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Reisen ohne Klimaanlage Im Schwitzkasten der Bahn

12.07.2010 ·  Die Hitze macht der Bahn zu schaffen. In vielen Züge fallen Klimaanlagen aus. Dann werden Wasser und Sauerstoff knapp, das Reisen wird zur Grenzerfahrung. FAZ-Korrespondenten berichten von unterwegs.

Von Reinhard Bingener, Anke Schipp, Thomas Holl, Kerstin Schwenn
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Es war nicht nur der Samstag. Auch am Sonntag hat die Bahn ihre Schwierigkeiten mit der Hitze. ICE 599, Berlin-München, schon bald nach Abfahrt fällt die Klimaanlage aus. In Rathenow hält er Zug 30 Minuten lang zum Abkühlen der Triebköpfe. Zwei Stunden nach Fahrtbeginn ist die Reise außerplanmäßig in Wolfsburg zu Ende. Beide Triebwagen hatten ihre Betriebstemperatur nach Angaben des Zugführers weit überschritten. Mehrere hundert Fahrgäste müssen raus und in den ICE 279 von Berlin nach Interlaken umsteigen. Die Zugbegleiter geben zu: Der Zug sei „hoffnungslos überfüllt“.

Nach gut einer Stunde Fahrt fällt die Klimaanlage in mehreren Waggons aus. Die Fahrgäste werden über Bordlautsprecher aufgefordert, in Kassel in andere ICE umzusteigen. Die „Sicherheit an Bord“ sei wegen der ausgefallenen Klimaanlage nicht mehr gewährleistet. Im Zug verteilen Mitarbeiter kostenlos Kaltgetränke und Erfrischungstücher. In Kassel kann ein Bordtechniker die Klimaanlage wieder in Gang setzen. Der Zugführer fordert das Personal auf, „die Klimaanlage nicht zu verstellen“. Ein Zugbegleiter sagt, dass in den ICE-Zügen „jeden Sommer“ das Problem mit defekten Klimaanlagen auftrete.

Die Deutsche Bahn ist wetterfühlig: Im Winter waren es Schnee und Kälte, jetzt ist es die Hitze, die dem Unternehmen und seinen Kunden zu schaffen macht. Am Wochenende waren bei Temperaturen von rund 35 Grad in drei voll besetzten ICE-Zügen auf dem Weg von Berlin nach Köln und Düsseldorf die Klimaanlagen vollständig ausgefallen. Die Reisenden mussten 40 bis 50 Grad Hitze aushalten. Fahrgäste mit Beschwerden wurden nach der Evakuierung der Züge von Technischem Hilfswerk und Feuerwehr versorgt. Rund 40 Reisende waren kollabiert, unter ihnen Schüler, die auf der Rückfahrt von einer Klassenreise nach Berlin waren. Manche mussten sogar ins Krankenhaus gebracht werden.

Die Bahn bedauert zerknirscht

Seit Montag ermittelt die Bundespolizei gegen die Deutsche Bahn wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und der unterlassenen Hilfeleistung. Die Schulleiterin die Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid, deren Schüler in den Zügen dehydrierten, rät den Eltern am Montag zu einer Sammelklage auf Schadenersatz gegen die Bahn. Schließlich habe die Bahn den Vertrag auf Beförderung der Schüler schlecht erfüllt. Die Bahn bedauert zerknirscht die „erheblichen Unannehmlichkeiten“ der rund 1000 Fahrgäste und kündigt Entschädigung an.

Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg sagt: „All jene, die wir nicht direkt erreichen können, bitten wir, sich bei uns zu melden.“ Details der Kompensation sind noch offen. Homburg verweist nur darauf, alle Fahrgäste, die „von hitzebedingten Fahrzeitverlängerungen betroffen“ seien, könnten Entschädigungsleistungen in Anspruch nehmen. Bei Verspätungen von mehr als 60 Minuten sei das ein Viertel des Fahrpreises, bei mehr als 120 Minuten Verspätung sogar die Hälfte des Fahrpreises.

