01.08.2011 · Die Bundesregierung will die medizinische Versorgung auf dem Land verbessern. Doch für psychisch Kranke könnte sich die Lage verschlechtern.
ami. Berlin, 1. August. Die Bundesregierung will die ambulante medizinische Versorgung verbessern. Das Kabinett plant, am Mittwoch ein entsprechendes Gesetz zu verabschieden. Es soll vor allem die Versorgung auf dem Land sicherstellen. In der Ärzteschaft wird die Neuregelung, mit der das Honorarvolumen leicht steigt, im Grundsatz begrüßt. Allerdings befürchten die Psychotherapeuten, dass der Zweck des Gesetzes ins Gegenteil umschlagen könnte. "Die Versorgung psychisch Kranker, die heute schon miserabel ist, wird noch schlechter werden", warnt der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Rainer Richter. Künftig könnte es weniger Therapeuten geben, obwohl mehr benötigt würden.
Denn um die Versorgung psychisch Kranker ist es in Deutschland nicht gut bestellt, wie auch die Krankenkassen sagen. Sie berichten von langen Wartezeiten, steigenden Behandlungskosten und rapide zunehmenden Fehlzeiten am Arbeitsplatz. Laut überlegte gerade der Vizechef der größten Ersatzkasse, Barmer-GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, ob psychische Störungen wie Depression oder Burn-Out nicht eine Volkskrankheit seien, so wie Diabetes, Asthma und Bluthochdruck. Laut Richter erkranken 5 Millionen Bürger - also jeder 16. - im Jahr an einer psychischen Krankheit.
Vor dem Hintergrund bekommen die Warnungen der Psychotherapeuten Gewicht. In Deutschland praktizieren heute 16 000 Psychotherapeuten. Statistisch sind damit 393 der 397 Planungsbezirke überbesetzt, sie sind für Neuzulassungen gesperrt. Nach der Statistik, die die Krankenkassen kürzlich verbreiteten, gibt es auch mehr als 10 000 Fachärzte zu viel. Um das kostentreibende Überangebot zu reduzieren, sollen Kassenärztliche Vereinigungen Praxen leichter aufkaufen können, wenn Ärzte in den Ruhestand gehen. Weil Praxen von Psychotherapeuten vergleichsweise preiswert sind - sie kommen ohne viel Technik aus -, fürchten die Psychotherapeuten nun, dass viele Sitze vom Markt genommen werden könnten. Damit fielen Behandlungs- und Arbeitsplätze weg, während das Honorar unter den verbliebenen Ärzten aufgeteilt würde.
"Wenn der Gesetzgeber das zulässt, wird sich die Lage der psychisch Kranken noch mehr verschlimmern, es wird noch längere Wartezeiten geben, die Zahl der Krankenhausbehandlungen wird weiter steigen, es wird mehr Rückfälle geben, weil die Behandlung zu spät beginnt, und auch die Zahl der Frührentner wird weiter steigen", sagt Richter. Er wisse, "dass einige Kassenärztliche Vereinigungen die Gelegenheit nutzen werden, Sitze von Psychotherapeuten aufzukaufen".
Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) teilt die Sorge nicht. Die aus dem vergangenen Jahrhundert stammende Bedarfsplanung solle mit dem Versorgungsstrukturgesetz zielgenauer und flexibler werden. Die Kapazitäten einzelner Arztgruppen kurzfristig abzubauen, wäre nicht zielführend, sagte ein Sprecher. Man gehe davon aus, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen vom Vorkaufsrecht nur "unter Beachtung des tatsächlichen Versorgungsbedarfs Gebrauch machen werden".
Während die Statistik auf Basis der im Jahr 1998 festgezurrten Struktur eine Überversorgung mit psychotherapeutischer Behandlung ausweist, spricht in der realen Welt vieles für eine Unterversorgung. Das gilt selbst dann, wenn die von den Psychotherapeuten erhobenen Daten überzogen wären. Demnach wartet der Patient im Durchschnitt drei Monate auf das Erstgespräch und noch mal drei Monate auf den Behandlungsbeginn. Nach Aussage der Barmer-GEK hat sich die Zahl der Krankenhausfälle wegen psychischer Leiden seit 1990 mehr als verdoppelt. Die Techniker Krankenkasse (TK) berichtet, psychische Erkrankungen hätten in der Arbeitsunfähigkeitsstatistik Rückenleiden und Asthma den Rang abgelaufen. Kassenchef Norbert Klusen sagt: "Wir beobachten die Zunahme psychischer Erkrankungen mit Sorge." Binnen zehn Jahren seien die dadurch ausgelösten beruflichen Ausfallzeiten um 57 Prozent gestiegen. Im Schnitt blieben Beschäftigte wegen Depression, Angst- oder Belastungsstörungen 41 Tage zu Hause. Bei Frauen werden öfter psychische Störungen diagnostiziert als bei Männern. Doch erwischt es diese, bleiben sie länger krank.
In einer in diesem Frühjahr vom Versicherungskonzern Allianz vorgelegten Studie heißt es, Depressionen seien heute nicht nur die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Sie verursachten mit den Krankheitskosten von 5,2 Milliarden Euro (2008) volkswirtschaftliche Gesamtkosten von bis zu 22 Milliarden Euro. Andere Rechnungen kommen auf Gesamtkosten von 28 Milliarden Euro.
Die genauen Gründe für den Anstieg psychischer Erkrankungen sind nicht bekannt. "Psychische Erkrankungen werden heute früher erkannt und dann öfter psychotherapeutisch behandelt", sagt Richter. Jüngere Leute gingen eher zum Psychiater als alte. Auch deshalb sei mit einem wachsenden Bedarf zu rechnen. Die Techniker Krankenkasse hat herausgefunden, dass unter den bei ihr versicherten Frauen zwischen 20 und 34 Jahren bei fast 30 Prozent (Männer 13 Prozent) eine psychische Störung diagnostiziert worden sei. Kassenchef Klusen bezweifelt, dass dahinter immer ein Krankheitsbild steht. Er empfiehlt, darüber nachzudenken, "wo die Grenze zwischen gesund und krank gezogen wird und ob es hier auch ein Etikettierungsproblem gibt".
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2369 | 0,00% |
| Rohöl Brent Crude | 103,03 $ | −0,21% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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