Home
http://www.faz.net/-gqe-797w1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Raus aus dem Euro? AfD will nicht zurück zur D-Mark

„Nicht Deutschland soll den Euro verlassen, sondern die südeuropäischen Staaten“, sagt der Vorsitzende der neu gegründeten Anti-Euro-Partei, Bernd Lucke, der Sonntagszeitung. Ein Streitgespräch mit ihm und Dennis Snower, dem Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, über die Zukunft des Euros.

Bernd Lucke (l) und Dennis Snower Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© F.A.S., Bildmaterial: Reuters, dpa Raus aus dem Euro? Doppelinterview Lucke und Snower zum Nachhören

Herr Snower, Herr Lucke, Sie sind beide Ökonomen. Würden Sie heute noch einmal den Euro einführen?

Snower: Unbedingt. Aber mit einem wetterfesten Regelwerk. Die europäischen Staaten haben sowohl wirtschaftlich als auch politisch enorm vom Euro profitiert. Selbst wenn wir bis jetzt gut ohne den Euro gelebt hätten, wäre es nun höchste Zeit, ihn einzuführen.

Lucke: Ich würde den Euro keinesfalls einführen, obwohl ich ihn 1999 befürwortet habe. Ich dachte, der Euro könnte einen heilsamen Anpassungszwang ausüben auf Staaten, die ihre Wettbewerbsfähigkeit immer nur durch Abwertungen retten. Aber die Beharrungskräfte waren zu groß. Selbst bei größtem Druck finden nicht genügend strukturelle Reformen statt. Deshalb ist der Euro für ein so heterogenes Währungsgebiet nicht geeignet.

Snower: Ich sehe es genau umgekehrt. Wenn Länder einmal anfangen, aus dem Euro auszutreten, wird es in Europa auch rasch zu mehr Protektionismus und schädlichem Nationalismus kommen. Dann wird das ganze europäische Projekt infrage gestellt. Es droht uns ein Strudel, der in das Chaos führt. Wir müssen die Krise des Euro anders bewältigen.

Sie sind sich beide einig, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Herr Lucke, Sie wollen den Euro verlassen und den Deutschen die D-Mark zurückbringen.

Lucke. Nein, nicht Deutschland soll den Euro verlassen, sondern die südeuropäischen Staaten. Das ist viel besser als ein Euro-Austritt Deutschlands. Dann haben die Südländer die Möglichkeit der Abwertung, was ihnen die Chance gibt, wettbewerbsfähig zu werden. Europa leidet an einer Wettbewerbskrise. In den südeuropäischen Ländern sind die Löhne im Verhältnis zur Produktivität zu hoch. Die Firmen sind nicht wettbewerbsfähig, ihre Produkte damit kaum zu exportieren.

Also nicht zurück zur D-Mark, sondern zur Drachme und Escudo?

Lucke. Ja. Seit Einführung des Euro haben alle südeuropäischen Länder viel, viel mehr importiert als exportiert. Ihre Leistungsbilanzen sind immer defizitär. Zehn Jahre lang haben die Regierungen die Möglichkeit gehabt, dieser gefährlichen Entwicklung entgegenzuwirken. Es ist ihnen nicht gelungen, oder sie waren nicht willens. Niedrige Produktivität und hohe Löhne vertragen sich nicht. Die Löhne in Südeuropa sind um 30 bis 50 Prozent zu hoch. Eine Lohnsenkung in diesem Ausmaß ist nicht zumutbar. So bleibt nur eine Abwertung, und dafür braucht man eine eigene Währung.

Snower: Ich teile Ihre Analyse, Herr Lucke, aber nicht Ihre Lösung. Die Einführung einer eigenen Währung hätte, wenn alles gutginge, nur einen kurzen Effekt. Preise glichen sich schnell wieder an. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes hängt aber nicht von seinen monetären Größen ab, sondern von seinen komparativen Vorteilen: Was können sie besser als andere? Das hängt von seiner Produktionsstruktur und seiner Innovationskraft ab. Wenn es schlecht liefe, könnte sich ein armes südeuropäisches Land mit einer schwachen Währung die zum Aufbau einer neuen Produktionsstruktur nötigen ausländischen Investitionsgüter nicht mehr leisten. Die Regierung würde ihr Heil in der Inflation suchen, es würde ein Währungschaos am Rande Europas entstehen. Wie das dazu führen soll, dass Länder wie Griechenland wettbewerbsfähiger werden, verstehe ich beim besten Willen nicht.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Alternative für Deutschland Lucke erwägt Rückzug aus der Parteispitze

Bernd Lucke, der Bundesvorsitzende der Alternative für Deutschland, erwägt, sich aus der Parteispitze zurückzuziehen, wenn die Struktur der Partei nicht umgebaut wird. Aus der AfD gibt es nicht nur Zustimmung. Mehr Von Justus Bender

23.11.2014, 17:57 Uhr | Politik
Bilanzausweitung der EZB Was bringt Draghis Geldschwemme?

Der Zentralbank-Chef möchte die EZB-Bilanz um eine Billion ausweiten. Aber: was bedeutet das eigentlich? Welche Effekte sind zu erwarten? Und wie wirkt sich das auf die Inflation aus? Wir haben für Sie die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengestellt. Mehr Von Philip Plickert

11.11.2014, 15:48 Uhr | Wirtschaft
AfD-Chef in Hessen gestürzt Nur noch Lügen und Hetze

Die Alternative für Deutschland (AfD) kommt in Hessen nicht zur Ruhe: Auf einem turbulenten Parteitag ist der Landeschef abgesetzt und eine neue Führungsspitze gewählt worden. Auch der eigens angereiste Bundesvorsitzende Lucke kritisiert die Intrigen in seiner Partei. Mehr Von Justus Bender, Stadtallendorf

15.11.2014, 21:42 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.05.2013, 14:37 Uhr

Muskelspiel

Von Kerstin Schwenn

Mitten im Advent droht wieder Streik. Den Bahnkunden ist es egal, ob Lokführer oder Fahrdienstleister ihre Zugfahrt verhindern. Ihre Geduld schwindet in dem Maße, wie der Schaden wächst. Mehr 1 9


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Deutsche fühlen sich für Unternehmerdasein nicht gerüstet

Nur 34 Prozent der Deutschen glauben, ihre Ausbildung habe ihnen die Fähigkeit vermittelt, ein eigenes Unternehmen zu führen. Mehr 4