24.11.2005 · Diese Hetze in Richtung Theke, kaum daß der Wirt zu „last orders at the bar“ ermuntert hat - vorbei. Die Sperrstunde in England und Wales fällt. Die Regierung hofft auf weniger Ausgaben. Alkoholexzesse der Briten kosten die Steuerzahler 20 Milliarden Pfund jährlich.
Von Claudia Bröll, LondonDie Briten brechen mit einer fast hundert Jahre alten Tradition. An diesem Donnerstag fällt die Sperrstunde für Pubs in England und Wales. Bierlokale mit einer Lizenz dürfen künftig auch nach 23 Uhr Alkohol ausschenken, wenn gewünscht, sogar rund um die Uhr.
Die Sperrstunde ist eine Besonderheit der britischen Pub-Kultur gewesen. Jeder Tourist kennt das Klingeln zur „letzten Runde“ kurz vor 23 Uhr, in der die Gäste die letzten Bestellungen aufgeben und schnell ihre „Pints“ Bier hinunterkippen.
Kampftrinken belastet öffentliche Etats
Die Gastwirtschaften und Brauereien erhoffen sich von der Deregulierung ein besseres Geschäft. Die Regierung setzt paradoxerweise auf das Gegenteil. Sie will die vielen Alkoholexzesse der Briten eindämmen. Wenn Lokalbesucher mehr Zeit zum Trinken haben, komme es zu weniger Krawallen, so das Kalkül.
Auf der Insel ist das sogenannte „Binge-Drinking“ zu einer Art Volkssport geworden. Männer wie Frauen ziehen am Wochenende mit dem einzigen Ziel los, zu trinken bis zum Umfallen. In einer Umfrage gaben jüngst jeder zweite Mann und jede dritte Frau zu, sich regelmäßig zu betrinken. Das ist längst nicht mehr nur ein individuelles Problem. Mittlerweile belastet das Kampftrinken auch in hohem Maße die öffentlichen Etats.
Nach Schätzungen der Regierung kosten die Eskapaden den Steuerzahler 20 Milliarden Pfund (30 Milliarden Euro) im Jahr. Sie belasten allein den Haushalt des staatlichen Gesundheitswesens NHS mit 1,7 Milliarden Pfund.
Katertage kosten 10 Milliarden Pfund jährlich
In London beispielsweise sind an manchen Wochenenden zwei Drittel aller Krankenwagen unterwegs, um volltrunkene Männer und Frauen aufzusammeln. Aber auch alkoholbedingte Krankheiten nehmen zu. Vor kurzem sorgten Meldungen über immer mehr Fälle von Mundkrebs für Aufregung. Hauptgrund dafür sei der Alkohol, hieß es.
Hinzu kommen die Ausgaben für Polizeieinsätze bei den regelmäßig mit der Sperrstunde beginnenden Schlägereien. Insgesamt kosten die Verbrechen und Übergriffe von Betrunkenen die Öffentlichkeit 7,3 Milliarden Pfund im Jahr. Schließlich wirkt sich der „Volkssport“ auch auf die gesamtwirtschaftliche Leistung aus: Schätzungsweise 14 Millionen Arbeitstage fallen jährlich weg, weil sich die Beschäftigten von ihrem Rausch erholen müssen. Das bedeutet einen Produktionsverlust von 10 Milliarden Pfund.
Trinken, um betrunken zu sein
Dabei trinken die Briten im internationalen Vergleich gar nicht soviel. Mit etwa 9,5 Litern puren Alkohols pro Person und Jahr liegen sie hinter den Deutschen und den Franzosen. „In Großbritannien werden die Alkoholmengen aber schneller konsumiert als in anderen Ländern“, erklärt Andrew McNeil vom Institut für Alkoholstudien. Anders sieht die Statistik für britische Jugendliche und Frauen aus: Sie trinken deutlich mehr als in vielen anderen Ländern.
Ob mit dem neuen Gesetz die Exzesse wirklich abnehmen, ist fraglich. „Wir werden uns nicht plötzlich wie Italiener benehmen, die um 23 Uhr erst losziehen und nur ein paar Drinks zu sich nehmen“, sagt Dick Hobbs, Soziologieprofessor an der London School of Economis.
Vor wenigen Tagen hat sich sogar der Schwiegervater von Tony Blair in die hitzige Debatte eingeschaltet. „Der Effekt der längeren Öffnungszeiten ist offensichtlich: Wir werden uns immer häufiger vollaufen lassen. Manche Leute werden nie mehr nüchtern werden“, sagte Tony Booth, der zugab, 20 Jahre lang selbst ein „harter“ Zecher gewesen zu sein. „In diesem Land trinken wir nicht wie in den Mittelmeerländern. Wir trinken auf die primitivere angelsächsische Weise. Wir trinken, um betrunken zu werden.“
Gaststätten schätzen größere Flexibilität
Die Gaststätten freilich befürworten die Freigabe der Öffnungszeiten, auch wenn sie sich in der Öffentlichkeit gegen das „Binge-Drinking“ aussprechen. Insbesondere die großen börsennotierten Pub-Ketten, zu denen Tausende von Einzellokalen gehören, rechnen mit höherem Umsatz. Die Investmentbank Goldman Sachs hält nach einem Bericht der „Sunday Times“ sogar einen Umsatzsprung von 10 Prozent für möglich.
Dies entspräche Bier, Wein und Spirituosen im Wert von 500 Millionen Pfund. Die Gastwirte kleinerer Lokale geben sich zurückhaltender. „Um uns herum gibt es so viele Lokale, die bis 3 Uhr oder länger geöffnet haben, da bleibt nur wenig Zusatzgeschäft übrig“, sagt Scott Masterson vom „The George Inn“, einem der ältesten Pubs in London, dieser Zeitung.
Der Branchenverband „British Beer and Pub Association“ betont, daß die Gaststätten vor allem die größere Flexibilität der neuen Regelung schätzen. „Wenn ein Sportereignis am anderen Ende der Welt stattfindet, beispielsweise eine Cricket-Weltmeisterschaft in Neuseeland, können sie ohne weitere Schwierigkeiten länger öffnen“, sagt ein Verbandssprecher. Auf das Geschäft wirke sich das aber kaum aus.
Pubs in Wohngebieten müssen früher schließen
Bisher haben 70 Prozent der 81.000 Bierlokale in England und Wales eine Lizenz beantragt. Die meisten wollen allerdings nur von Donnerstag bis Sonntag jeweils eine Stunde länger ausschenken. Kaum ein Pub peilt einen 24 Stunden langen Betrieb an. Wie viele Gastwirtschaften tatsächlich von der Freigabe Gebrauch machen können, ist noch unklar.
Einige Städte haben kategorisch alle Gesuche abgelehnt. Vielen Pubs in Wohngegenden wurde die Lizenz verweigert, weil die Anwohner um ihre Nachtruhe fürchteten. Dies mußte ausgerechnet der Lieblingspub von Tony Blair, „The Red Lion“, ganz in der Nähe seines Wohn- und Amtssitzes in Downing Street Nummer 10 erfahren.
Auch wenn Kultusministerin Tessa Jowell in dem Lokal das Ende der antiquierten Sperrstunde gefeiert hatte, muß der „Red Lion“ weiterhin um 23 Uhr schließen. Konservative Politiker stichelten, daß der Premierminister sich zwar für längere Öffnungszeiten im ganzen Land einsetze, aber im eigenen Haus lieber seine Ruhe habe. „Downing Street ist in keiner Weise involviert gewesen“, lautete dazu der Kommentar eines Regierungssprechers.