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Renate Schmidt, frühere Bundesfamilienministerin : Die Politikerin hat fürs Alter vorgeplant

  • -Aktualisiert am

Renate Schmidt: „Man muss den Ruhestand generalstabsmäßig planen” Bild: picture-alliance/ dpa

Ihr Plan für die Rente stand früh. Als Ministerin war Renate Schmidt „oft sauer“, weil sie nicht die „Traumtermine durchziehen durfte“. Heute hat sie ein Dutzend Ehrenämter und vier bezahlte Posten. Der Schnickschnack des Ministerdaseins fehlt ihr nicht.

          Fast zwei Jahre ist Renate Schmidt Polit-Rentnerin. Aber wenn sie am Rednerpult steht, ist alles wie früher. „Wir brauchen einen neuen Blick auf das Alter“, ruft die 68-Jährige in den Saal, die Zuhörer nicken. Schmidt spricht über das „riesengroße Geschenk“ ihrer Generation: nach der Rente 20 gesunde Jahre in Wohlstand. Sie schimpft, zu viele Firmen vernachlässigten die Senioren-Konsumenten. Und prangert an, dass die „Senior Manager“ von heute 35 Jahre jung sind.

          Schmidts Zuhörer könnten kein Bierzelt und keinen Plenarsaal füllen, aber sie lauschen gebannt. Die Ex-Politikerin ist Stargast eines Seminars über Finanzberatung für Senioren in Köln. Selbstbewusst und gebräunt könnte die frühere Bundesfamilienministerin selbst einer Werbung für Silver Ager entsprungen sein. Tatsächlich lebt sie ein Leben wie in der Wüstenrot-Werbung: Ein Heim in Nürnberg haben Schmidts, ein Ferienhaus auf Lanzarote mieten sie. Ihr Mann malt, sie hat ein Dutzend Ehrenämter und vier bezahlte Posten, etwa als Datenschutz-Ombudsfrau von Vodafone. So beginnt jeder Tag um acht Uhr, hat Sinn und Struktur.

          „Er dachte, ich sitze ihm auf der Pelle

          Eigentlich will die Rentnerin höchstens 100 Tage im Jahr mit Terminen verbringen. „Mein Mann beklagt sich aber, dass diese Grenze längst überschritten ist“, lacht sie. Dabei hatte gerade er Angst vor ihrem Abschied aus der Politik. „Er dachte, ich sitze ihm auf der Pelle.“ Schmidts zweiter Ehemann – der erste starb an Krebs – kannte sie nur als Vollzeit-Spitzenpolitikerin. Die beiden begegneten sich, als sie bayerische SPD-Landeschefin und Spitzenkandidatin für die Landtagswahl war. Während sie Politik machte, hielt er, seit 1998 Vollzeit-Künstler, den Freundeskreis zusammen.

          Insgesamt hat Schmidt 19 Jahre als Systemanalytikerin gearbeitet, 29 Jahre war sie Politiker. „Man muss den Ruhestand generalstabsmäßig planen“, predigt sie. „Sie müssen so vorbereitet sein, dass Sie nahtlos weiterleben können.“ Schmidts Plan für die Rente war fix und fertig, als es so weit war. Eine fähige Dame aus der Bundestagsverwaltung hatte ihr auch erklärt, wie sie Rentenansprüche aus vier Töpfen auf ein Konto bringen konnte.

          „Man kann nicht alles haben“

          Verglichen mit Weggefährten hatte die Politikerin Glück: Kein Skandal spülte sie aus dem Amt, keine Wahlniederlage katapultierte sie in die Bedeutungslosigkeit. Stets war klar: 2009 ist es vorbei mit der Politik. Die verfolgt Schmidt jetzt in ihrer Regionalzeitung oder im Zug auch mal in der Süddeutschen. Talkshows meidet sie. „Vor dem Ausstieg habe ich oft morgens im Bett überlegt: Wenn du heute keine politischen Termine hättest – was würdest du tun?“ Ihr sei stets etwas eingefallen. „Oft war ich sauer, dass ich nicht die Traumtermine durchziehen durfte.“ Die Zäsur des 60. Geburtstags erlebte Schmidt 2003 noch als Ministerin. Da blieb keine Zeit für Grübeleien über das Alter, das Elterngeld wollte durchgesetzt werden. Der Verlust des Ministeriums 2005 sei der größere Einschnitt gewesen als der Ausstieg aus der Politik. „Stinksauer“ war Schmidt, als die SPD ihr Ministerium der Union überließ. „Es ist ein Zukunftsministerium, und es gab noch viel zu tun.“ Aber alles hat sein Gutes: „So hatte ich Muße für eine Hüft-OP“, sagt sie trocken. Der Schnickschnack des Ministerdaseins, Dienstwagen, vollgestopfte Kalender, Sicherheitsleute, das fehle ihr nicht. Ihr musste niemand neu beibringen, wie man Flüge bucht und Auto fährt.

          Dass die vier Enkel einen engeren Draht zu ihren anderen Großeltern haben, damit kann Schmidt leben. „Man kann nicht alles haben: intensivsten Kontakt zur Familie und eine politische Karriere.“ Auch das erste Lächeln ihrer drei Kinder dürfte nicht ihr gegolten haben, vermutet sie. „Aber unterm Strich haben die doch sehr oft gelächelt.“ Jetzt wird ihre Älteste bald 50 – „da wird mir erst klar, wie alt ich bin“, sagt Schmidt. Sie selbst hofft, noch bis 2040 auf der Welt zu sein. „Dann bin ich 97 und meine Tochter 79. Mal sehen, wer dann wen pflegt.“

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