29.07.2008 · Der Schraubenmilliardär Reinhold Würth aus Künzelsau droht wegen der hohen Erbschaftsteuer mit Abwanderung. In Baden-Württemberg geht die Furcht um, er könnte mit seinen Auswanderungsabsichten Rache an Finanzbehörden und Justiz üben, die ihn zum vorbestraften Steuersünder gestempelt haben.
Von Susanne PreussReinhold Würth ist ein idealer Gesprächspartner für Journalisten. So impulsiv, wie er ist, hat er immer einige knackige Aussagen parat, die auch wahrgenommen werden: Erstens ist Reinhold Würth, „der Schraubenkönig“ genannt, ein Vorzeigeunternehmer, der in seinen bald 60 Jahren Lebensarbeitszeit aus dem Zwei-Mann-Betrieb seines Vaters einen Konzern mit 65.000 Mitarbeitern geschaffen und schon Milliarden an Steuern gezahlt hat. Zweitens treffen seine Äußerungen oft punktgenau die Befindlichkeit einer beachtlichen Gruppe von Familienunternehmern in Deutschland.
Dass andere, ebenfalls beachtlich große Bevölkerungsgruppen seine Meinung als reine Provokation betrachten, stört ihn kein bisschen. Beispiel gefällig? „Ein Drittel der arbeitslosen Menschen sind schlicht Systemknacker. Das sind Leute, die vom Staat bezahlt werden, nebenbei 500 Euro schwarz pro Woche verdienen und in Saus und Braus leben.“ Von „DDR light“ sprach Reinhold Würth, als sich in Hessen links-links etwas zusammenbraute, und die Erbschaftsteuer ist in seinem Sprachgebrauch eine „Strafsteuer“, obwohl weder erben noch schenken sträflich sind. Und weil Würth nicht als Schwätzer, sondern als konsequenter Macher bekannt ist, fürchten Politiker nun, dass Würth abwandern könnte, der Steuer entfliehen mitsamt seinem Unternehmen.
Genau kalkulieren, auch beim Standort
Zur Zeit ist Reinhold Würth erst einmal verreist. Es ist Wagner-Zeit in Bayreuth, und da ist er mit von der Partie, wann immer es geht - was keine Selbstverständlichkeit ist für den 73 Jahre alten Unternehmer, denn er kann das Arbeiten nicht lassen. Den bei den Festspielen anwesenden Politikern wird Würth bestimmt in gewohnt drastischer Weise schildern, welche Sorgen ihn plagen - vor allem die Sache mit der Erbschaftsteuer. Den Journalisten bleibt einstweilen nur eine Stellungnahme aus der Firmenzentrale. „Es ist Aufgabe jeder verantwortungsvollen Geschäftsleitung, die Zukunftssicherheit eines Unternehmens zu evaluieren und sich mit den Fragen zu beschäftigen, was ist in fünf, zehn und in 50 Jahren. Dazu gehören auch Überlegungen zu optimalen Standortfragen“, lautet die glattgebügelte Fassung aus der Würth-Zentrale.
Solche Formulierungen passen nicht zu Reinhold Würth, er sagte eher solche Sätze: „Ich schwätze normal mit den Leuten. Ich komme von ganz unten, das habe ich nicht vergessen.“ Am Inhalt gibt es gleichwohl nichts zu deuteln. Zwar ist es nicht gerade so, dass man in der Würth-Zentrale in Künzelsau schon auf gepackten Koffern sitzt, aber sobald im Herbst die Entscheidung zur Erbschaftsteuerreform fällt (die vom Verfassungsgericht bis zum Jahresende eingefordert ist), wird dort genau kalkuliert, ob sich eine Verlagerung nicht doch anbietet. Für die Würth-Stiftungen, in die Reinhold Würth das Familienunternehmen 1987 eingebracht hat, fällt nämlich alle 30 Jahre Ersatzerbschaftsteuer an - was bei derzeit 2,4 Milliarden Euro Eigenkapital allemal eine Überweisung in dreistelliger Millionenhöhe an den Fiskus bedeuten würde.
„Ich bin Patriot“
Als leere Drohung wird Würths Überlegung in der Politik kaum aufgefasst. In Baden-Württemberg geht die Furcht um, Reinhold Würth könnte mit seinen Auswanderungsabsichten Rache an Finanzbehörden und Justiz üben, die ihn auf seine alten Tage hin noch zum vorbestraften Steuersünder gestempelt haben (mit 700 Tagessätzen Strafe).
Erste Schritte sind schon getan: So wurde für neue Würth-Gesellschaften schon vor Jahren eine österreichische Stiftung gegründet. Reinhold Würth selbst hat einen Zweitwohnsitz in Salzburg (der Festspiele wegen. . .), und seine Tochter hat einen schweizerischen Pass. Doch es gibt auch die andere Seite an Reinhold Würth: die des Heimatverbundenen. Die ganze Region Hohenlohe ist Würth-Land, dort, wo er geboren wurde, in der Provinz zwischen Stuttgart, Nürnberg und Würzburg, sorgt er für Konzertereignisse, Kunstgenuss und Bildungsförderung und ist dabei alles andere als ideologisch.
Ausgerechnet mit Frank Stroh, dem früheren Pressesprecher der IG Metall Baden-Württemberg, hat er die Initiative „Pro Region Heilbronn-Franken“ gegründet. Reinhold Würths Engagement lässt sich bestimmt als ausgeklügelte Marketingstrategie darstellen. Ihm selbst genügt ein einfacher Satz: „Ich bin Patriot.“