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Rente : Feiern bis zum bösen Erwachen

Alterung der Gesellschaft: In Zukunft wird es in Deutschland immer mehr Rentner geben Bild: dpa

Vor 125 Jahren hat Otto von Bismarck die gesetzliche Rentenversicherung eingeführt. Heute zum Festakt haben viele ein mulmiges Gefühl: Denn so rosig wie die Vergangenheit sieht die Zukunft nicht aus. Eine Analyse.

          Der Festredner auf einem 125. Geburtstag hat vor allem eine Aufgabe: Er muss die Vermutung zerstreuen, der Jubilar habe seine beste Zeit längst hinter sich. An diesem Dienstag wird Bundeskanzlerin Angela Merkel genau das tun, wenn sie in einer Feierstunde die gesetzliche Rentenversicherung, die im Jahr 1889 unter Kanzler Otto von Bismarck per Reichstags-Gesetz geschaffen wurde, als eine der wichtigen Errungenschaften der deutschen Geschichte preist. Und sie wird wohl - vielleicht mit einer kleinen Mahnung verbunden - versichern, dass sie auch für die Zukunft gut gerüstet sei.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Tatsächlich wirkt die gesetzliche Rentenversicherung im Moment gesund. Ihre Reserven sind dank der durch die außergewöhnlich gute Beschäftigungslage gestärkten Beitragsflüsse so üppig wie nie. Das Finanzpolster ist so dick, dass der Rentenbeitragssatz Anfang des kommenden Jahres um 0,2 Punkte auf 18,7 Prozent sinken kann - auf den niedrigsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten.

          Wenn die Wirtschaftslage stabil bleibt, könnte dieser Satz sogar bis zum Jahr 2018 halten, obwohl die große Koalition sich und ihren Wählern höhere Mütter-Renten und die Rente mit 63 leistet. Hunderttausende Rentnerinnen haben den Aufschlag inzwischen auf dem Konto, mehr als 160.000 Rentner genießen schon ihren abschlagsfreien Vorruhestand. Und gut 20 Millionen Senioren können von ihrer jüngsten Rentenerhöhung zwar keinen Festakt bezahlen, aber immerhin eine Sahnetorte.

          Rentenniveau sinkt bedrohlich schnell

          Die Sozialpolitiker der großen Koalition sind deshalb in Feierlaune. Der CDU-Politiker Peter Weiß, im Bundestag einer der Kenner des Rentensystems, spricht von 2014 als einem „Sensationsjahr“ für die Rentenversicherung. Allerdings dürfte es das letzte Jahr der Superlative gewesen sein. Denn die Alterung der Gesellschaft belastet das System zunehmend, die neuen Rentenleistungen verschärfen das Problem. Nicht erst im Jahr 2018 wird sich zeigen, dass die Rentenversicherung eben doch ihre schönsten Jahre hinter sich hat. Gerade musste das Arbeitsministerium eingestehen, dass die Rente mit 63 schon in diesem Jahr teurer wird als erwartet. Diese Erkenntnis erschwert nun eine Einigung der Koalitionspartner über flexiblere Übergänge in den Ruhestand, die dringend gebraucht werden, weil es den Einheitsrentner weniger denn je gibt.

          Schon dieses Jahr hat die große Koalition dem Rentenglück zudem auf sehr fragwürdige Weise nachgeholfen: Die eigentlich gebotene Beitragssenkung um 0,6 Prozentpunkte setzte sie aus, um die Wohltaten für Mütter und Frührentner besser finanzieren können. Mit ihrer Rentenpolitik beschleunigen Union und SPD den unvermeidbaren Rutschbahn-Effekt: Das Finanzpolster schmilzt so schnell wie der Schnee auf dem Kilimandscharo, und das Rentenniveau sinkt rascher auf bedrohlich niedrige Werte. So schwächt die Koalition die Legitimation der Rentenversicherung als Pflichtversicherung.

          Alle Rentenprognosen der Regierung enden derzeit im Jahr 2030 und malen das Bild, alles sei im Lot. Doch spätestens um 2030 wird sich die Lage der Rentenkasse weiter zuspitzen. Dann scheiden die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben. Aus vielen Arbeitnehmern werden dann viele Rentner, die aber zu wenig Kinder in die Welt gesetzt haben, als dass der Generationenvertrag weiter gut funktionierte.

          Die Tiefe des Einschnitts blendet die Regierung noch aus. Nach dem jüngsten Rentenversicherungsbericht sinkt das Rentenniveau bis zum Jahr 2028 auf 44,4 Prozent. 2030 wird es nur noch knapp über dem gesetzlich festgeschriebenen Mindestsatz von 43 Prozent liegen und danach weiter sinken. Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen erwartet, dass es unter 40 Prozent abrutscht. Die Regierung rechnet sich derweil die Entwicklung schön. Noch immer kalkuliert sie, mit einer zusätzlichen Altersvorsorge könnten die Rentner auch 2030 noch rund die Hälfte dessen in der Tasche haben, was ein Arbeitnehmer verdient. Dies ist jedoch ein ungesicherter Hoffnungswert. Die aktuellen Zahlen deuten darauf hin, dass die Leute einfach nicht genug in Riester- oder Betriebsrenten ansparen, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern.

          Nicht zufällig laufen sich einige Sozialpolitiker deshalb für die Debatte über Altersarmut warm. Sie werden Arbeitsministerin Andrea Nahles zu teuren Versprechen zu treiben versuchen, gerade was die Förderung von Geringverdienern angeht. Schließlich steht ja auch noch die solidarische „Lebensleistungsrente“ im Koalitionsvertrag, die mit dem Prinzip der Äquivalenz von Leistung und Gegenleistung bei der Rente nichts mehr zu tun hat. In der Union wiederum werden Forderungen laut, die Riester-Rente oder eine Betriebsrente zur Pflicht zu machen.

          Frühere Bundesregierungen haben versucht, das Rentensystem durch Reformen fit für die Enkelgeneration zu machen. Langsam zeigt sich, dass nicht alle Rechnungen aufgehen - etwa beim Versorgungsniveau. Die große Koalition stellt jedoch durch ihre Politik die Zukunftsfähigkeit des Systems ohne Not zusätzlich auf eine harte Probe. Das böse Erwachen ist nur eine Frage der Zeit. In der Rentenversicherung ist manchem schon vor dem Festakt nach einem Kater-Frühstück zumute.

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