Die Hitze macht es der Bahn nicht leicht. „Bei hohen Temperaturen und bei hohem Fahrgastaufkommen kommen die Klimaanlagen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit“, sagt ein Bahnsprecher. „Von einer Pannenserie kann man aber keineswegs sprechen.“ Totalausfälle habe es nur in drei Zügen am Samstag gegeben. Die Züge seien durch das Bordpersonal in Absprache mit der Betriebszentrale in Hannover und Bielefeld gestoppt worden. Konzernmitarbeiter auf den Bahnhöfen hätten die Reisenden auf andere Züge verteilt.

Von Minute zu Minute sinkt der Sauerstoffgehalt

Aber es gibt weit mehr Störungen als gedacht. Am Montag werden weitere Fälle bekannt, in denen die Kühlautomatik versagte - etwa bei Fahrten aus Berlin, Leipzig sowie Sylt nach Frankfurt. Beispiel ICE 579, Hamburg-Stuttgart, am Samstag. Auf einer Seite der Glastür noch die gewohnte (also zunächst erfrischend angenehme, mit längerem Sitzen jedoch zudringlich kalte) ICE-Temperatur, auf der anderen Seite der Tür bereits unerträgliche Hitze. Von Minute zu Minute sinkt dort der Sauerstoffgehalt. In den Missmut der Fahrgäste mischt sich Beklemmung. Einer nach dem anderen greift nach dem Gepäck und sucht in den verbliebenen Kältezonen des Zuges einen Sitzplatz: Bis zum Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe herrscht die Migration der Temperaturnomaden.

Am schlimmsten ist das Klima im Bordbistro, das ab Hannover ungekühlt ist. Dort heizt nicht nur die Sonne ein, sondern auch die Elektrogeräte der Bordküche. Eine Passagierin lässt gleichwohl vom schweißgebadeten Bistropersonal eine Fertigpizza im Ofen backen. Das Personal gibt sein bestes. Eine Schulklasse, deren reservierte Plätze in der Hitze liegen, wird umgehend in die erste Klasse versetzt. Bevor die Zugbegleiter Fahrscheine kontrollieren, helfen sie den Passagieren, anderswo Sitzplätze zu finden. Später reichen sie denen in der Hitze Sprudel. Das Team um den Zugchef, Herrn Reuter aus Franken, ist da ganz anders als die Zugbegleiter kurz zuvor, im IC 2311 von Westerland nach Hamburg: Die hatten sich kurz zuvor in ihrem Abteil verschanzt, als vor Hamburg die Lokomotive und mithin auch die Klimaanlage ausfiel und die Fahrgäste bei geschlossenen Türen und Fenstern brüteten.

Bahnsprecher: Hohe Belastung für Pannen verantwortlich

Der Bahnsprecher gesteht am Montag ein, dass die Klimaanlagen „gehäuft“ ausfielen, allerdings meist nur in einzelnen Waggons. Schuld daran sei die hohe Belastung, nicht die fehlende Wartung. Die Zugbegleiter seien angewiesen, die Fahrgäste in einen klimatisierten Reisezugwagen umzusetzen und Getränke auszugeben. Im Notfall müsse der Zug im nächsten Bahnhof gestoppt werden. Die Bahn habe schon vor der Hitzeperiode sichergestellt, dass die Vorräte an nichtalkoholischen Getränken aufgestockt wurden. Leider stehen aber laut Augenzeugen in so manchem Zug am Wochenende nicht genügend Getränke zur Verfügung.

Oft müssen die Werkstattleiter entscheiden, ob sie den ICE nach der Achskontrolle sofort wieder auf das Gleis lassen oder ob nach einem kurzen Routinecheck intensiv überprüft wird, ob auch Toiletten, Kaffeeautomaten und Klimaanlagen funktionieren. An den Klimaanlagen verzweifeln Bahn-Vielfahrer meist nicht, weil sie ausfallen, sondern weil sie viel zu kühl eingestellt sind - ohne dass die Zugschaffner Decken parat hätten.

Bahnchef Rüdiger Grube, der sich bei den Geschädigten entschuldigt, wird wegen des Hitzechaos ein Déjà-vu haben. Seit seinem Amtsantritt im Mai 2009 musste er sich schon oft entschuldigen. So mussten Berliner S-Bahn-Fahrgäste wegen der Achsprobleme der Fahrzeuge einen ausgedünnten Fahrplan akzeptieren, da die Züge viel öfter als üblich zur Revision müssen. Auch den ICE-Zügen erlegte das Eisenbahnbundesamt aus Sicherheitsgründen verkürzte Untersuchungsintervalle auf. Bis alle Achsen an den ICE ausgetauscht sind, werden die Beschwernisse andauern. Die Bahn kann also über weniger Züge verfügen als in normalen Zeiten.

