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Reinhold Messner „Seilschaft Monti - Draghi will einen anderen Weg“

 ·  Bergsteiger Reinhold Messner lobt seine Wanderfreundin Angela Merkel, kritisiert die Politik der EZB und das italienische Gespann Draghi/Monti. Und preist das schöne Südtirol.

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© Müller, Andreas „Frau Merkel ist sehr gut zu Fuß, wenn auch keine Spitzenbergsteigerin. Ich bin hinter ihr den Brunecker Schlossberg hochgehechelt“, sagt Reinhold Messner.

Herr Messner, überzeugt Sie als Italiener der Euro-Retter Mario Draghi?

Die Seilschaft Draghi/Monti hat Europa dorthin gebracht, wo es Italiens Regierungschef Mario Monti gern haben wollte. Die beiden haben sich geeinigt, wie sie es machen, damit Italien überlebt. Von dem Moment an, als ich gehört habe, dass Draghi das Amt als EZB-Präsident übernimmt, wusste ich: Das wird eine Seilschaft, die in erster Linie das Wohl von Italien im Auge hat.

Und was bedeutet das für den Rest Europas?

Ich befürworte die Methode nicht. Jetzt wird auf Teufel komm raus Geld gedruckt - wie in Amerika. Die Probleme werden so eine Weile aufgeschoben, in ein paar Jahren oder Jahrzehnten werden wir dann die Folgen erleben, in Form von Inflation.

Die Deutschen fürchten, dass sie es sind, die am Ende für die Schulden der Italiener einstehen müssen.

Am Ende zahlt immer das Volk die Rechnung: die einfachen Bürger. In diesem Fall zahlen alle in Europa mit, die Deutschen durch ihren wirtschaftlichen Erfolg mehr als andere.

Wird die Rettung des Euro gelingen?

Erwarten Sie von mir dazu kein Rezept. Ich bin kein Genie, habe auch noch keinen Banker oder Wirtschaftsboss getroffen, der mir hätte sagen können, was da genau passiert. Mir wäre es recht, wir retten alle europäischen Staaten. Sollte Europa auseinanderbrechen, wäre dies das Schlimmste aller Szenarien. Wir müssen den Euro retten ...

...indem wir die Südländer retten?

Ja, aber dann müssen auch die Südländer zehn Jahre lang in den sauren Apfel beißen, müssen aufholen, was die anderen schon gemacht haben, etwa die Deutschen mit der Agenda 2010.

Vergleichbaren Ehrgeiz vermissen Sie in Italien?

Mario Monti hat es anfangs ganz gut gemacht in Italien, aber mit alleinigem Sparen hätte er das Land auch an die Wand gefahren: Die Steuereinnahmen sind trotz oder gerade wegen des Sparkurses gesunken. Die Immobiliensteuer, die in Wirklichkeit eine mächtige Vermögensteuer ist, hat viele Italiener gezwungen, die Segel zu streichen. Sehr viel Geld ist außer Landes geflossen, das wird jetzt irgendwo anders investiert.

Was ist schiefgelaufen, dass es so weit kommen konnte mit Italien?

Die Schulden sind nicht das größte Problem, die sind im Wesentlichen so hoch wie in Deutschland. Italien ist ein Krisenland, weil es überall, wo es einmal gut war, hinterherläuft. Italien hat den Anschluss verloren. Retten kann man ein Land aber nur, wenn es in einigen Bereichen wettbewerbsfähig ist.

Daran hapert es?

Und wie! Selbst im Tourismus hat Deutschland Italien überholt. Das war früher genau umgekehrt. So etwas darf nicht passieren. Ebenso in der Nahrungsmittelproduktion. Natürlich steht Italien im Design immer noch gut da, aber da wird nicht mehr viel verdient, da die Produktion längst irgendwo außerhalb läuft.

Ihre Heimat Südtirol zumindest steht glänzend da: Die Firmen florieren, die Bürger sind die reichsten in ganz Italien. Was hat Südtirol besser gemacht als der Rest von Italien?

Südtirol hat fast alles gut gemacht, das ist wahr. Unsere Verwaltung kostet noch zu viel, da muss abgespeckt werden. Unser momentanes Problem aber ist: Italien, also Rom, versucht, uns das Geld wegzunehmen, das Vermögen, was in Südtirol durch den Fleiß der Leute, ihre Kreativität, angespart worden ist. Wir sind die reichste Region von Italien, daraus ist ein großer Neid entstanden.

Wie wehrt sich der reiche Norden dagegen?

Indem wir auf die Verfassung verweisen und sagen: Liebe Leute, wir haben Autonomie, die darf nicht angetastet werden. 90 Prozent der Steuern, die wir einnehmen, bleiben hier. Das ist per Gesetz garantiert. Wir sind bereit, einen Teil der Schulden zu übernehmen für Italien, aber nicht den größten Brocken. Der Hauptteil der Schulden entsteht im Süden, in Regionen wie Sizilien oder Sardinien. Die machen so viele Schulden, auch weil ein mafiöses System ganz Italien runtergezogen hat.

Kann man in Italien im Kleinen studieren, was durch die Vergemeinschaftung der Schulden bald Europa droht? Der Norden als Zahlmeister für den Süden?

In Italien ist tatsächlich der Norden der Zahlmeister, der Süden kann nicht Schritt halten. Trotzdem bin ich ein vehementer Europäer und der festen Meinung, dass wir den Süden mitziehen müssen.

Würde Südtirol als eigener Staat nicht besser fahren?

