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Liechtenstein-Affäre Der Datendieb war ein Berufskrimineller

17.08.2010 ·  Der Diebstahl von geheimen Kontodaten, die der Bundesnachrichtendienst gekauft hat, war nicht die erste Straftat von Heinrich Kieber. Die Liechtensteiner LGT Bank hätte vor seiner Einstellung gewarnt sein müssen.

Von Joachim Jahn
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Wo Heinrich Kieber jetzt lebt und wie sein Tarnname lautet, wissen nur die Geheimdienste: Der Mann, der die Kontodaten der LGT Bank gestohlen hat, wird vom Bundesnachrichtendienst und von amerikanischen Sicherheitsbehörden in einem Zeugenschutzprogramm versteckt. Schließlich hat Kieber nicht nur Steuerkriminelle wie den ehemaligen Chef der Deutschen Post Klaus Zumwinkel zur Strecke gebracht. Rache fürchtet Kieber auch aus Liechtenstein. Denn der Zwergstaat musste sein Bankgeheimnis lockern, nachdem Kieber seine Informationen an zahlreiche Staaten verkauft hatte.

Ein Dokumentarfilm, der von diesem Montag an auf DVD im Handel erhältlich ist, zeichnet nun ein wenig schmeichelhaftes Bild von dem Datenhehler und der LGT Bank. Kiebers Onkel berichtet in dem Film, wie er einst auf die Nachricht seines Neffen reagiert habe, dass das Geldinstitut ihn mit der Digitalisierung seiner Kundenakten beauftragt habe: „So blöd können doch nicht einmal die sein, ausgerechnet dich einzustellen.“ Verblüffend viele Zeitzeugen haben die beiden Filmemacher Sebastian Frommelt und Sigvard Wohlwend vor die Kamera bekommen - ehemalige Freunde und Kollegen ebenso wie Staatsanwälte, Polizeibeamte und selbst den früheren Anwalt von Kieber. Das einhellige Fazit: Kieber sei ein Hochstapler und Berufskrimineller, den schon die Nonnen im Liechtensteiner Erziehungsheim zum Psychiater schicken wollten.

Berechnende Persönlichkeit, die gut schauspielern kann

Der Film skizziert das Bild eines eitlen und arroganten Vielredners. Seinen Start ins Berufsleben soll Kieber durch Versicherungsbetrügereien finanziert haben. Freunde, die Kieber übers Ohr gehauen hatte, kidnappten ihn angeblich in Argentinien und hielten ihn in einem Wasserturm gefangen. Kieber erpresste mit Erfolg das Staatsoberhaupt von Liechtenstein, Hans-Adam II. Als Jugendlicher riss er mit dem Mofa über die Alpen nach Spanien aus. Strafverfolger, die Kieber als Erwachsenen kennenlernten, schildern ihn als berechnende Persönlichkeit, die gut schauspielern kann.

Seine Vermieterin zog er über den Tisch, als er wieder einmal ins Ausland verschwand, um Flugunterricht zu nehmen, das Sozialamt ebenso. Eine Ex-Kollegin von der Swiss Air, wo Kieber nach einer Lehre bei einem Mercedes-Händler arbeitete, berichtet: „Meine Freundinnen fanden ihn eher abstoßend - er ist nicht sehr attraktiv und fiel eher durch sein Mundwerk auf.“ In dem Film reihen sich Privatvideos und Spielszenen in der Art eines Doku-Dramas spannend aneinander. Als Kieber schließlich den Datenschatz der LGT Bank verwalten durfte, berichtete er einem ahnungslosen Freund: Wieder einmal habe er ein bisschen im Archiv gestöbert - es sei doch ganz interessant, was man da so alles finde.

Die Intelligenz des Pausenclowns wurde unterschätzt

Der Bundesnachrichtendienst hat ihm für ebendiese Informationen 4 Millionen Euro gezahlt, der amerikanische Fiskus gewährt ihm 30 Prozent Umsatzbeteiligung auf die mit seiner Hilfe eingetriebenen Steuern. Angesichts seiner Rolle als Pausenclown habe mancher wohl Kiebers Intelligenz unterschätzt, vermuten Weggefährten. Eigentlich waren es zwei ganz verschiedene Personen, mit denen er gesprochen habe, berichtet ein Verantwortlicher der Kriminalpolizei von seinen Verhören mit Kieber.

Seine eigene Version hat Kieber vor wenigen Tagen in einem 652 Seiten dicken „Tatsachenbericht“ ins Internet gestellt. Wer gehofft hat, darin mehr über die 45 weiteren Prominenten zu erfahren, über deren Steuersünden Kieber etwas wissen will (F.A.Z. vom 5. August), wird allerdings enttäuscht. Und auch die Illustrierte „Stern“, der Kieber kürzlich ein Interview gab, hat jetzt nur mit ein paar Andeutungen nachgelegt - unter der vagen Berufung auf Unterlagen der fürstlichen LGT Treuhand. Einige Unternehmen und Diktatoren sollen Schwarzgeldkonten in Liechtenstein zur Zahlung von Schmiergeldern genutzt haben.

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Jahrgang 1959, Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

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