Home
http://www.faz.net/-gqe-16uon
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rating-Agenturen Die Not der Notengeber

15.06.2010 ·  Rating-Agenturen sollen das Risiko von Wertpapieren einschätzen. Erst gestern hat Moody's die Bewertung von Griechenland auf Ramschniveau gesenkt. Im Extremfall können die Rating-Agenturen Volkswirtschaften ruinieren. Wie lässt sich ihre unselige Macht begrenzen?

Von Patrick Bernau und Winand von Petersdorff
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (14)

Die Speerspitze des juristischen Angriffs auf die Rating-Agenturen bildet ein Rentner aus dem ostfriesischen Varel. Er hat mit Lehman-Zertifikaten 30 000 Euro verloren und klagt nun gegen die Rating-Agentur Standard & Poor's. Die hatte das Zertifikat beziehungsweise den Emittenten Lehman mit A+ benotet, als der Ostfriese das Papier von der Citibank kaufte. Die Note stand im Verkaufsprospekt.

Das Verfahren wird kompliziert. Das liegt an der seltsamen Rolle der Rating-Agenturen. Sie wirken wie unparteiische Notengeber, werden aber zumeist von den Emittenten der Wertpapiere bezahlt. Das weckt Zweifel an ihrer Neutralität.

Und der Rentner ist nicht der Einzige, der sich über die Rating-Agenturen ärgert. In der Finanzkrise und der Staatsschuldenkrise der vergangenen Jahre haben die Agenturen schlecht ausgesehen. Entweder warnten sie Anleger nicht vor drohenden Gefahren, so lautet der Vorwurf - oder sie stürzten angeschlagene Länder noch tiefer in die Krise. Selbst Leute, die es mit den Rating-Agenturen gut meinen, sehen da Fehler.

Schon bei Enron versagt

Andere werfen ihnen komplettes Versagen vor. Jetzt will die Europäische Union die Agenturen schärfer regulieren. Die Wertpapier-TÜVs haben schon die Luftnummer Enron nicht erkannt, lautet eine Kritik. Doch der richtige Reputationsschaden begann vor der Finanzkrise, als Banken arbeitslosen Amerikanern Kredite gaben, sie zu neuen Wertpapieren verpackten und verkauften: Oft berieten Rating-Agenturen die Banken bei der Konstruktion der Wertpapiere und gaben anschließend den Stempel „AAA“, also: völlig sicher.

Ähnlich ging es Anlegern mit Griechenland. Das galt laut Rating-Agenturen vor einigen Jahren noch als so sicher wie Deutschland - obwohl ein Sprecher von Standard & Poor's betont, seine Firma habe Griechenland damals bereits skeptischer gesehen als die Anleihenmärkte. Jetzt hat Griechenland auch bei Standard & Poor's nur noch Ramschstatus. Zweifellos waren die Rating-Agenturen lange Supermächte auf den Kapitalmärkten. Zwar blickt nicht jeder Investor nur auf das, was die Agenturen sagen. Große Investoren wie die Deutsche Bank, DWS oder die Anleihenfonds-Gesellschaft Pimco haben eigene Rating-Abteilungen im Haus, die sogenannten Kreditanalyseabteilungen. Doch wenn ein Pensionsfonds oder eine Stiftung will, dass ihr Geld sicher angelegt wird - dann nennen solche Investoren in Verträgen oft die Noten der Rating-Agenturen, um eine Risikogrenze zu ziehen.

Selbsterfüllende Prophezeiungen

Die Folge: Wenn die Rating-Agentur ein Land oder eine Firma schlechter benotet, haben die schlagartig weniger Chancen, an neue Kredite zu kommen - wenn sie welche bekommen, dann wird es für sie teurer. Denn Fondsmanager in der ganzen Welt sind angehalten, von abgewerteten Wertpapieren Abschied zu nehmen.

„Die Märkte verwenden unsere Noten nur als eine von vielen Informationsquellen“, beschwichtigt ein Sprecher von Standard & Poor's - doch die Erfahrung mit Griechenland und Spanien zeigt: Schlechte Rating-Noten werden oft zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. Sinkt die Note einer Anleihe, dann sinkt auch ihr Wert.

Die Macht der Agenturen ist immens. Das liegt auch daran, dass es weltweit nur drei große Notengeber gibt: Außer Standard & Poor's sind das Moody's und Fitch. Umso mehr Einfluss hat jede einzelne mit ihrer Meinung.

Für Effizienz am Kapitalmarkt sorgen

Das wahre Problem der Rating-Agenturen ist also ihr Erfolg. Sie werden einfach wahnsinnig ernst genommen. Das dürfte weniger daran liegen, dass ihre Bewertungen von so hoher Qualität sind. Schwerer wiegt: Sie verleihen den globalen Kapitalmärkten genau die Effizienz, nach der die lechzen. Der Pensionsfonds der Staatsbediensteten aus Oregon traut sich eben erst, Heidelberg-Cement-Anleihen zu kaufen, wenn er das Rating kennt.

Für die Rating-Agenturen bedeutet diese Rolle ein große Verantwortung und zugleich ein großes Dilemma. Ihre Noten sollten der wirtschaftlichen Realität entsprechen und gleichzeitig vorsichtig sein, besonders was die Bekanntgabe von Abwertungen angeht.

Kommen sie zu forsch mit Herabstufungen, lasten sie damit Firmen oder ganzen Volkswirtschaften teurere Refinanzierungskosten auf, die diese an den Rand des Ruins bringen können. Kommen sie aber zu spät oder zu zurückhaltend mit ihren schlechten Noten, fühlen sich Anleger betrogen und verklagen die Agenturen wie der Rentner aus Varel. „In gewisser Weise sind die Jungs ganz arme Hunde“, sagt der Manager einer der größten Fondsgesellschaften in Deutschland. Andererseits komme man ohne ihre Dienste nicht aus.

Die Frage lautet deshalb: Soll man sie entmachten, und kann man es überhaupt? In Wahrheit dürfte ihre Entmachtung schon begonnen haben, weil Märkte lernende Systeme sind. Ein Teil des Vertrauenskapitals, das Fitch und Co. vor der Finanzkrise besaßen, ist verbraucht. Dass Investoren jetzt noch komplizierte Finanzprodukte kaufen, nur weil die ein gutes Rating haben, dürfte die Ausnahme sein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2465 −0,19%
Rohöl Brent Crude 106,30 $ −0,51%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.