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Reinhard Kardinal Marx : Eine ganzheitliche Sicht der Wirtschaft

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Reinhard Kardinal Marx: Er ist ein Verfechter der Sozialen Marktwirtschaft. Bild: dpa

Eine kritische Distanz des Papstes zum Markt und zur Wirtschaft ist offenkundig. Sie wird flankiert von einer Warnung vor blindem Fortschrittsglauben. Doch deshalb ist die neue Enzyklika keineswegs markt- oder technikfeindlich. Ein Gastbeitrag.

          Laudato si“: So heißt die im Juni von Papst Franziskus veröffentlichte Enzyklika. Dass es sich dabei keinesfalls - wie hin und wieder und leider auch in dieser Zeitung behauptet - um eine pessimistische Klageschrift handelt, wird angesichts des Titels aus dem Sonnengesang des heiligen Franziskus sehr deutlich. Wenn auch die zentralen Themen der Enzyklika - die derzeitige Zerstörung des Planeten sowie die weltweite Armut und soziale Ungerechtigkeit - ernste und gravierende Probleme sind, die der Papst jedem im ganzen Ausmaß ins Bewusstsein rufen möchte, bleibt er voller Hoffnung und Zuversicht. Er glaubt daran, dass sich die Menschen zur ökologischen Umkehr bewegen lassen und sich in Freiheit für das Gute entscheiden, dass sie die Herausforderungen bewältigen und die Welt zum Besseren verändern können.

          Der Papst setzt an der Wirklichkeit an. Seine klare Analyse der Situation ist ein realistischer Blick auf die Welt. Er benennt sowohl die unbestreitbar großen Umweltprobleme als auch die weltweite soziale Ungerechtigkeit. Er blickt aus der Perspektive der Armen auf die Wirklichkeit, weshalb auch der ökologische Ansatz nicht vom sozialen Ansatz zu trennen ist. Wenn auch die Ursachen unterschiedlich sein mögen, sind doch die Zusammenhänge zwischen Armuts- und Umweltfrage offensichtlich: „Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozioökologische Krise“ (139). Von daher ist es nicht angemessen, die Enzyklika „Laudato si“ auf eine Umwelt- oder Klimaenzyklika zu reduzieren. Franziskus weist vielmehr den Weg für eine ganzheitliche menschen- und umweltgerechte Entwicklung.

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          Wohlwissend um die Klimaskeptiker, räumt der Papst ein, dass es neben dem Menschen noch andere Ursachen des Klimawandels und der Erderwärmung gibt, aber er hegt - gestützt auf zahlreiche wissenschaftliche Studien - keinen Zweifel, dass der Klimawandel überwiegend menschengemacht ist und größtenteils auf den starken und noch immer kaum begrenzten Anstieg der Treibhausgasemissionen seit der Industrialisierung zurückzuführen ist. Die besorgniserregende Erwärmung des Klimasystems und die dramatischen Folgen des Klimawandels müssen seiner Ansicht nach dringend bekämpft werden. Denn die Leidtragenden sind schon heute die ärmsten Bewohner unseres Planeten. Weil ein „weiter so“ nicht verantwortbar ist, fordert er einen veränderten Wirtschafts- und Lebensstil, der das Prinzip der Nachhaltigkeit im Blick hat.

          Reiche Länder haben bisher wenig zur Bewältigung der Umweltprobleme getan

          Um die Probleme der Umweltzerstörung und der weltweiten sozialen Ungerechtigkeit zu lösen, sind alle Menschen gefragt. Insbesondere sieht der Papst jedoch die entwickelten Länder in der Pflicht. Er kritisiert scharf die Tatsache, dass die reichen Länder bisher so wenig zur Bewältigung der Umweltprobleme getan haben. „Die ärmsten Regionen und Länder besitzen weniger Möglichkeiten, neue Modelle zur Reduzierung der Umweltbelastung anzuwenden, denn sie haben nicht die Qualifikation, um die notwendigen Verfahren zu entwickeln, und können die Kosten nicht abdecken. Darum muss man deutlich im Bewusstsein behalten, dass es im Klimawandel diversifizierte Verantwortlichkeiten gibt“ (52). Damit erinnert der Papst an das schon auf dem Erdgipfel in Rio 1992 formulierte „Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung“. Zu Recht spricht er von der „ökologischen Schuld“ der wohlhabenden im Verhältnis zu den armen Staaten. Einer der Gründe dafür ist, dass in der Geschichte einige Länder Raubbau an den natürlichen Ressourcen betrieben haben. Hier verlangt er einen Kurswechsel. Allerdings stehen auch die armen Länder in der Verantwortung, etwa gegen Korruption oder das skandalöse „Konsumverhalten einiger privilegierter Bevölkerungsgruppen“ anzugehen und sich für die Entwicklung nachhaltiger Formen der Energiegewinnung einzusetzen (172).

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