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Kommentar : Recht und Code

Anwaltshilfe im Internet? Deutsche Kanzleien sollten das Angebot nicht verschlafen. Bild: dpa

Schreckgespenst „künstliche Intelligenz“ oder notwendige Unterstützung? Deutsche Juristen begegnen Legal Tech mit Ablehnung. Dabei ist es höchste Zeit, der Technik zu vertrauen.

          Impulse geben, auf die Chancen der Digitalisierung hinweisen, möglichst viele Zuhörer mitnehmen: Selten stand es bei einem Deutschen Anwaltstag so sehr im Vordergrund, Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Denn „Legal Tech“, der Einsatz digitaler Technik in der Rechtsberatung, stellt nichts weniger als das Wissensmonopol der Anwälte in Frage. So formuliert es Ulrich Schellenberg, der Präsident des Deutschen Anwaltvereins. Er mahnt seine Kollegen, endlich zu handeln.

          Recht und Technik passten im deutschen Anwaltsmarkt lange nicht zusammen. Bis heute setzt ein Großteil der Advokaten in der Rechtsberatung auf sein Wissen, er arbeitet Prüfungsschemas ab und zieht Fachliteratur zu Rate, um einen Fall einzuordnen. Erst dann vertrauen Anwälte auf ihre Intuition und Kreativität, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Warum sollte der Berufsstand davon abrücken und lieber auf Algorithmen setzen?

          Legal Tech kann Juristen in ihrer Arbeit stark unterstützen, in bestimmten Fällen sogar ersetzen. Das Gros der Anwälte hat dies lange ignoriert. Grob fahrlässig, um es im Juristendeutsch zu sagen. Schließlich hat sich in anderen Branchen, ob im Hotelgeschäft oder im Taxigewerbe, gezeigt, welche wirtschaftliche Macht digitale Plattformen entwickeln können, die dann etablierte Strukturen aufbrechen. In den Vereinigten Staaten, wo sich Legal Tech in der Rechtsberatung für Verbraucher und als Dienstleister für Kanzleien etabliert hat, ist in wenigen Jahren ein Milliardenmarkt entstanden. Nachvollziehbar, dass die amerikanische Presse immer häufiger das Ende qualifizierter Berufe heraufbeschwört. Neben Ärzten, Architekten und Journalisten werden Computer angeblich bald auch Anwälte und Richter ersetzen.

          Skepsis bei Deutschlands Anwälten

          Wer deutsche Anwälte darauf anspricht, erlebt viel Abwehr. Man wolle gar kein „Subsumptionsautomat“ sein, der Definitionen herunterbete und auf alle Rechtsfragen sofort eine Antwort wisse. Die Branche wiederholt, gerade auch auf dem Anwaltstag, das Argument, man grenze sich durch Kreativität und individuelle Falllösungen von Legal-Tech-Angeboten ab. Es ist der Reflex eines Berufsstands, der durchaus erkennt, dass sich bestimmte Rechtsfragen durch die Digitalisierung schneller und vor allem günstiger klären lassen. Darunter fallen bisher bevorzugt Verbraucherstreitigkeiten, die sich mit Hilfe von Big-Data-Analysen standardisiert bearbeiten lassen.

          Doch Legal Tech kann viel mehr. Auf Kanzleien zugeschnittene Anwendungen helfen bei der Aktenverwaltung, unterstützen Anwälte in der Organisation von Terminen oder schaffen Transparenz bei Honorarabrechnungen. Falsche oder kaum nachvollziehbare Rechnungen sind immer wieder ein maßgeblicher Grund dafür, dass ein verärgerter Mandant den Anwalt wechselt. Es geht also nicht um das Schreckgespenst eines sich rasant ausbreitenden flächendeckenden Einsatzes künstlicher Intelligenz. Auf dem Anwaltstag vorgestellte Zahlen belegen, dass sich Projekte, die mit Hilfe selbstlernender Algorithmen gelöst werden, auf bestimmte Geschäftsfelder beschränkt. Ihr Anteil wächst vor allem bei internationalen Großkanzleien, aber auch dort nur langsam.

          Auch Anwälte arbeiten nach einer Formel

          Doch die künftigen Möglichkeiten und Chancen sind groß. Um die Vorbehalte gegenüber Legal Tech abzubauen, sollten sich Anwälte klarmachen, wie eng verwandt die Arbeitsweisen tatsächlich sind. Das Jurastudium ist repetitiv. Das Recht baut auf immer wiederkehrenden Prüfungsschemata auf, Lösungsstränge lassen sich in einzelne präzise Schritte zerlegen. Jedem Juristen ist diese Herangehensweise aus seiner Ausbildung vertraut – auch wenn man zur Arbeitserleichterung im Berufsleben dann zu einem Vordruck aus einem Formularbuch oder einem Kommentar greift.

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          Die überraschende Erkenntnis: Nicht nur die Programmierer, sondern auch Anwälte arbeiten nach einer Formel. „Recht = Code“, drückt es Rechtsprofessor Stephan Breidenbach aus, hierzulande einer der frühen Befürworter von Legal Tech. Für Juristen ist es ein kleiner Evolutionsschritt. Die enge Verzahnung von digitaler und realer Arbeitswelt ermöglicht die Industrialisierung der Rechtsdienstleistung. Am deutlichsten werden die Chancen in der Durchsetzung von Gruppeninteressen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Entschädigung bei Flugverspätungen oder für Geschädigte von Kartellen. Hier generieren Dienstleister Daten über ihre Plattformen im Internet, nehmen eine rechtliche Bewertung vor und setzen diese in bestimmte Textbausteine um.

          Auch die deutsche Rechtsberatung wird an Legal Tech nicht vorbeikommen. Für den Anwalt werden sie Bestandteil des Alltags sein, wie heute schon der Laptop oder das Smartphone. Die größte Hürde dürfte auch nicht der fehlende Wille zur Anpassung sein, sondern das Geld. Gute IT-Infrastruktur ist teuer. Nur wer hier investiert, wird in der digitalen Rechtsberatung künftig eine Rolle spielen. Nicht jeder kann und will mitziehen. Die Anwaltschaft steht nicht nur vor einem Wandel, sie steht auch vor einer Konsolidierung.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

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