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Vom Advokaten zum Rechtskaufmann : Anwälte hatten schon immer Angst vor der „Anwaltsschwemme“

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Einst hießen sie Fürsprecher, Prokurator oder Advokat: Ein Verein von hochkarätigen Hobbyhistorikern vor allem aus der Anwaltschaft hat jetzt die Geschichte des eigenen Berufsstands seit dem Mittelalter nachgezeichnet. Die „Ritter der Gerichte“ haben sich längst zu einer professionellen Branche entwickelt - sich in zwei Diktaturen in Deutschland aber auch selbst schuldig gemacht.

          Wer sich deutsche Gerichtsshows oder amerikanische Fernsehkrimis ansieht, muss die fulminanten Auftritte eines Robenträgers vor Gericht für den Höhepunkt seines Anwaltslebens halten. Im Mittelalter war das noch genau umgekehrt: Als eigentlicher Kämpfer galt der „Produzent von Schriftsätzen“, wogegen das Auftreten in der Verhandlung als etwas „völlig Schnödes“ betrachtet wurde. So beschreibt der Freiburger Hochschullehrer Bernd Kannowski – zuvor Rechtsanwalt in Frankfurt – die Lage von Streithelfern im ausgehenden Mittelalter. Studierte Juristen gewannen die Oberhand; der „gemeine Vorsprecher“, der sich nur allgemein auf die Kunst rhetorisch geschickter Reden verstand, verlor an Bedeutung.

          „Proletarisierung des Anwaltsstandes“

          Welch ein Unterschied zu der heutigen Anwaltszunft, deren mehr als 150 000 Angehörige in Deutschland wahlweise als abgehobene „Paragraphenreiter“ oder als dem Kommerz verfallene „Rechtskaufleute“ gescholten werden. Der „Verein Moderne Anwaltsgeschichte“ hat jetzt den Wandel dieses Berufsstandes untersucht. Dabei verblüfft, wie konstant sich zugleich manche Themen durch die Historie der Anwaltsgilde ziehen. So sorgten sich die Rechtsvertreter schon in der Weimarer Republik um eine Überfüllung ihres Berufsstandes.

          Die „Notlage der Anwaltschaft“ mit ihren damals rund 15 000 Mitgliedern beunruhigte etwa die Anwaltstage in den Jahren 1927 und 1929, wie der Mainzer Anwalt Tillmann Krach ausführt. Not verderbe den Charakter, warnten Redner; wer „faule Sachen“ übernehme, schade letztlich dem Ruf des gesamten Standes. Der wirtschaftliche Niedergang bedeute gar eine „Gefahr für die Volksgesamtheit“. Der Celler Anwalt Hodo Freiherr von Hodenberg – rund 20 Jahre später Präsident des dortigen Oberlandesgerichts – fürchtete einen „proletarisierten und radikalisierten Anwaltsstand“.

          Weniger Abiturienten und schärfere Examina, vor allem aber eine mindestens zweijährige Wartezeit nach dem Assessorexamen sowie eine Beschränkung der Referendarsstellen sollten deshalb den Freiberuflern ihr Einkommen sichern. Auch über die Einführung von Erfolgshonoraren und Fachanwaltstiteln wurde schon damals lebhaft gestritten. Ein Numerus Clausus sollte – trotz des Grundprinzips der freien Advokatur nach dem Abstreifen der Fesseln des königlich-kaiserlichen Obrigkeitsstaates – der „Anwaltsschwemme“ entgegenwirken. Wobei ein Zeitgenosse schon 1928 darauf hinwies, dass zahlreiche Anwälte auch in Berliner Luxusbars oder in eleganten Autos auf dem Kurfürstendamm anzutreffen seien.

          Gleichschaltung und Anpassung

          Über „Gleichschaltung und Anpassung“ im Nationalsozialismus ist bei der Frankfurter Hochschullehrerin Barbara Dölemeyer zu lesen. Den Boden dafür sieht Dölemeyer allerdings durch die eigenen Rufe von großen Teilen der Anwaltschaft nach Zulassungsbeschränkungen bereitet. „Durch alle diese Diskussionen war bereits ein Klima geschaffen, in dem die Frage, wer bei ,Überfüllung‘ des Standes ausscheiden müsse, von den neuen Machthabern leicht in ihrem Sinne beeinflusst werden konnte.“ Starker Widerstand gegen die Ausschaltung von Juden, Frauen und politisch „Unzuverlässigen“ sei da nicht zu erwarten gewesen.

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