Ich will kein eigenes Land Südtirol, ich gehöre nicht zu den Separatisten. Würden wir Europa in kleine Einzelteile zerlegen, mit Südtirol als eigenem Land, würden wir es nie mehr hinkriegen, das große Europa zu schaffen - eine nach wie vor großartige Idee, die daran mangelt, dass die Leute sich nicht als Europäer fühlen. Auch ich habe es in meinen Jahren im EU-Parlament nicht geschafft, die 500 Millionen Leute zu 500 Millionen Europäern zu machen. Wir hätten viel mehr Solidarität, wenn wir uns als Europäer fühlen würden.

Wie erklären Sie es sich, dass gerade in den wohlhabenden Regionen der Widerstand gegen die europäische Integration zunimmt? Bayern wollen eigenständig sein, in Südtirol gibt es eine Los-von-Rom-Bewegung.

Diese Bewegungen repräsentieren nur eine kleine Minderheit, zum Glück. Es wäre für Europa verheerend, wenn die Nationalstaaten zerfielen.

Sie wollen mehr statt weniger Europa?

Eine Euro-Einheit ist nicht hinzukriegen mit unterschiedlichen Steuer- und Sozialregeln. Das wurde verpasst bei der Gründung der Währungsunion, ist aber korrigierbar. Dazu müssen alle die Gürtel enger schnallen, auch die erfolgreichen Länder inklusive der Deutschen. Natürlich sagen die Deutschen wie manche Südtiroler: Warum sollen wir für unfähige, weniger fleißige Griechen oder Italiener mitbezahlen?

Was ist Ihre Antwort?

Die Antwort heißt: Wenn wir den anderen nichts geben, wenn alles auseinanderfällt, dann geht es am Ende allen viel schlechter, als wenn wir zusammenhalten.

Das bedeutet aber auch: Der Schlendrian wird belohnt.

Wenn Draghi die gedruckten Euro-Noten einfach unter den Südländern verteilt, könnte das dort tatsächlich als Ermutigung aufgenommen werden: Jetzt geht der Schlendrian weiter. Zu Recht versucht Angela Merkel den EU-Partnern beizubringen, dass sie erst sparen müssen, nur dann kann man in der Not helfen. Die Seilschaft Draghi-Monti hat jetzt den anderen Weg eingeschlagen.

Die Bundeskanzlerin ist neulich in ihrem Urlaub mit Ihnen gewandert. Haben Sie sie gewarnt vor dem italienischen Duo?

Wir haben das angesprochen, sie weiß das aber schon selbst, und ich bin kein Politikberater. Außerdem will Frau Merkel sich erholen, wenn sie in Südtirol ist. Das ist ihr Recht. Ich finde, dass sie ihre Aufgabe gut macht in dieser schwierigen Situation: Sie muss den deutschen Erfolg, die deutsche Wirtschaft verteidigen, sie will aber auch nicht als Zerstörerin von Europa und Euro dastehen. So einen Spagat hatte kein Politiker in Deutschland in den letzten 50 Jahren auszuhalten.

Sie haben im Fernsehen erzählt, Sie seien hinter Angela Merkel den Brunecker Schlossberg hochgehechelt: Ist die Kanzlerin tatsächlich so gut in Form?

Frau Merkel ist sehr gut zu Fuß, wenn auch keine Spitzenbergsteigerin. Ich habe über ihre Form gestaunt. Ich vermute, sie hält sich auch zwischendurch mit Wandern fit, nicht nur bei diesem einen Bergurlaub im Jahr. Was mir an ihr aber am besten gefällt, das sage ich ganz offen: Sie ist absolut nicht eitel. Ich habe noch nie einen Spitzenpolitiker getroffen, ob in Amerika, China oder Europa, der so uneitel ist wie Frau Merkel.

In Italiens Politik sehen Sie niemand von ähnlichem Format?

Nein.

Auch nicht Mario Monti, der als Hoffnungsträger gestartet ist?

Auch ich war anfangs begeistert von ihm. Seine Glaubwürdigkeit, erworben in seiner Zeit als EU-Kommissar, hat Italien gutgetan, gerade an den Finanzplätzen. Monti ist ein zu 100 Prozent integrer Mann, das ist für Italien sehr wichtig. Am Beginn hat er auch unpopuläre Entscheidungen getroffen. Er wagt es aber nicht, die Rechte der Arbeitnehmer anzutasten: In Italien können sie mit fünf Mitarbeitern niemals jemanden entlassen. Und wenn die Firma pleitegeht, dann geht sie eben pleite. Das passiert jeden Tag hundertfach. Kaum jemand schafft in Italien Arbeitsplätze, weil die Unternehmer Angst haben, dass sie, wenn es schlecht läuft, die Leute nicht mehr loswerden.

Dieses Recht gilt auch in Südtirol, warum brummt es dort trotzdem?

Erst mal hatten wir das Glück politischer Kontinuität mit einer führenden Partei. Dann kommt uns die Zweisprachigkeit zugute, und wir haben globale Champions mit Leadership in alpiner Technologie: Schneekanonen, Seilbahnen, diese Sachen. Und dann haben wir diese großartige Landschaft, die Menschen aus der ganzen Welt anzieht.

Mit Ihnen und Ihren Museen als Attraktion.

Ich bin ein wesentlicher Tourismusfaktor geworden, das ist wahr, ich unterfüttere sozusagen unseren Bergtourismus mit der kulturellen Seite zum Thema Berg.

Wie läuft die Saison?

Der August war schwächer, weil die Italiener weggeblieben sind, aber jetzt ist es voll. Der September wird der erfolgreichste Tourismusmonat aller Zeiten in Südtirol dank der Deutschen, die das Geld haben, eine Woche Zweiturlaub in den Bergen dranzuhängen.

Das Gespräch führten Rainer Hank und Georg Meck.

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