20.10.2009 · Die Wall Street wird gerade vom mutmaßlichen Insiderhandel des Milliardärs Raj Rajaratnam schwer erschüttert. Um ihm auf die Schliche zu kommen, hat die Börsenaufsicht erstmals auch Telefone abgehört. Derartige Methoden waren bisher nur bei Ermittlungen gegen die Mafia oder Drogenkartelle üblich.
Von Norbert KulsRaj Rajaratnam ist einer, der es geschafft hatte in New York. Geboren im armen Sri Lanka, residierte der 52 Jahre alte Hedge-Fonds-Manager im feinen Sutton Place an der Ostseite Manhattans. Er gilt als großzügiger Spender und saß wie auch andere Finanziers in den Verwaltungsräten von wohltätigen Organisationen. Auf der jährlich vom Wirtschaftsmagazin Forbes veröffentlichen Liste der Milliardäre in der Welt war er auch zu finden. Sein von Forbes auf 1,3 Milliarden Dollar geschätztes Vermögen brachte ihn zwar nur auf Rang 559. Aber das reicht, damit Geld nicht mehr als Antriebsfeder für seine Arbeit herhalten musste. „Es ist Stolz und ich will gewinnen“, sagte Rajaratnam vor acht Jahren in einem Buch über „die neuen Investment-Superstars“. „Nach einer Weile ist Geld nicht mehr die Motivation. Ich will jedesmal gewinnen. Das Eingehen kalkulierter Risiken gibt mir einen Adrenalinstoß.“
Nun sieht es so aus, als habe Rajaratnam sich bei seinen Risiken gründlich verkalkuliert. Den jüngsten Adrenalinstoß dürfte er erhalten haben, als am vergangenen Freitag im Morgengrauen Agenten der amerikanischen Bundespolizei FBI an seiner Wohnungstür klingelten und ihn verhafteten. Staatsanwaltschaft und Börsenaufsicht SEC werfen ihm in dreizehn Anklagepunkten Wertpapierbetrug und Verschwörung vor.
Er soll zusammen mit mehreren Komplizen jahrelang nicht öffentliche Informationen genutzt haben, um illegale Wertpapiergeschäfte zu machen. Im Jargon der Finanzbranche heißt das Insiderhandel. Der Anwalt von Rajaratnam, der gegen eine Kaution von 100 Millionen Dollar auf freiem Fuß ist, bezeichnete seinen Klienten als unschuldig. „Wir werden uns gegen die Vorwürfe wehren“, sagte er. Das dürfte schwieriger werden als in früheren Fällen, weil die Ermittlungsbehörden erstmals in einem solchen Fall Telefone abgehört haben.
Insgesamt soll Rajaratnam in einem Zeitraum von drei Jahren 20 Millionen Dollar mit illegalen Wetten auf bekannte Aktiengesellschaften wie das Internetunternehmen Google, den Computerkonzern Sun Microsystems oder den Halbleiterhersteller AMD verdient haben. Für seinen Hedge-Fonds Galleon, der in seinen Spitzenzeiten 7 Milliarden Dollar und zuletzt 3,7 Milliarden Dollar verwaltete, wirkt das nicht wie eine Riesensumme. Zumindest nicht wie eine Summe, die das Risiko einer Haftstrafe rechtfertigen würde. Aber Rajaratnam war offenbar nicht vom Geld, sondern dem Hunger nach dem Sieg getrieben. Amerikanischen Presseberichten zufolge wurden die Händler bei Galleon stark unter Druck gesetzt, um marktbewegende Informationen herauszufinden. Die, denen das nicht gelang, wurden abgekanzelt oder rausgeworfen. „Du brauchtest einen kleinen Vorsprung oder du warst weg vom Fenster“, sagt ein ehemaliger Händler von Galleon. Frühere Mitarbeiter des Hedge-Fonds sind jetzt Informanten der ermittelnden Behörden.
Die Spezialität von Rajaratnam waren Technologiewerte. Rajaratnam ist ein an der britischen University of Sussex ausgebildeter Ingenieur. Danach ging er in die Vereinigten Staaten und studierte Betriebswirtschaft an der renommierten Wharton School der Universität von Pennsylvania. Karriere machte er dann bei der kleinen Investmentbank Needham & Company, wo er als Analyst begann und sich zur Nummer zwei hocharbeitete. Schon 1992 hatte er dort einen Hedge-Fonds für Klienten von Needham gegründet, zu denen viele Manager von Technologieunternehmen gehörten. 1997 machte sich Rajaratnam schließlich selbständig. Nach Angaben eines Fachmagazins verdiente er zu den besten Zeiten des Fonds 300 Millionen Dollar im Jahr. Galleon war in der Branche schon immer für seine ausführlichen Berichte bekannt, die deren Analysten auf Basis von öffentlichen Mitteilungen an die Börsenaufsicht und legalen Recherchen bei Kunden von Unternehmen erstellten.
Nach den jüngsten Vorwürfen stehen die von Galleon gesammelten Informationen aber in einem denkbar schlechteren Licht da. So soll Rajaratnam vorab Informationen über anstehende Quartalszahlen beim Technologiekonzern IBM erhalten haben. Auch Informationen über einen geplanten Fabrikverkauf von AMD erhielt der Fondsmanager wohl vor dem Rest der Marktteilnehmer. Die Quellen dieser Informationen waren laut Klageschrift hochrangige Manager bei IBM und dem Halbleiterkonzern Intel, Analysten der Ratingagentur Moody‘s und Unternehmensberater von McKinsey. Einige dieser Informanten sind ebenfalls verklagt worden. Anderen droht wahrscheinlich noch ein ähnliches Schicksal. Denn die Ermittlungen halten an.
| Name | Kurs | Prozent |
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