10.09.2008 · Deutschland findet nicht genug Arbeitskräfte in Naturwissenschaften und Technik, heißt es im Bildungsbericht der OECD. Personalberater Albert Nussbaum über zu viele Studienabbrecher, Schlusslichter im Bildungsvergleich und Orchideen auf der Fensterbank.
Deutschland kann seinen Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften in Naturwissenschaften und Technik kaum decken, hat der jüngste Bildungsbericht der OECD belegt (Bildung auf einen Blick 2008). Albert Nussbaum, Deutschland-Geschäftsführer der Personalberatung Mercuri Urval, beklagt die hohe Zahl der Studienabbrecher unter den angehenden Ingenieuren - und fragt suggestiv, ob „nicht die Anforderungen an den Abschluss aus einem falsch verstandenen Qualitätsanspruch künstlich überhöht wurden“.
Der OECD-Bildungsbericht erteilt Deutschland wieder schlechte Noten für das Bildungssystem. Teilen Unternehmen diese Einschätzung?
Unternehmen stellen an das Bildungssystem die Anforderung, ausreichend junge Leute mit guter Ausbildung und den passenden Qualifikationsprofilen zu bekommen. Diese Anforderungen werden mittlerweile weder in der Quantität noch in der Qualität erreicht, wie die OECD-Studie leider belegt.
Die Zahl der Studienanfänger in Deutschland wächst langsamer als in Europa. Warum ist das aus Sicht der Wirtschaft ein Problem?
Heute werden mehr Leute mit besserer Ausbildung und mit anderen Schwerpunkten gebraucht, als noch vor 10 Jahren. Wir brauchen viel mehr Studienanfänger und viel mehr Absolventen. Das Bildungssystem in Deutschland kann leider der Dynamik nicht folgen, mit der sich die Wirtschaft verändert. Und dieser Umstand hindert viele Unternehmen an einer weiteren Entwicklung. Es bringt nichts, wenn man auf dem richtigen Weg ist, dort aber nicht vom Fleck kommt.
Suchen Ihre Kunden denn nur noch Akademiker statt Facharbeiter?
Es ist noch viel schlimmer: Die Unternehmen suchen händeringend Akademiker und Facharbeiter. Es geht nicht um ein paar Orchideen, die wir auf der Fensterbank züchten müssen, wir brauchen eine ganze Blumenwiese. Und der Trend geht klar zur immer höheren Qualifikation. Selbst für einfache Arbeiten in Unternehmen ist mittlerweile eine gewisse Mindestqualifikation notwendig, sonst kommen ganze Prozessketten ins Stocken. Wer gar keine Qualifikation hat, für den sieht es am Arbeitsmarkt in Zukunft düster aus.
Der Anteil der Studienabbrecher liegt mit 23 Prozent deutlich unter dem europäischen Schnitt von 31 Prozent. Heißt das Entwarnung? Wir beklagen das Phänomen ja ausgerechnet bei den neuen Bachelor-Studiengängen für angehende Ingenieure.
Es darf nicht unser Ziel sein, uns in dieser Frage mit den Schlusslichtern wie Neuseeland oder Italien zu vergleichen. Es ist doch unfassbar, dass wir uns erlauben, fast ein Viertel aller Studierenden erst einmal in eine Sackgasse laufen zu lassen und wertvolle Qualifikationen fehl zu steuern. Im Rahmen der Einführung der Bachelor-Studiengänge muss man sich fragen, ob hier nicht die Anforderungen an den Abschluss aus einem falsch verstandenen Qualitätsanspruch künstlich überhöht wurden.
Es fehlt an Naturwissenschaftlern und Technikern: Auf 100.000 Einwohner kommen 1423 Hochqualifizierte mit einem entsprechenden Studium, in Europa sind es 1649. Ist das eine relevante Differenz?
Im Vergleich zum Ausland ist die deutsche Wirtschaft nach wie vor eine industriell geprägte, produzierende Wirtschaft. Wir brauchen deshalb proportional erheblich mehr Ingenieure als etwa die englische Wirtschaft, die sich weitgehend aus dem produzierenden Sektor zurückgezogen hat. Deshalb sind die Zahlen durchaus alarmierend. In der Praxis geht hier eine Schere auf: Der konkreten Personalbedarf in den Unternehmen ist gerade in den Ingenieur- und Naturwissenschaften am größten, die Graduierten-Zahl liegt aber unter OECD-Durchschnitt. Dies hemmt schon heute das Wachstumspotenzial deutscher Unternehmen.
Der wachsende Einkommensvorsprung von Akademikern vor anderen Berufstätigen wird mit dem Mangel erklärt - also Angebot und Nachfrage in Reinkultur. Ist das eine politische oder ökonomische Interpretation?
Der Einkommensvorsprung ist ein klares ökonomisches Indiz, das auf den massiven Mangel hinweist. In der Folge schlagen sich die Unternehmen mit immer mehr Geld um die begehrten Absolventen, dabei bleibt kleinen und mittleren Unternehmen oft das Nachsehen. Davon hat allerdings niemand einen Vorteil, so bricht vielmehr den Großen der Unterbau des Mittelstandes irgendwann weg. Die politische Schlussfolgerung müsste sein, noch viel mehr für steigende Studierendenzahlen zu tun, besonders bei den Ingenieurwissenschaften. Dafür sind die hervorragenden Erwerbsaussichten ein willkommenes Argument.
Die deutschen Bildungsausgaben sinken gegen den OECD-Trend. Es geht auch um direkte Förderung von Studierenden. Hier müssen Unternehmen ganz offensichtlich noch viel kreativer werden - und richtig Geld ausgeben.
Viele Unternehmen tun das bereits, weil sie sich nicht auf das staatliche Bildungssystem alleine verlassen wollen. Dass Unternehmen „richtig“ Geld ausgeben müssen, sollte dabei aber nicht nur „viel“ bedeuten, sondern vor Allem zielgerichtet. Ich sehe die Lösung auch nicht in einer Autonomie der Wirtschaft in Sachen Ausbildung. Notwendig ist vielmehr, eine bessere Abstimmung aller am Bildungsprozess beteiligten Institutionen herbeizuführen.
Trotz aller Defizite zieht es viele ausländische Studierende nicht nur nach Amerika und Großbritannien, sondern auch nach Deutschland. Noch ist unser Ruf also nicht ruiniert.
Studierende aus dem Ausland sind ein Segen für unsere Wirtschaft, insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung. In Deutschland sitzen wir in dieser Hinsicht aber auf einem sehr hohen Ross. Nicht diese Menschen brauchen uns, wir brauchen sie als Leistungsträger für die Zukunft in unserem Land.
Alternativen zum Studium
Marko Zweigler (zweigi)
- 10.09.2008, 17:54 Uhr
OECD Bildungsbericht
Werner Eickhoff (WernerEickhoff)
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Hans-Werner Bender (DRHWB)
- 11.09.2008, 14:04 Uhr
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