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PSA Peugeot Citroën : Frankreichs Phönix aus der Asche

Wie die Ehe Peugeot/Opel zu einer glücklichen Beziehung werden soll, ist noch offen. Bild: Reuters

„Zu europäisch, ohne Partner, langweilige Modelle“: Vor vier Jahren war das französische Unternehmen noch so gut wie bankrott. Jetzt will PSA in Europa expandieren – und hat sich nicht nur Opel vorgenommen.

          Die Aktie von PSA Peugeot-Citroën hat am Dienstag bis zum Nachmittag gut zwei Prozent verloren. Die Gewinne des Vortages waren damit fast zur Hälfte wettgemacht. Einige Anleger stellten kritische Fragen nach der Machbarkeit der Opel-Übernahme. Dass die deutsche Seite erst spät über das Vorhaben informiert wurde, hat Zweifel an der Akzeptanz durch die Politik und die Gewerkschaften geweckt. „Bei dieser Fusion geht es vor allem um die Hebung von Synergieeffekten. Daher könnte sie erheblichen Gegenwind erhalten“, meinte David Lesne, Autoanalyst bei der Schweizer Bank UBS.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          PSA betonte am Mittwoch seine Gesprächsbereitschaft und seine lange Erfahrung im Dialog mit den Gewerkschaften. Termine bei Bundeskanzlerin Merkel und bei der IG Metall sind angefragt worden. Ein PSA-Sprecher stellte klar, dass es bei den laufenden Verhandlungen nicht um eine Allianz, sondern um eine hundertprozentige Übernahme von Opel durch PSA gehe. „Die beiden Unternehmen kennen sich gut und ergänzen sich auch in sehr günstiger Weise“, sagte er. Die geographische Ausrichtung sei komplementär. Während Opel in Deutschland und Nordeuropa sowie Vauxhall in Großbritannien stark seien, spiele PSA in Frankreich, in Spanien und in Italien seine Vorteile aus. Die europäische Präsenz werde ergänzt durch die Expansion des französischen Herstellers in mittelöstlichen Ländern wie Iran zudem in China und Indien sowie in einer Reihe afrikanischer Märkte.

          „Kosten spürbar gesenkt“

          Auch bei den Modellen würde der eine zum anderen passen, sagte der PSA-Sprecher, ohne zu präzisieren, wie eine künftige Kombination aussehen könnte. PSA hat in den vergangenen Jahren versucht, seine Marken aufzufächern. Der Citroën-Ableger DS ist als eine Premium-Marke gedacht, die vor allem durch Design bestechen soll. Peugeot gilt als Volumen-Marke im anspruchsvolleren Segment. Und Citroën soll Kunden mit Markenbewusstsein und dem Wunsch nach pfiffigen Lösungen ansprechen. Überschneidungen mit Opel seien nicht zwingend ein Nachteil. Man denke nur an die Nähe mancher Marken im VW-Konzern, heißt es.

          Etliche Analysten betonen denn auch die Chancen auf Synergieeffekte. Auf gemeinsamen Plattformen könnte eine Vielzahl von Modellen entstehen. „Beide Unternehmen sind in ähnlichen Segmenten tätig – von Kleinwagen über Mittelklasse-Modellen bis SUVs. Daher würde eine volle Übernahme großes Potential für Einsparungen bergen, nicht nur durch gemeinsame Plattformen, sondern auch durch Kostensenkungen in der Verwaltung sowie bei Forschung und Entwicklung“, erläutert Analyst Lesne. Dabei spricht der Autoexperte dem PSA-Vorstandsvorsitzenden sein Vertrauen aus: „Carlos Tavares hat die Kosten spürbar gesenkt und den französischen Autohersteller somit effizienter gemacht.“

          Börsenwert fast verfünffacht

          In der Tat ist Peugeot-Citroën in seiner jüngeren Geschichte wie Phönix aus der Asche aufgestiegen. Vor vier Jahren war das Unternehmen noch so gut wie bankrott. Im Juli 2012 veröffentlichte der französische Hersteller einen Verlust von 819 Millionen Euro für das erste Halbjahr. Jeden Tag verbrannte das Unternehmen 7 Millionen Euro an Barmitteln. „Zu europäisch, ohne Partner, langweilige Modelle“, lautete das Urteil von Analysten und von Kunden. Dem Unternehmen blieb nichts anderes übrig, als die Notbremse zu ziehen. Es gab den Abbau von 8000 Stellen bekannt, darunter auch die bis dahin undenkbare Schließung des traditionsreichen Werkes von Aulnay-sous-Bois bei Paris, einer Vorstadt mit angespanntem Sozialklima.

          Der Kampf um die Schließung der Fabrik zog sich monatelang hin. Ein kleiner Kern von Gewerkschaftern leistete Widerstand unter Einsatz von Gewalt. Mit zusätzlichen Abfindungen wurden die Randalierer schließlich zum Einlenken bewegt. Der Sieg war mehr als symbolisch. Er gab den Startschuss für eine Verschlankung und für eine Beschleunigung des Konzerns, die in einer erfrischenden Modellerneuerung ihren Ausdruck fand. Die verhandlungsbereiten Gewerkschaften, welche die Mehrheit der Arbeitnehmer vertreten, willigten in neue Flexibilitätsmaßnahmen ein. So konnte Peugeot-Citroën im vergangenen Sommer eine operative Umsatzrendite des Autogeschäfts von 6,8 Prozent vermelden - ein Rekord für das Unternehmen und einer der höchsten Werte in der Branche. Der liquide Mittelzufluss erreichte gleichzeitig stolze 1,84 Milliarden Euro. Auch die Anleger honorierten das Comeback: Am Tag der jüngsten Halbjahresergebnisse sprang der Aktienkurs um 9 Prozent in die Höhe. Seit Oktober 2012 hat sich der Wert von PSA an der Pariser Börse auf fast 16 Milliarden Euro verfünffacht.

          Wird Faurecia verkauft?

          Wie bei jeder Sanierung gehörte auch Glück dazu: Die Erholung von PSA fiel mit dem Aufschwung auf dem europäischen Automarkt zusammen. In China fungiert zudem der chinesische Partner und PSA-Großaktionär als Türöffner.

          Wie geht es nun weiter? In Paris wird spekuliert, dass die Übernahme von Opel rund 3 Milliarden Euro kosten könnte. PSA verfügt heute über flüssige Mittel von 6 Milliarden Euro. Doch der Hersteller muss auch die Investitionen in neue Abgas- und Antriebstechnologie denken. Als eine Möglichkeit gilt der Verkauf des Automobilzulieferers Faurecia, an dem PSA knapp die Hälfte besitzt. Das Unternehmen wird derzeit an der Börse mit 5,8 Milliarden Euro bewertet. Andererseits ist Faurecia auch ein willkommener Gewinnlieferant. Die französische Regierung, die PSA zusammen mit Dongfeng durch ihren Aktienkauf gerettet hat, verfolgt die Übernahmegespräche unterdessen aufmerksam und wacht nach eigenen Angaben über den Erhalt französischer Arbeitsplätze. Dennoch wird der Rückzug des Staates nicht ausgeschlossen. Weil er auf einem Tiefpunkt der Börsenbewertung einstieg, könnte er seine Aktien gewinnbringend verkaufen.

          Quelle: F.A.Z.

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