22.06.2007 · Procter & Gamble ging es um den Kauf der Marke Wella, deren Eigentümern ging es um viel Geld, als das Unternehmen den Besitzer wechselte. Die Einverleibung durch die Amerikaner hat viele Arbeitsplätze gekostet und manchen Manager vertrieben.
Von Michael RothMit beachtlicher Weitsicht hat der Friseur Franz Ströher vor mehr als hundert Jahren sein unternehmerisches Erbe geregelt. „Die Familie darf Geld haben, aber keinen Einfluss“, soll er seinen Nachfahren sinngemäß mit auf den Weg gegeben haben. Doch die hielten sich nicht daran, wollten beides und verkauften schließlich ihr Erbe, das unter dem Namen Wella weltbekannt wurde. Vor vier Jahren kassierten sie rund 3,2 Milliarden Euro. Heute gehört Wella zu Procter & Gamble, vom Traditionsunternehmen Wella blieb nur die Marke übrig.
Welcher der zahlreichen Erben, die zusammen 78 Prozent der Wella-Stammaktien besaßen, den Verkauf voran- oder hintertrieb, ist bis heute nicht restlos geklärt. Nur einer äußerte sich öffentlich. „Ich habe nicht zu den Hauptbetreibern des Wella-Verkaufs gehört“, sagte Immo Ströher der F.A.Z. im Jahr 2003. Er machte später als Investor bei Solarunternehmen wie Solon und Q-Cells von sich reden. Ausgerechnet ein eingeheirateter Schwiegersohn, Ulrich Ströher, geborener Fette, ein gelernter Krankenpfleger, soll es gewesen sein, der bis zuletzt auf die Fortführung des Erbes gepocht haben soll. Genauso glaubwürdig wird allerdings auch das Gegenteil erzählt.
Harmoniebedürftiger Strippenzieher
Klar ist, bei vielen der Nachkommen Ströhers war die Dividende die einzige Verbindung zum Unternehmen. Das war ganz im Sinne des Gründers. Doch einige aus der Familie wollten mehr, was der Wella-Gründer bekanntlich nicht geplant hatte. Die vier größten Familienanteilseigner saßen im Beirat. Dort hatten sie zuletzt das Sagen – auch am Aufsichtsrat vorbei. So wurde dem gesetzlichen Aufsichtsgremium der Verkauf nur mitgeteilt.
Das war nicht immer so. Jahrelang die wichtigste Person im Aufsichtsrat und auch im Verhältnis zwischen den vier Familienstämmen war der ehemalige Wella-Chef Karl Heinz Krutzki. Er war der erste Aufsichtsratsvorsitzende, der nicht zur Gründerfamilie gehörte. Krutzki verstand es, die Familien als Eigentümer beim Unternehmen zu halten, bewahrte aber gleichzeitig das Unternehmen vor ambitioniertem Einfluss aus der Familie, ganz im Sinne des Gründers. Doch das änderte sich rasch, als Krutzki, der harmoniebedürftige und allseits geachtete Strippenzieher, den Aufsichtsrat im Mai 2001 aus Altersgründen verließ.
Strategische Weiterentwicklung gehemmt
Kaum war dessen ordnende Hand weg, kam es zu ersten ernst zu nehmenden Verkaufsgerüchten. Die Uneinigkeit mündete schließlich in einer Familienvereinbarung, in der eine prinzipielle Verkaufsbereitschaft aller festgeschrieben war. Der Einfluss der Ströherschen Nachkommen lähmte zwar nicht das Alltagsgeschäft, doch verhinderten sie die strategische Weiterentwicklung von Wella. Bei einer eigenständigen Zukunft, mit oder ohne Partner, hätten die Familienaktionäre wohl selbst investieren müssen. Das galt vor allem für das Einzelhandelsgeschäft, in dem Wella alleine zu klein war. Die Aussicht auf Investitionen in Wella war vielen Anteilseignern zu viel, einige brauchten eher Geld, als dass sie es ausgeben konnten. Und so ging die Unternehmensgeschichte von Wella zu Ende, nur zwei Jahre, nachdem die Familie den vom Gründer gefürchteten Einfluss hatte.
