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Reinigungsbranche : Nie mehr bügeln

Zu Hause bügeln - die meisten Deutschen machen das längst nicht mehr Bild: picture-alliance / dpa

Reinigungen pflegen die Hemden schon für einen Euro pro Stück. Und holen die Wäsche im Büro ab. Kein Wunder, dass nur noch neun Prozent der Deutschen selbst bügeln. Die Wäschereien leiden trotzdem.

          Es ist schon 23 Uhr, aber die Wäscherei hält trotzdem noch die gebügelten Hemden bereit. Ab zur „Zwo24“-Reinigung, Chipkarte in den Automaten stecken. Innen hängen die Hemden auf einem riesigen Karussell. Es dreht sich so lange, bis die richtigen vorne sind. Der Kunde kann sie mitnehmen, und er freut sich. Zum Bügeln hätte er jetzt wirklich keine Lust mehr gehabt.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Bügeln muss er auch nicht mehr. Denn Wäschereien sind billig und komfortabel geworden. Sie holen die Hemden zu Hause ab, liefern sie ins Büro und verlangen dafür kaum Geld.

          Nur neun Prozent der Deutschen bügeln selbst

          Den Kunden ist das recht. Kaum einer bügelt gerne. Das kostet viel Zeit: Wer das Bügeleisen in die Hand nimmt, nutzt es im Durchschnitt sechs Stunden in der Woche. Zumindest hat dies eine Umfrage des Statistischen Bundesamtes ergeben. Die meiste Zeit davon wird wohl für die Oberhemden draufgehen. Jeder weiß, wie kompliziert die zu bügeln sind, und nicht jeder kriegt sie richtig glatt. Im Internet finden sich sogar bebilderte Anleitungen der zehn Schritte zum glatten Oberhemd.

          Besonders schwer in den Griff zu bekommen: das klassische Oberhemd
          Besonders schwer in den Griff zu bekommen: das klassische Oberhemd : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Diese Hausarbeit macht keinen Spaß - und wird gerne anderen überlassen: Laut Statistischem Bundesamt bügeln nur noch neun Prozent der Deutschen selbst, auch unter den Singles sind es nur elf Prozent.

          Kampf um jedes einzelne Oberhemd

          Die Wäschereien leiden trotzdem. Ihre Umsätze sinken seit Jahren. Den Hauptgrund dafür sehen Branchenvertreter in der Mode. „Schauen Sie sich doch mal an einem Samstag in einer deutschen Fußgängerzone um“, lamentiert Wäscherei-Chef Hans-Jürgen Heyduk. „Die Passanten dort sind viel legerer angezogen als in Mailand und nicht mehr so schick wie vor ein paar Jahren.“ Pullover und T-Shirts seien inzwischen beliebt - und die müssen nicht in die Reinigung.

          Also konzentrieren sich die Wäschereien auf das Kleidungsstück, mit dem sie ihren Umsatz noch steigern können: auf das Oberhemd. Sie kämpfen um jedes einzelne. Deshalb wird der Service immer besser. Und die Preise fürs Waschen und Bügeln steigen kaum noch, jedenfalls viel langsamer als die in anderen Branchen.

          Schlange bis auf die Straße

          Rund einen Euro pro Hemd verlangen die billigsten Wäschereien derzeit, zum Beispiel Panteha in Frankfurt. Dort sieht es aber auch so aus. Die Kleiderstangen liegen auf schlichten Holzgerüsten, viele Stangen biegen sich unter der Last der Hemden durch. Kunden erzählen, gelegentlich gehe die Schlange bis auf die Straße - aber das ist kein Wunder, schließlich gibt es in dem kleinen Laden nur Platz für vier oder fünf wartende Menschen. Gelegentlich braucht das Hemd einen Tag länger als versprochen, haben Kunden festgestellt, oder der Automat hat den Kragen nicht richtig geglättet.

          Zu diesem Preis kann man das Hemd auch zu Hause bügeln lassen, wenn man sowieso eine Haushaltshilfe hat. Die stellen oft noch das Bügelbrett auf, nachdem sie den Teppichboden gesaugt und die Badewanne geputzt haben. Rund zwölf Hemden in der Stunde sind so zu schaffen, die Waschmaschine kostet Berechnungen der Universität Bonn zufolge nicht einmal einen Euro pro Ladung.

          Große Filialketten gibt es kaum noch

          Handgebügeltes aus der Wäscherei ist deutlich teurer: Unter 2,70 Euro kommt man nach Angaben des Wäscherei-Verbands kaum weg. Gute Wäschereien kombinieren solche Preise wenigstens mit einem Nähservice, der abgefallene Knöpfe wieder befestigt. Und machen ein Hemd auch mal in drei Stunden fertig, wenn die Zeit bis zur Abendeinladung drängt.

          Für 2,70 Euro gibt es diesen Dienst aber nicht überall. Mancherorts kostet er drei Euro pro Hemd und mehr. Die Preise unterscheiden sich von Stadt zu Stadt und von Region zu Region. Große Filialketten gibt es in der Reinigungsbranche nicht, nur einige Zusammenschlüsse selbständiger Wäschereien, und auch die beschränken sich auf bestimmte Regionen. Die große Marke Stichweh zum Beispiel ist fast nur in Niedersachsen präsent. Die 24-Stunden-Wäscherei „Zwo24“ wollte ganz Deutschland erobern, doch offenbar hatten sich die Manager zu viel vorgenommen. Bald war die Zentrale pleite, nur die Läden vor Ort laufen nach wie vor weiter - eigenständig. Nicht mal Filialisten, bei denen es besser läuft, geben einheitliche Preise vor. 20 Cent Unterschied pro Hemd von Ort zu Ort sind üblich.

          Hemdensammeln im Büro

          Wer zur Arbeit in eine andere Stadt pendelt, sollte also die Wäschereien in beiden Orten vergleichen. Oder einfach mal beim Arbeitgeber anfragen. Einige Unternehmen wie Infineon und TUI haben eigene Wäscherei-Annahmestellen auf dem Firmengelände, um ihren Mitarbeitern Zeit zu sparen.

          Für die Unternehmen ist das oft kostenlos, denn die Reinigungen sind froh um das Geschäft. Wer noch keine Wäscherei-Annahme am Arbeitsplatz hat, wird den zuständigen Manager also leicht davon überzeugen können, eine einzurichten. Manchmal braucht es dazu nur den Platz für einen Wäschecontainer und ein paar Kleiderstangen.

          Wenn der Arbeitgeber doch nicht mitmacht, ist das aber auch kein Drama. In vielen Städten lässt sich auch eine Reinigung finden, die einzelne Waschladungen mit der Plastik-Klappkiste abholt und nach zwei Tagen wieder nach Hause bringt. Jedes Hemd kostet dann zum Beispiel 1,20 Euro, ab neun Hemden ist auch die Anfahrt kostenlos. Das ist die Wäsche von nicht mal zwei Wochen.

          Zur Not können sich auch zwei Kollegen zusammenschließen. Dann kommt die Fahrerin eben ins Büro und sammelt die Hemden dort ein. Auch das machen die Wäschereien. Der einzige Haken daran: Der Pförtner im Büro merkt dann auch, welche Dienstleistung seine Kollegen in Anspruch nehmen. Mit dessen spöttischem Blick muss man dann eben leben.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.07.2007, Nr. 27 / Seite 47

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