06.08.2007 · Die elektronische Revolution erreicht die Finanzämter. Lohnsteuerkarten aus Pappe sollen letztmalig für das Jahr 2010 verschickt werden. Und immer mehr Bürger schicken ihre Steuererklärung über das Internet an den Fiskus.
Von Manfred SchäfersBesucher deutscher Finanzämter fühlen sich oft in die fünfziger Jahre zurückversetzt. Gebäude und Einrichtung erwecken den Eindruck, als sei die Zeit stehengeblieben. Doch abseits der Topfpflanzen bricht sich auch in den Amtsstuben des Fiskus der Fortschritt Bahn. Die deutsche Finanzverwaltung steht weitgehend unbeachtet am Beginn einer technischen Revolution. Nachdem schon die Arbeitgeber vornehmlich elektronisch mit dem Finanzamt zusammenarbeiten und immer mehr Arbeitnehmer ihre Steuererklärung über das Internet abgeben, neigt sich die Zeit der Lohnsteuerkarte aus Pappe dem Ende zu.
Mit dem Jahressteuergesetz 2008 soll festgeschrieben werden, dass die Behörden die Karten im Format DIN A 5 letztmalig für das Jahr 2010 verschicken. Am Mittwoch soll das Bundeskabinett den Gesetzentwurf beschließen. Schon jetzt erhalten die meisten Arbeitnehmer die kleine Karte nicht mehr vom Arbeitgeber zurück. Lange mussten die Unternehmen die mehr als 30 Millionen „mit Tinte beschreibbaren“ Lohnsteuerkarten mit den Informationen der Einwohnermeldeämter über Lohnsteuerklasse, Kinderzahl und Fahrtkosten in Karteikästen sortiert aufbewahren. Nach Ablauf des Jahres schickte sie die Personalabteilung an jeden Arbeitnehmer mit einem aufgeklebten Zettel zurück, auf dem Daten wie gezahlte Lohnsteuer, einbehaltene Sozialversicherungsbeiträge und gezahlte Kirchensteuer standen. Diese Daten muss der Arbeitgeber seit kurzem dem Finanzamt direkt auf elektronischem Weg übermitteln.
Eine Identifikationsnummer bis zum Tod
Immer mehr Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer schicken zudem ihre Steuererklärung über das Internet direkt ans Finanzamt. 2006 haben 4,61 Millionen Bundesbürger ihre Einkommensteuererklärung „online“ abgegeben. Inzwischen machen etwa ein Zehntel aller Steuerpflichtigen ihre Steuererklärung mit Hilfe von Computer und Internet. Wie die Steuerverwaltung berichtet, wurden bisher 15,6 Millionen Einkommensteuererklärungen, 94,9 Millionen Umsatzsteuer-Voranmeldungen sowie 60,6 Millionen Lohnsteuer-Anmeldungen und 212,5 Millionen Lohnsteuerbescheinigungen elektronisch abgegeben.
Die elektronische Standard-Übermittlung der Arbeitnehmerdaten durch den Arbeitgeber ist erst der Anfang zur schönen neuen Welt, in der Bürger und Unternehmen mit dem Finanzamt papierlos kommunizieren. Jede natürliche Person wie auch jede Kapitalgesellschaft erhält dazu zum 1. Juli 2007 eine elfstellige Identifikationsnummer, die sie ihr Leben lang begleiten wird. So wird Deutschland demnächst durchnumeriert, vom Baby bis zum Greis.
Derzeit übermitteln die Einwohnermeldeämter die erforderlichen Daten an das Bundeszentralamt für Steuern. Dieses sortiert dann Dubletten und Karteileichen aus. Frühestens im Herbst können die Bürger einen Brief erwarten, in denen ihnen mitgeteilt wird, unter welcher Nummer sie unabhängig vom Wohnort für den Rest ihres Lebens beim Fiskus registriert sind. 2009 und 2010 laufen die papierene und die elektronische Regelung kurzzeitig parallel. So werden die Gemeinden mit dem Jahressteuergesetz 2008 verpflichtet, auf den Lohnsteuerkarten für diese Jahre auf die alten Pappkarten auch die neuen Nummern zu drucken. Damit ist sichergestellt, dass der große Bruder Fiskus künftig seine Steuerbürger noch besser als heute im Blick haben wird.