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Referendum in Griechenland Drei Szenarien im Euro-Endspiel

02.11.2011 ·  Im Euro-Drama waren die Risiken noch nie so groß wie jetzt - für Griechenland wie für ganz Europa. Die meisten Ökonomen hoffen, dass die Griechen die Kurve kriegen, doch es wachsen die Zweifel.

Von Philip Plickert
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Szenario 1: Der Sparkurs wird bestätigt: Athen versucht die Sanierung

Ministerpräsident Giorgios Papandreou setzt alles auf eine Karte. Übersteht er die Vertrauensabstimmung und gewinnt das Referendum, hat er plebiszitäre Rückendeckung für die anstehenden Aufgaben. Griechenlands aufgeblähter und ineffizienter Staatsapparat mit weit mehr als 700.000 Bediensteten muss verschlankt werden, Löhne und Gehälter sowie Renten werden gekürzt. Doch der Defizitabbau wird durch die Rezession erschwert. Seit Beginn der Krise 2009 ist die Wirtschaftsleistung schon um fast 15 Prozent geschrumpft, die Arbeitslosenquote ist auf 18 Prozent gestiegen. Athen hat zudem Privatisierungen von Staatsunternehmen versprochen, bislang zeigen sich kaum interessierte Investoren.

Unter Ökonomen wachsen die Zweifel, ob Griechenland die Vorgaben für das Hilfspaket erreichen kann. „Das Konsolidierungsprogramm geht langfristig nicht gut“, fürchtet Christoph Weil, Griechenland-Experte bei der Commerzbank. „Der öffentliche Dienst ist doppelt so groß, wie er sein müsste, korrupt bis ins Mark und verhindert Reformen.“ Weil glaubt deshalb nicht, dass der angestrebte Abbau der Staatsschuld von 165 Prozent des BIP auf 120 Prozent gelingen kann. „Es könnte noch ein Schuldenschnitt notwendig werden“, meint er. Außerdem nehme die Wahrscheinlichkeit zu, dass zur Stützung der Euro-Peripherie gemeinsame Anleihen, sogenannte Eurobonds, begeben werden, auch wenn Deutschland dies bislang vermeiden wollte. Europa hätte zwar den Absturz vermieden, befände sich aber in finanzpolitisch immer trüberem Gewässer.

Szenario 2: Europa ist erpressbar - Griechenland kriegt weiter Hilfen

Noch hat Papandreou das Referendum nicht gewonnen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) zögert, ob er der Auszahlung der nächsten Tranche von 8 Milliarden Euro aus dem EU-IWF-Hilfsprogramm noch vor dem Referendum zustimmen soll. Doch ohne dieses Geld droht Athen schon Mitte Dezember der Staatsbankrott. „Der IWF könnte sich dafür entscheiden, die bittere Pille zu schlucken und die Tranche auszuzahlen“, heißt es in einer Analyse des Citigroup-Chefvolkswirts Willem Buiter. Die übrigen Europäer sind gegenüber Athen in einer Zwickmühle. „Es gibt durchaus ein Erpressungspotential Griechenlands angesichts der Konsequenzen eines ungeordneten Bankrotts und der Ansteckungsgefahren“, meint der Makroökonom Ansgar Belke von der Universität Duisburg-Essen. „Deshalb wird man Griechenland vielleicht doch weiter mitschleppen.“

Wenn sich Europa so durchwurstelt, hat das ungünstige Anreize auf die anderen Sanierungsfälle Portugal und Irland sowie die Schwergewichte Italien und Spanien. Deren Spareifer könnte erlahmen. An den Märkten steigen die Risikoaufschläge (Spreads) für italienische und spanische Anleihen - auch weil die Gefahr einer Ansteckung seit der jüngsten Eskalation der Krise drastisch zugenommen hat. „Die Gefahr, dass andere Euroländer in den Teufelskreis von Spread-Ausweitungen gezogen werden, ist gestiegen“, sagt DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier. Sie sind auf weitere Stützungskäufe durch die Europäische Zentralbank angewiesen. „Die Notenbank wird zum letzten Stabilitätsanker, es läuft auf die Monetisierung der Staatsschulden hinaus“, fürchtet Belke. Das Euro-Stabilitätsversprechen stünde damit in Frage.

Szenario 3: Die Rettung scheitert - Griechenland verlässt den Euro

Die Griechen weisen im Referendum die Gipfelbeschlüsse brüsk zurück, daraufhin stoppen die EU und der IWF die Hilfszahlungen. Damit droht Athen in kürzester Zeit die Zahlungsunfähigkeit. Nicht nur der Staat wäre bankrott, auch die Banken kollabieren, weil die Sparer ihre Guthaben zu retten versuchen. Gegen die Kapitalflucht verhängt Griechenland Kapitalkontrollen. Allgemein gibt es einen Vertrauensschock. Die Wirtschaft bricht noch stärker ein. Temporär werden Treibstoff und sogar Lebensmittel knapp. Um die Löhne und Renten zahlen zu können, führt die Regierung eine eigene Währung ein. Die neue Drachme würde mindestens um 50 gegenüber dem Euro abwerten, schätzen Analysten. Dass die Abwertung der griechischen Wirtschaft mittelfristig mehr preisliche Wettbewerbsfähigkeit brächte, sieht Belke skeptisch. „Den Griechen fehlt eine Exportindustrie, und es würde wohl zehn Jahre dauern, bis die Ressourcen umgeschichtet werden.“

Auch der Rest Europas würde durch Griechenlands Austritt einen kurzfristig starken Schock erleiden. „Das Hauptrisiko ist die Ansteckung“, sagt Citigroup-Chefökonom Buiter. Auch in Portugal, Spanien und Italien könnten Bürger ihre Guthaben abheben wollen. Europa müsse sich auf den Extremfall vorbereiten, fordert die Allianz-Versicherungsgruppe, um eine europaweite Bankenkrise zu verhindern. Gut sei, dass nun der erweiterte Rettungsschirm EFSF zur Banken-Rekapitalisierung bereitstehe. Es gibt jedoch auch Skeptiker. „Ich bezweifle, dass die EFSF durch die Hebelung auf ein Volumen von 1 Billion Euro kommt“, meint Analyst Weil. Durch steigende Haftungsrisiken setzten die rettenden Staaten auch ihre Ratingbestnote aufs Spiel. „Vor allem Frankreich dürfte sein AAA verlieren“, sagt Weil. Damit wäre die gesamte EFSF-Konstruktion gefährdet.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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