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Steueroase Und ewig lockt Holland

 ·  Die Niederlande sind die neuen Bermudas: Keine Steueroase zieht mehr deutsche Konzerne an. Und alles ganz legal.

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Peer Steinbrück reitet wieder. Die Kavallerie werde er satteln, tönt der SPD-Kanzlerkandidat. Als letzte Waffe in einem stumpfen Wahlkampf hat die Partei den Kampf gegen Steueroasen entdeckt: Sumpf trocken legen! Schlupflöcher stopfen! Und was sonst noch an martialischer Metaphorik verballert wird. Das Geschrei ist - politisch gesehen - erst mal gefahrlos, die Verstärkung naht: Die Staats- und Regierungschefs der G-20-Staaten werden in ein paar Tagen auf ihrem Gipfel in St. Petersburg zum Feldzug gegen die Steuerparadiese blasen. Nur: Wo genau steht der Feind? Wohin soll die Kavallerie aufbrechen?

Die SPD-Strategen lassen dies wohlweislich offen, Oase klingt nach Karibik. In Wirklichkeit finden sich die schönsten Paradiese in Europa, genauer gesagt in einem Landstrich, zu dem Steinbrück, der Feldherr aus Bad Godesberg, fast mit dem Fernrohr blicken kann: Die Niederlande sind die neuen Bermudas. Die fruchtbarste Oase für deutsche Firmen, da sind sich die Experten einig, ist Holland, in den einschlägigen Handbüchern „für flexible Steuerzahler“ gefeiert dafür, wie „entgegenkommend“ ihre Steuerbehörden gegenüber ausländischen Konzernen auftreten.

Mit äußerst großzügigen Regeln, etwa bei der Besteuerung von Lizenzgewinnen und Zinsen, verstehen es die Holländer, Firmen - oder zumindest deren Briefkästen - anzuziehen. 12.000 mitarbeiterlose Finanzfirmen hat die Zentralbank registriert, Tausende Offshore-Unternehmen, deren „einziger Zweck es ist, die Steuerlast zu drücken“, wie Gerhard Schick, Finanzpolitiker der Grünen, moniert.

Holland hat den sicheren Hafen für Europas Konzerne errichtet

Holland hat den sicheren Hafen errichtet, von dem aus Europas Konzerne ihre Gewinne in Sicherheit bringen können. „Nahezu alle Zahlungsflüsse ins nichteuropäische Ausland erfolgen über Konzerneinheiten in den Niederlanden“, haben Ökonomen der Universität Nürnberg-Erlangen herausgefunden. Die Forscher um Professor Thiess Büttner haben aus Statistiken der Deutschen Bundesbank herausgefiltert, wo deutsche Konzerne Tochtergesellschaften aus vorrangig steuerlichen Motiven gründen. Wegen der Coffee-Shops bewegt sich kein Konzernchef nach Amsterdam, der Küche zuliebe vermutlich auch nicht. Und als Abnehmer spielen die nicht mal 17 Millionen Holländer eine überschaubare Rolle für Global Player aus Germany. Trotzdem liegen die Niederlande in diesem Ranking der Steueroasen unangefochten auf Platz eins; die Schweiz haben sie überrundet, Inseln in der Karibik erscheinen nur unter ferner liefen.

Die Zahl der Tochtergesellschaften deutscher Konzerne in den Niederlanden hat sich binnen zwölf Jahren mehr als versechsfacht. Damit liegt der Staat weit vorne im Wettbewerb, wer die meisten Unternehmer anwirbt, und sei es mit Steuergeschenken. „Holland ist ein Vorreiter, andere Staaten ziehen nach: Luxemburg, Belgien, Großbritannien“, bestätigt Professor Christoph Spengel vom ZEW in Mannheim.

© F.A.Z. Vergrößern Die Niederlande, die Schweiz und Polen als beliebteste Steueroasen deutscher Konzerne

Angefangen hat der Zuzug in den 80er Jahren, als Konzernchefs dort ihre Finanzierungsgesellschaften ansiedelten, was jedem Privatanleger auffällt, wenn er einem Dax-Konzern Geld borgt: Der Schuldner, der die Anleihe eines Tages zurückzahlen soll, sitzt nicht in Stuttgart oder Frankfurt, er heißt auch nicht Daimler oder Deutsche Bank. Nein, dahinter steht für gewöhnlich eine Institution, die ein „Finance B.V.“ oder „International Finance B.V.“ im Namen führt. Das Kürzel B.V. steht für „Besloten vennootschap“ und entspricht der deutschen GmbH, also einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Ob nun RWE oder Eon, BMW oder Daimler, ja sogar vom Staat als Großaktionär kontrollierte Betriebe wie die Deutsche Telekom begeben ihre Anleihen mit Tochterfirmen in Holland.

Der Grund dafür ist so simpel, dass es sich fast verbietet, ihn aufzuschreiben: Die Konzerne sparen Steuern, wenn sie die Finanzströme umleiten. Braucht ein Unternehmen in Deutschland Kapital und leiht es sich von der Tochterfirma in Holland, muss es dafür Zinsen zahlen. Diese sind Kosten, schmälern so den Gewinn in der Heimat - und damit die Steuer darauf. Die in Holland anfallenden Zinserträge dagegen rutschen ziemlich unberührt durch die Bilanz. Der niederländische Staat will es so.

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