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Coding-Bootcamps : Programmierer aus dem Flüchtlingscamp

  • -Aktualisiert am

Die Syrerin Goory-Al-Hamed, 27, lernt Programmiersprachen und Englisch. Abends fährt sie zurück ins Flüchtlingscamp. Bild: Ariana Dongus

Im Irak tobt der Krieg gegen den IS. Nebenan büffeln Flüchtlinge für die digitale Zukunft. Das Konzept einer Amerikanerin will ihnen mit Technologiekenntnissen aus der Arbeitslosigkeit heraushelfen.

          Als Goory Al-Hamed aus Damaskus fliehen muss, denkt sie nicht lange nach, was sie mitnimmt. Es sind nur ein paar Kleidungsstücke und ihr Laptop, der später zu ihrem größten Kapital werden wird. Jetzt, dreieinhalb Jahre später, sitzt die 27-jährige zierliche Frau auf einem Kissen in einem Flüchtlingscamp am südlichen Ende von Arbil, der kurdischen Hauptstadt des Nordiraks, denselben Laptop vor sich, neben ihr der kleine Gasofen – die einzige Wärmequelle an diesem kalten Morgen. Sie streift die Ärmel ihres Mantels zurück und tippt rasend schnell einen Computercode ins Eingabefenster.

          Ihre Website, die es Krankenhäusern ermöglichen soll, bei Versorgungsknappheit Medikamente untereinander auszutauschen, ist fast fertig gebaut. Nur noch wenige Klicks. Doch dann erlischt mit einem Knall das Licht: schon wieder Stromausfall. Al-Hamed klappt den Rechner zu und verlässt die Baracke. Sie geht vorbei an den weißen Zelten des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, dem Fußballplatz, dem Elektronik-Geschäft ihres Bruders, raus aus dem Camp. Gleich kommt der Bus, der sie zur Programmierschule bringt.

          Die Programmierschule „Re:Coded“ befindet sich in der Stadt Arbil im Nordirak. Bilderstrecke

          Alexandra Clare wird an diesem Morgen von der Musik des Gasverkäufers geweckt, der durch ihre Straße tuckert und mit einem Lied Kunden anlockt. Hier, in Ainkawa, im christlichen Viertel Arbils gibt es keine Moscheen und keinen Muezzin, der sie bei Sonnenaufgang mit seinem Ruf aus dem Schlaf reißen könnte. Mit ihrem Mann lebt sie in einem Haus, das die Bewohner wegen der Wirtschaftskrise verlassen mussten. Heute ist sie spät dran, und der Weg zu ihrer Programmierschule „Re:Coded“ ist weit. Sie läuft auf die Straße und hält ein Taxi an.

          Idee der „Coding Bootcamps“ kommt aus Amerika

          Die Schule befindet sich in einem schlichten Haus am Stadtrand von Arbil. Nur eineinhalb Autostunden entfernt kämpfen Peschmerga, die Soldaten des Nordiraks, gemeinsam mit der irakischen Armee in Mossul gegen den sogenannten „Islamischen Staat“. Goory Al-Hamed wird hier zur Softwareentwicklerin ausgebildet. Nicht in einem gewöhnlichen, mehrjährigen Studiengang, sondern zackig und intensiv in nur acht Monaten.

          Im Juli 2016 ging es los; 500 Geflüchtete hatten sich beworben. Al-Hamed sah die Ausschreibung auf einem Flugblatt im Camp. Kurz darauf bestand sie den mehrtägigen Aufnahmeprozess, in dem logisches Verständnis sowie Englisch- und Arabischkenntnisse getestet wurden. Jetzt ist sie eine von 40 Studenten, die bei Re:Coded eine kostenlose Ausbildung bekommen. Vorkenntnisse im Programmieren haben die wenigsten.

          Für Alexandra Clare, die Gründerin der Schule, ist das kein Hindernis. Bevor die 29-Jährige nach Arbil zog, lebte sie in New York. 2015 reiste sie als Mitarbeiterin der Vereinten Nationen in den Irak und sah, dass es kaum Bildungsangebote für Flüchtlinge gibt. „Als ich die Menschen fragte, was sie lernen wollen, antworteten die meisten: Computer und Englisch“, sagt sie. Clare wusste vom weltweiten Bedarf an Softwareentwicklern.

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