Am 27. Februar dieses Jahres hat die vermutlich letzte Wella-Hauptversammlung die Übertragung der letzten Aktien von Minderheitsaktionären auf die Deutsche Procter & Gamble Unternehmensbeteiligungs GmbH & Co. Operations OHG bestätigt. Anfechtungsklagen vor allem von Kleinaktionären hatten die formale Übernahme immer wieder verzögert. Sie klagten auch gegen die jüngsten Beschlüsse der Hauptversammlung. De facto sind die einstigen operativen Wella-Vertriebsgesellschaften schon länger als einfache Kommissionäre für Procter tätig. Die Wella-Fabriken „arbeiten überwiegend als Lohn- oder Auftragshersteller für Procter“, heißt es im Geschäftsbericht.
Marktführer geblieben
Die Marke Wella hat die Wirren um den Verkauf zwar überstanden, doch die Marktanteile im Friseurgeschäft, der wichtigsten Wella-Sparte, sind zunächst etwas geschrumpft. Erst seit einem Jahr wüchsen sie wieder, sagte der amtierende Wella-Vorstandssprecher Alfred Krämer dieser Zeitung. Immerhin ist Wella mit seinen Haarfarben, Pflegeprodukten und Dauerwellen in Deutschland Marktführer in den Friseursalons geblieben. Fast jedes zweite der rund 70.000 Friseurgeschäfte hierzulande arbeitet mit Wella-Produkten. Angeboten werden nicht nur Haarpflegeprodukte, sondern gleich die ganze Sammlung von Dienstleistungen bis hin zur Altersversicherung für Friseure. Mit seinen Marktanteilen ist Wella hierzulande deutlich größer als Erzkonkurrent L’Oréal. International hält allerdings L’Oréal die Spitzenposition.
Über aktuelle Umsatz- oder Ergebniszahlen von Wella ist nichts bekannt, sie wären auch aufgrund der starken Einbindung in Procter wenig aussagekräftig. Nicht einmal mehr die genaue Zahl der heute bei Wella Beschäftigten ist zu ermitteln. Vor der Übernahme waren rund 18.000 Mitarbeiter bei Wella tätig. Alles in allem gingen durch die Übernahme etwas weniger als 3000 Arbeitsplätze weltweit verloren.
Was wäre die Alternative gewesen?
Im operativen Geschäft seien die Synergien mit Procter zu etwas mehr als 80 Prozent gehoben, sagt Krämer, und im nächsten Jahr wolle Wella zu alter Stärke zurückkehren. Beim Ergebnis habe Wella gegenüber Procter mit seiner Vorsteuerrendite von 18 Prozent noch Nachholbedarf. Geblieben sind die Unterschiede in der Positionierung. Procter konzentriert sich auf das Massengeschäft, einzelne Produkte haben Umsätze jenseits der Milliardengrenze. Wella kümmert sich in erster Linie um Friseursalons im Direktvertrieb. In der Duft- und der Einzelhandelssparte passen die Sortimente besser zusammen.
Was wäre die Alternative zu einem Verkauf von Wella an Procter gewesen? Eine deutsche Allianz mit Henkel oder Beiersdorf waren Optionen, die im früheren Wella-Vorstand sehr ernsthaft diskutiert und teilweise auch vorangetrieben wurden. Immerhin hatte Henkel noch um Wella mitgeboten, dann aber gegen Procter den Kürzeren gezogen. Henkel hätte zwar in der Summe ähnlich viel auf den Tisch gelegt wie Procter, doch der Anteil für die wichtigen Stammaktionäre war geringer. So gesehen, hat Henkel nach Ansicht von Kennern der Materie zwar den für alle Aktionäre faireren, Procter aber den höheren Preis für die Stammaktien bezahlt. Über ein Zusammengehen mit Beiersdorf wurde sogar bis zuletzt noch mit dessen Großaktionär Tchibo gesprochen. Doch der damalige Konflikt in der Herz-Familie bei Tchibo soll ein schnelles Vorgehen in Sachen Wella verhindert haben. Procter hatte bei der Übernahme aufs Tempo gedrückt.