Bahnchef Grube wird sich mit Schülern treffen

Grube will eine „sympathische Bahn“. Daher wird er sich mit den hitzegeplagten Remscheider Schülern treffen. Sobald es seine Zeit zulässt, kümmert sich der Bahnchef selbst um Bahnkunden, die Negatives erlebt haben. So telefonierte er mit der Mutter des 13 Jahre alten Mädchens, das von einer Zugbegleiterin aus dem Zug gesetzt wurde, weil sie wegen eines Versehens ihrer Eltern keinen gültigen Fahrschein bei sich hatte. Am Montag deutet sich an, dass er noch mehr Arbeit bekommen wird. Schwere Gewitter mit Sturmböen bringen nämlich in weiten Teilen Nordrhein-Westfalens den Bahnverkehr zum Erliegen. Blitzeinschläge, umgestürzte Bäume - für die Reisenden bedeutet das schon wieder Verspätungen und Ausfälle.

Und die Hitze bleibt ja auch noch. „10 Minuten verspätet“ steht an der Anzeigetafel. 15.26 Uhr soll Abfahrt sein für den ICE von Berlin nach Stuttgart am Sonntag. Irgendwann stehen 20, dann 40, dann 60 Minuten an der Tafel. Der Lautsprecher aktualisiert: „Wegen Betriebsstörungen fällt der ICE 693 leider aus. Wir bitten um Entschuldigung.“ Warten auf den nächsten Zug. Der kommt immerhin pünktlich. Aber der Zug wird doppelt so voll sein, die Reservierung nichts mehr wert. Lottogewinn! Platz in Wagen 7! Es ist sogar ein Hauptgewinn. Denn in Wagen 8, da vorne, hinter der Schiebetür, kommen sich die Passagiere bald vor wie Gestrandete in der Wüste - ohne Zelt und nur mit knappem Vorrat an Wasser.

Katastrophentourismus zwischen Wagen 7 und Wagen 8

Der Zugchef informiert: „Wir begrüßen Sie auf dem ICE 923. Unser nächster Halt ist Berlin-Spandau. In einigen Wagen ist die Klimaanlage ausgefallen. Wir bitten um Entschuldigung und wünschen unseren Fahrgästen eine angenehme Reise.“ Gut eine Stunde später ist aus der angenehmen Reise eine Grenzerfahrung geworden. Es gibt lauwarmes Wasser, kostenlos. Irgendwann ist auch das aus. Ein Schaffner kontrolliert die Fahrkarten, ein zweiter raunt ihm zu: „Wir können die Leute nicht da drin lassen.“ Dann sieht man beide lange nicht. Die Leute bleiben drin. Katastrophentourismus zwischen Wagen 7 und Wagen 8: Mal schauen, wie es denen im Brutkasten geht.

Nasse Haare, durchgeschwitzte Blusen, lethargische Menschen. Irgendwann sitzen in den klimatisierten Wagen auf den Gängen Hitze-Flüchtlinge. Die Geschichte von der Schulklasse, die am Samstag ins Krankenhaus gebracht wurde, macht die Runde. Aus 20 Schülern sind irgendwann 200 geworden. Ein Mann mit Anzughose und Aktentasche geht von einem Platz zum anderen. Seine Frau sei krank, nehme Antibiotika und kollabiere gleich in Wagen 8. Die Glücklichen in Wagen 7 schauen ungerührt weg, bloß nicht aufstehen! Schließlich findet sich ein Platz. Die bleiche Frau kommt herein und regeneriert sich langsam. Die Schaffner sind nicht mehr zu sehen, keine Durchsagen außer dieser: „Unser nächster Halt ist Wolfsburg.“ Hinter Braunschweig zieht eine Karawane verschwitzter Passagiere durch den Zug. Wagen 8 darf sich nach zwei Stunden Fahrt in brütender Hitze in die erste Klasse setzen, endlich.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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