10.01.2009 · Eine Finanzkrise ist eine ziemlich abstrakte Angelegenheit. Kein Wunder, dass die Menschen so leben, als wäre nichts passiert, und sich um die weltgeschichtliche Zäsur mit all ihrem apokalyptischen Brimborium bislang noch wenig scheren.
Von Rainer HankDie Wahrheit ist konkret. Aber eine Finanzkrise ist eine ziemlich abstrakte Angelegenheit. Kein Wunder, dass die Menschen so leben, als wäre nichts passiert, und sich um die weltgeschichtliche Zäsur mit all ihrem apokalyptischen Brimborium bislang noch wenig scheren. Der Einzelhandel ist mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden, jedenfalls nicht unzufriedener als in früheren Jahren, geböllert wurde an Silvester, als gälte es, ein Jubeljahr zu begrüßen, und beim Media-Markt bleibt die Docking-Station für den iPod notorisch knapp.
Warum sparen wir nicht für schlechtere Zeiten? Ist das alles Verdrängung der Grausamkeiten ("Schweiß und Tränen", sagt BASF-Chef Jürgen Hambrecht), die im laufenden Jahr auf uns zukommen werden? So könnte argumentieren, wer auf die Zeitverschiebung innerhalb eines klassischen Wirtschaftszyklus blickt. Erst steigen die Aktienkurse, dann kommen die Investitionen der Unternehmen dran, schließlich entspannt sich der Arbeitsmarkt, und der private Konsum zieht nach.
Erst wenn das Risiko personalisiert wird, erkennen wir die Gefahr
Bis zum Jahr 2007 haben wir gejammert, der Aufschwung sei bei den Menschen nicht angekommen (sondern nur bei den Reichen). Erst dann warfen die Gewerkschaften ihre Verteilmaschine an, so dass im Jahr 2008 die Tarifabschlüsse deutlich besser ausfallen konnten als zuvor. Zugleich wirkten endlich die Reformen der rot-grünen Regierung: Mehr Menschen als je zuvor haben eine stabile Beschäftigung gefunden. Der Einbruch am Arbeitsmarkt im Dezember vermochte diese Erfahrung noch nicht zu erschüttern. Es geht uns ganz passabel.
Psychologen wissen, dass wir Warnungen über Gefahren, die irgendwann drohen könnten, wenig ernst nehmen. Wir übersehen den Klimawandel nicht anders als das Risiko, ohne Helm über die Skipiste zu rasen. Erst wenn das Risiko personalisiert wird - drastisch gesprochen: ein schlimmer Unfall passiert -, erkennen wir die Gefahr. Ohnehin ist fraglich, ob die Zeitgenossen die besten Zeugen zur Wahrnehmung einer historischen Zäsur sind. Darauf weist der Sozialpsychologe Harald Welzer derzeit gerne hin: Die Routinen des Alltags füllen uns ganz und gar aus. Busse fahren, Flugzeuge fliegen, Autos stehen im Feierabendstau, und den mittelalten Gouda in unserem Käsegeschäft gibt es wie eh und je. Wo wäre da Platz für die Krise?
„In der großen Aktualität sieht man eben nichts mehr“
"Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. - Nachmittag Schwimmschule" heißt der hübsche Tagebucheintrag Franz Kafkas, den Harald Welzer zitiert. Ausnahme und trivialer Alltag gehen Hand in Hand. "In der großen Aktualität sieht man eben nichts mehr", wusste der Dramatiker Heiner Müller. Zumal das Undenkbare, ist es einmal passiert, merkwürdigerweise rasch zum ganz und gar Normalen wird. Oder irritiert es jemanden noch sonderlich, dass Staaten ihre Banken verstaatlichen und Hunderte Milliarden Euro (die sie nicht haben) als Finanzkatastrophenhilfe ausgeben?
Wäre das die Erklärung, wofür einiges spricht, würden wir gerade die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen erleben: Während alle die Früchte des längst vergangenen Aufschwungs verzehren, künden die Kurstafeln an der Börse und die Auftragsbücher der Unternehmen schon seit Wochen von der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. In ihrer unmittelbaren Auswirkung beflügelt dies freilich abermals den privaten Konsum. Krisenbedingt geht die Nachfrage nach Energie und Lebensmitteln zurück; die Preise an den Kassen der Supermärkte und der Tankstellen sinken. Wenn der Kraftstoffpreis innerhalb eines halben Jahres um ein Drittel schrumpft, wirkt das positiv auf die Konsumlaune der Leute. Gegenüber solchen realen Erfahrungen des Alltags hört sich die Nachricht von der dramatisch geschrumpften Kernkapitalquote der Dresdner Bank einigermaßen fiktiv an.
Sorglosigkeit könnte sich sogar als positiv erweisen
Gewiss, viele Unternehmen haben ihre Beschäftigten dieser Tage in den Zwangsurlaub geschickt und werden sie kurzarbeiten lassen, wenn sie nächste Woche wieder zurückkommen. Das irritiert das Gefühl der Jobsicherheit. Doch eine Einkommensunsicherheit kommt dabei noch lange nicht heraus. Denn die Praxis des Kurzarbeitergeldes nährt die Illusion stabiler Einkommen, weil das Lohnersatzgeld der Bundesagentur für Arbeit durch Tarifvereinbarungen in vielen Fällen auf bis zu 90 Prozent des letzten Nettoeinkommens aufgestockt wird. Allenfalls aus den Wehklagen der Autohersteller könnte man auf krisenbedingte Kaufzurückhaltung schließen, zumal das Auto eine größere Anschaffung ist als der Ersatz eines kaputten Toasters. Ob die Misere der Autoindustrie nicht eher durch dramatische Überproduktion, hart an der Nachfrage vorbei, ausgelöst wurde, ist noch nicht ausgemacht. Warum soll es so schrecklich sein, wenn die Deutschen auch in diesem Jahr wieder drei Millionen neue Autos kaufen?
So unzeitgemäß unser Verhalten sein mag: Irrational ist es nicht. Seine ökonomischen Effekte könnten sich sogar als positiv erweisen. Denn nichts wäre schlimmer als der Einbruch der Binnennachfrage, wo der Export in dieser Krise als Stütze ausbleibt. Wollen wir hoffen, dass wir uns noch lange nicht ängstigen müssen.
"Hochfinanz - oder: Der Punkt, an dem das Interesse erlischt"
Peter Kronenberger (Peter-Kronenberger)
- 10.01.2009, 14:57 Uhr
Eine gesellschaftliche Krise ist hoechst konkret
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 10.01.2009, 17:37 Uhr
Schröders Abwahl brachte den Aufschwung!
Rudolf Neuber (r.neuber)
- 10.01.2009, 18:53 Uhr
Einkommensunsicherheit - bestimmt
Gregor Schleussner (corneliusgregor)
- 10.01.2009, 19:13 Uhr
Die Krise ist spürbar......
wolf haupricht (emilgilels)
- 10.01.2009, 21:35 Uhr
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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