Viele Führungskräfte haben Wella verlassen
Wie wenig willkommen Procter & Gamble als Großaktionär war, zeigen Äußerungen ehemaliger Wella-Spitzenkräfte von damals. „Aus Sicht des Unternehmens ist die bekanntgegebene Transaktion kein notwendiger Schritt“, war die Ansicht des damaligen Wella-Vorstandschefs Heiner Gürtler. „Doch das ist Historie“, sagte er später den Aktionären bei der Hauptversammlung im Jahr 2003. Niemand könne das Recht der Familienaktionäre in Frage stellen, zu verkaufen. Die Familien hätten recht viel Geld bekommen, urteilten damals Branchenkenner über den Kaufpreis. Im Rückblick erschien er dann doch nicht so hoch. Die Prämie betrug 22 Prozent gegenüber dem Kurs der Wella-Stämme vor dem Procter-Angebot. Das Angebot von Procter für die freien Vorzugsaktionäre lag im Vergleich dazu nur leicht über dem gesetzlichen Mindestpreis und wurde später geringfügig erhöht.
Nach der Verkaufsentscheidung sagte ein leicht resignierter Wella-Vorstandschef Gürtler, es sei nun Aufgabe des Vorstands das Beste daraus zu machen. „Das schließt Windmühlenkämpfe aus“, blieb der stets besonnene Manager allerdings auch realistisch. Gleichwohl konnte auch er nicht verhindern, dass im Zuge der Integration in Procter rund 1200 Arbeitsplätze wegfielen. Viele Führungskräfte haben Wella verlassen.
„Vorzugsaktionäre im Regen stehen lassen“
Aktionärsvertreter wurden bei der Hauptversammlung damals deutlich: „Wella wurde ein Opfer seiner Großaktionäre“ und „Die Familie hat die Vorzugsaktionäre im Regen stehen lassen“. Das alles geschah zu einem Zeitpunkt, als Wella so gut dastand wie noch nie zuvor. Das Geschäft mit Friseuren lief glänzend. Aus reiner Unternehmenssicht gab es keinen Grund für einen Verkauf. Und immerhin hat Wella – im historischen Kontext – schon schlimme Zeiten gemeistert. Abgesehen von den beiden Weltkriegen, wurde der Konzern in der DDR enteignet und schaffte den Neuaufbau in Westdeutschland.
So war es wenig verwunderlich, dass sich die Eigentümerfamilien in Darmstadt, wo sie zur Lokalprominenz gehören, mit dem Verkauf an Procter nicht gerade beliebt machten. Ihnen wurde unter anderem vorgeworfen, aus Geldgier das Unternehmen und auch ein wenig ihre Heimatstadt verraten zu haben. Nach dem Aufruhr um den Verkauf leben die schon immer recht öffentlichkeitsscheuen Familien heute noch zurückgezogener. In Darmstadt galten die Ströher-Nachkommen bis dahin als wohltätig, hängten das aber nicht an die große Glocke.
Wohnen im Shampoo-Valley
Einige sind vor allem auf dem Kunstsektor aktiv. Von Sylvia Ströher, einer der leiblichen Nachkommen des Wella-Gründers, ist bekannt, dass sie jedes Jahr einige Monate auf Mallorca lebt. Dort wohnt sie dann im sogenannten Shampoo-Valley neben Hans-Peter Schwarzkopf, dessen Unternehmen, ebenfalls aus der Haarpflegebranche, heute Henkel gehört.
Die Kunstliebhaberin Ströher hat vor zwei Jahren noch einmal für Aufsehen gesorgt. Sie kaufte die Privatsammlung des Duisburger Bauunternehmers und Kunstsammlers Hans Grothe für rund 50 Millionen Euro. Zur Sammlung gehören Werke bedeutender deutscher Nachkriegskünstler wie Anselm Kiefer, Jörg Immendorf und Georg Baselitz. Schon Karl Ströher, ein Sohn des Firmengründers Franz Ströher, hat sich als Sammler moderner Kunst hervorgetan. Darauf und auf andere wohltätige Aktivitäten hätten sich die übrigen Erben beschränken sollen, bedauern alte Wella-Fahrensleute noch heute.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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