwenbabys sind die jüngste Attraktion im Fuji Safari Park. Doch Vorsicht! Streicheln können Besucher sie nur, bis sie drei Monate alt sind. Mehr

03.05.2014, 14:22 Uhr | Gesellschaft
Gamergate Wenn Kritik kommt, hört das Spiel auf

Zwischen Computerspielern und Journalisten, die über Computerspiele schreiben, gibt es heftigen Streit. Unter dem Stichwort Gamergate wird mit gefährlichen Mitteln um die Deutungshoheit gekämpft. Mehr Von Morten Freidel

28.10.2014, 18:41 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 28.12.2012, 13:39 Uhr

Abgesang auf den Stabilitätspakt

Von Werner Mussler, Brüssel

Brüssel beugt sich Rom und Paris. Die Vorgaben des Stabilitätspakts werden für sie aufgeweicht. Damit signalisiert die Kommission: Einige Staaten sind gleicher als andere. Mehr 7

Umfrage

Sparen Sie angesichts der niedrigen Zinsen noch?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Erneuerbare Energien spielen in der Industrie kaum eine Rolle

Die erneuerbaren Energien sind auf dem Vormarsch. In der Industrie kommen sie bislang allerdings wenig zum Einsatz, wie unsere Grafik des Tages zeigt. Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden