29.01.2006 · Die Armut nimmt zu und der Reichtum auch - das sagen fast alle. Wie aber mißt man den Abstand zwischen reich und arm? Die Methoden sind ebenso vielfältig wie die Ergebnisse.
Von Jürgen Kaube„Die Kluft zwischen arm und reich . . .“ - wer diese Formulierung in eine Suchmaschine des Internets eingibt, erhält um die 40.000 Belege für ihre Verwendung. Der zweite Teil der entsprechenden Sätze lautet dabei so gut wie immer „. . . hat stark zugenommen“, „. . . wächst weltweit“, oder „. . . hat sich weltweit vertieft“.
So sehen es Globalisierungskritiker, aber auch die Weltbank und die Vereinten Nationen, die OECD, die Deutsche Bibelgesellschaft, der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und die Konrad-Adenauer-Stiftung. Daß die Einkommensungleichheit weltweit zunimmt, scheint Konsens.
Durchschnittseinkommen als Grundlage
Wie aber wird die weltweite Einkommensungleichheit überhaupt gemessen? Der Mannheimer Soziologe Johannes Berger hat sich in einem Beitrag über „methodische Feinheiten der Ungleichheitsforschung“ dieser Frage angenommen. Berger betont zunächst, daß es falsch ist, zu behaupten, der Anteil der Armen - von der Armutsforschung definiert als diejenigen Menschen, die mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen - habe in den vergangenen zwanzig Jahren zugenommen.
Jener Anteil ist zwischen 1981 und 2001 von 40 Prozent auf 21 Prozent der Weltbevölkerung gefallen. Das hilft denen, die nach wie vor elend arm sind, zwar nichts, doch zu einem klareren Bild weltweiter Entwicklungen trägt es schon bei. Sinkende Armut ihrerseits sagt allerdings nichts über die Einkommensungleichheit, denn wenn es den Armen besser geht, kann es ja gleichwohl sein, daß es den Reichen in derselben Zeit noch viel besser gegangen ist.
Bevölkerungsgröße einbeziehen
Zumeist werden zur Berechnung weltweiter Einkommensunterschiede die nationalen Durchschnittseinkommen verwendet. Dabei werden die Währungen meist nach gleicher Kaufkraft und nicht nach ihren Wechselkursen in Dollars umgerechnet. Das geschieht, um nicht nur handelbare Güter in Rechnung zu stellen, sondern auch solche der lokalen Produktion. Da das Preisniveau in armem Länder niedriger ist, ist die Kaufkraft der Einkommen dort höher als im Wechselkurs zum Ausdruck kommt.
Die Verwendung der so berechneten nationalen Durchschnittseinkommen zieht nun nach sich, daß Einkommensentwicklungen in Dänemark oder der Elfenbeinküste für die Ungleichheitsfrage dasselbe Gewicht erhalten wie solche in China oder den Vereinigten Staaten, auch wenn dort ein Vielfaches an Menschen lebt.
Werden hingegen die nationalen Durchschnittseinkommen je nach Bevölkerungsgröße gewichtet, so der amerikanische Soziologe Glenn Firebaugh, zeigt sich ein Rückgang der weltweiten Einkommensungleichheit seit etwa 1970. Innerhalb der Nationen nehme die Divergenz von reich und arm zu, zwischen den Nationen nehme sie ab.
Entgegengesetzte Befunde
Zu umgekehrtem Befund kommt man, wenn man zwar die Gewichtung nach Bevölkerungsgröße akzeptiert, aber als Maß für Ungleichheit das Verhältnis der zehn reichsten Länder zu den restlichen wählt. So berechnet steigt die Einkommensdivergenz seit den achtziger Jahren wieder an. Allerdings haben Festlegungen wie diese - „der Abstand der zehn Prozent reichsten Länder zum Rest“ - den großen Nachteil, das Bild weltweiter Ungleichheit stark von Vorgängen in wenigen Ländern abhängig zu machen.
Wer etwa den Abstand der allerreichsten Weltgegenden zu den allerärmsten zum Ungleichheitsmaß machte, wäre bei seinen Befunden sehr davon beeinflußt, wie die Wirtschaft in Basel und Zürich einerseits, Tadschikistan und Burundi andererseits gerade läuft.
Wer solche Verzerrungen vermeiden möchte, braucht eigentlich Angaben über die Einkommen jedes einzelnen Erdbewohners. Solche Informationen gibt es verständlicherweise nicht. Wenn man, wie es der amerikanische Ökonom Xavier Sala-I-Martin getan hat, alle Daten heranzieht, die über die weltweite personelle Einkommensverteilung vorliegen, kommt man immerhin auf Informationen über 90 Prozent der Weltbevölkerung.
Ungleichheit zwischen Nationen ist gesunken
Auch Sala-I-Martins Befund war: Mehr Konvergenz als Divergenz der Einkommen. Die Pro-Kopf-Einkommen sind insgesamt gestiegen, die Zahl der Armen hat abgenommen, nur die Streuung der Einkommen in einigen großen Ländern hat zugenommen. Kritiker der Großrechenversuche Sala-I-Martins gewinnen aus stichprobenhaften Haushaltsbefragungen, die auf 84 Prozent der Weltbevölkerung hochgerechnet wurden, wiederum den entgegengesetzten Befund: Zunahme von Ungleichheit.
Von Haushaltsbefragungen wiederum weiß man, daß sie von Wohlhabenden weniger akkurat beantwortet werden und auch den Umfang öffentlicher Ausgaben für Bildung oder Gesundheit, durch die sich die Wohlfahrtsposition der Haushalte hebt, nicht berücksichtigen.
Ist die Antwort auf die Frage nach der weltweiten Einkommensungleichheit also nur von der Wahl der Meßinstrumente abhängig? Johannes Berger bejaht das, aber nicht ohne hinzuzufügen: Die Wahl der Meßinstrumente kann ihrerseits beurteilt werden. Lege man den Stand der Diskussion in der soziologischen und ökonomischen Ungleichheitsforschung zugrunde, sei die Ungleichheit zwischen den Nationen in den letzten Jahrzehnten gesunken: „Alles andere hieße, den Aufstieg Chinas und Indiens zu übersehen.“
Zynismus oder einfach nur Gewohnheit?
Harald Wozniewski (Limpy)
- 30.01.2006, 17:25 Uhr
Die Welt wird nicht ungleicher--sie ist ungleich wie schon immer
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 30.01.2006, 20:44 Uhr
Na, Herr Duennhaupt, das ist aber jetzt dünn :-)
gisbert heimes (gisbert4)
- 30.01.2006, 22:36 Uhr
„Marktwirtschaf“ und „Kapitalismus“ wie Jacke und Hose: NICHT wesensgleich!!
Martin Bauer (Martin.Bauer)
- 31.01.2006, 13:27 Uhr
Die Aussagekraft der Staatsquote wird übertrieben
Martin Bauer (Martin.Bauer)
- 01.02.2006, 12:15 Uhr
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