http://www.faz.net/-gqe-7u1ev
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 18.09.2014, 07:35 Uhr

Abstimmung in Schottland Whisky-Liebhaber decken sich vor Referendum ein

Heute stimmen die Schotten über ihren Staat ab: Entscheiden sie für die Unabhängigkeit, könnte der Whisky teurer werden. Viele kaufen aus Angst schon jetzt deutlich mehr.

von , London
© Reuters Viele füllen ihre Lager vor dem Referendum noch mit Whisky.

Normalerweise sei der Spätsommer ja in seinem Geschäft eine ruhige Zeit, sagt Horst Lüning. Aber dieses Jahr ist alles anders: „Die Bestellungen gehen bei uns durch die Decke“, berichtet Lüning, der im bayerischen Seeshaupt den Online-Versandhandel „Whisky Store“ betreibt. Seit einem Monat ist bei seinen Kunden vor allem schottischer Whisky extrem gefragt. Bestellungen von Privatleuten im Wert von mehr als 10.000 Euro seien keine Seltenheit, sagt Lüning. Der Whisky-Importeur sieht das bevorstehende Unabhängigkeits-Referendum als einen Hauptgrund für die verblüffende Kaufwut der Whisky-Trinker. Viele fürchten offenbar Nachschubprobleme und höhere Preise, wenn Schottland sich bei dem historischen Volksentscheid von Großbritannien abspalten sollte.

Marcus Theurer Folgen:

Auch im Heimatland des Scotch treibt das Referendum die Branche um. „Die Auswirkungen wären gewaltig“, fürchtet David Frost, Chef des Lobbyverbands Scotch Whisky Association. Ob auf Hebrideninseln wie Islay und Skye, im schottischen Hochland oder in der Region Speyside im Osten – in Schottland arbeiten rund hundert Destillerien. Whisky ist nach dem Nordseeöl das zweitwichtigste schottische Exportgut und die Whisky-Brenner fürchten um ihr Milliardengeschäft.

Sie scheuen die Unwägbarkeiten, die mit der Unabhängigkeit zwangsläufig zunächst verbunden wären: Wechselkursrisiken, höhere Kreditzinsen und mögliche Handelshemmnisse. Während andere Unternehmen notfalls ihren Sitz nach England verlagern könnten, wenn ihnen die Lage im Norden zu instabil werden sollte, muss Scotch laut Gesetz in Schottland hergestellt werden. Die Whisky-Branche ist an den Standort Schottland gebunden.

Bei einem Ja drohen hohe Exportzölle

Das Problem: Wenn die Schotten bei der Wahl an diesem Donnerstag Großbritannien den Rücken kehren sollten, wären sie auch nicht mehr Mitglied der Europäischen Union. Dann aber hätten sie auch keinen freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt mehr und müssten mit Exportzöllen rechnen. Zwar will der schottische Ministerpräsident Alex Salmond nach der Unabhängigkeit einen Aufnahmeantrag in Brüssel stellen, aber dem müssten alle anderen EU-Mitglieder – einschließlich Rest-Großbritannien – zustimmen. „Selbst eine vorübergehende Aussetzung der EU-Mitgliedschaft wäre schädlich und schwer beherrschbar“, warnt der Whisky-Lobbyist Frost.

Der Importeur Lüning hält solche Befürchtungen dagegen für überzogen. „Einfuhrzölle hätten nur minimale Auswirkungen auf die Endkundenpreise“, erwartet er. Hochwertiger schottischer Whisky kostet zwar häufig 40 Euro und mehr je Flasche, aber der Großteil des Preises erklärt sich durch Vertriebs- und Marketingkosten. Selbst bei hochwertigem Single-Malt-Scotch liege der für den Zoll relevante Exportwert nur bei etwa 3 Euro je Liter, sagt Lüning. „Wenn darauf Zoll bezahlt werden müsste, wären das Peanuts.“ Mehr als ein Drittel der schottischen Whisky-Ausfuhr geht nach Europa. Frankreich ist nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Exportmarkt, Deutschland liegt auf Rang fünf. 52 Millionen Flaschen Scotch haben die Whisky-Trinker hierzulande vergangenes Jahr gekauft.

Exportschlager Whisky

In Schottland ist der Whisky so allgegenwärtig wie die Kirschtorte im Schwarzwald. Insgesamt hängen rund 35.000 Arbeitsplätze an der Branche – viele davon in entlegenen und strukturschwachen Gegenden. Seit der Jahrtausendwende hat das Geschäft mit dem Scotch einen gewaltigen Aufschwung erlebt: Vergangenes Jahr erwirtschafteten die Brennereien Exporterlöse von 4,3 Milliarden Pfund, fast doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Die Schotten verkaufen ihren Schnaps in 200 Ländern rund um den Globus.

Mehr zum Thema

Für einige Spirituosen-Großkonzerne ist der schottische Volksentscheid deshalb von großer Bedeutung. Am stärksten sind die beiden Marktführer betroffen: Beim britischen Hersteller Diageo und dessen französischen Rivalen Pernod Ricard macht das Geschäft mit dem hochprozentigen Getränk aus Schottland rund ein Viertel des Gesamtumsatzes aus. „Ein unabhängiges Schottland könnte deshalb potentiell große Auswirkungen auf beide Unternehmen haben“, sagt der Aktienanalyst Andrea Pistacci von der amerikanischen Großbank Citigroup. Diageo kontrolliert zwei Dutzend Scotch-Marken – darunter auch den populären Johnnie Walker. Pernod Ricard gehören unter anderem Chivas Regal und Ballantine’s.

Der bayerische Händler Lüning will nicht in den Chor der Whisky-Schwarzseher einstimmen. „Die Unabhängigkeit wäre eine gute Sache, sie würde den Markt aufmischen“, glaubt er. Die Regierung in London hat schon angedroht, die Schotten dürften nach der Abspaltung das Pfund nicht mehr verwenden. Weil aber eine neue schottische Währung zunächst wohl deutlich abwerten würde, hätten die Whisky-Destillerien im Exportgeschäft Kostenvorteile. „Vor allem die Exportstärke der kleinen Hersteller wachsen“, sagt Lüning voraus. Glenfarclas, Springbank und Arran würden womöglich zu Gewinnern der Unabhängigkeit.

Ein neuer Flugplan

Von Carsten Knop

Auf dem deutschen Luftverkehrsmarkt ändert sich (fast) alles. Darüber freut sich die Lufthansa, aber es kommen noch andere zur Party hinzu. Den Kunden wird die Insolvenz kaum schaden. Mehr 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden
Zur Homepage