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Erdogan : Die Türkei zerstört ihr Wirtschaftswunder

In diesem Jahr sind schon 35 Prozent weniger Touristen gekommen. Bild: © Bodo Müller/Schapowalow

Präsident Erdogan hat die Wirtschaft angekurbelt wie keiner zuvor. Jetzt stürzt er sein Land ins Chaos – und könnte in eine ökonomische Falle laufen.

          Bescheiden war der türkische Präsident Erdogan noch nie. 2006 gab er das Ziel vor, dass sein Land zur zehntgrößten Volkswirtschaft der Welt werden solle – an Stelle von Kanada und direkt hinter Italien und Brasilien. Und das bis 2023, wenn die Türkei den 100. Geburtstag ihrer Staatsgründung feiert.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Zeitlang sah es so aus, als könne Erdogan die ambitionierte Vorgabe schaffen. Denn die Türkei hatte sich unter seiner Führung zum anatolischen Tiger entwickelt, ausländische Unternehmen investierten eifrig, die Wirtschaft wuchs kräftig um bis zu neun Prozent im Jahr und damit zeitweise mehr als China. Das Land modernisierte sich und erlebte ein Wirtschaftswunder. Doch jetzt ist Erdogan dabei, seine großen Erfolge selbst zu zerstören.

          Seine autoritäre Herrschaft, die dadurch provozierten Terroranschläge und die aktuelle gigantische Säuberungswelle nach dem gescheiterten Putsch trifft die Wirtschaft mit voller Wucht. Die Ratingagentur Standard&Poor’s hat die Bonität schon herabgestuft. „Das Wachstum wird im zweiten Halbjahr und vor allem 2017 zurückgehen. Ich erwarte für nächstes Jahr nur noch einen Zuwachs von 2,1 Prozent“, sagt Tatha Ghose, Türkei-Volkswirt der Commerzbank in London. „Das ist für ein Schwellenland sehr wenig.“

          Ein Grund für den heftigen Abschwung: Die Touristen bleiben wegen der Ereignisse weg. Ihre Zahl lag zwischen Januar und Mai schon 35 Prozent unter dem Vorjahr. Der Tourismus ist neben der Bau-, Textil- und Elektroindustrie und dem Transportsektor ein wichtiger Wirtschaftssektor der Türkei. Rund drei Millionen Arbeitsplätze und etwa 13 Prozent der Wirtschaftsleistung hängen daran. Die gerade beginnende Rückkehr der russischen Gäste wird das nicht kompensieren können. Sie waren ausgeblieben, als die Türkei Ende 2015 ein russisches Kampfflugzeug im Grenzgebiet zu Syrien abschoss.

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          Ein riesiger Absatzmarkt

          Hinzu kommt: Die türkischen Verbraucher verlieren wegen der Unsicherheit die Laune am Konsum. Und viele Unternehmen haben ihre Investitionen erst einmal auf Eis gelegt. Schließlich weiß keiner, ob die sich in einem Umfeld mit schwachem Wachstum noch lohnen werden. Und ob ihr Eigentum noch ausreichend geschützt ist, wenn die Rechtsstaatlichkeit nicht mehr gewährleistet ist. Schließlich hat Erdogan gerade mehr als tausend Richter suspendiert, und niemand weiß, wer künftig wie objektiv richtet.

          Bild: F.A.Z.

          Auch die deutschen Unternehmen in der Türkei sorgen sich. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner des Landes. Rund 6000 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung gibt es. Denn es lockt ein riesiger Absatzmarkt, die Nähe zum Nahen Osten und gut ausgebildete Facharbeiter mit niedrigen Löhnen. Fast alle deutschen Großkonzerne sind im Land investiert, die meisten im Großraum Istanbul.

          Die Metro etwa betreibt dort Großhandelsmärkte und Elektronikfachmärkte der Tochtergesellschaft Media Saturn. Siemens baut unter anderem Nahverkehrszüge, Turbinen und medizinische Geräte. 3000 Mitarbeiter erwirtschaften eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr. Daimler und MAN stellen Busse her, der Herrenausstatter Hugo Boss schneidert mit 4000 Leuten in der Nähe von Izmir. Bosch hat sogar 16.000 Mitarbeiter in der Türkei. Das Unternehmen fertigt für den lokalen Markt, aber auch für Europa und Asien unter anderem Fahrzeugkomponenten, Elektrowerkzeuge, Hausgeräte und Gasthermen. 3,4 Milliarden Euro wurden 2015 damit umgesetzt.

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