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Globalisierung : Protektionisten haben gar nicht so Unrecht

Notenbank-Chefs unter sich: Haruhiko Kuroda, Janet Yellen, Mario Draghi (von links) Bild: dpa

Sind die Gegner des Handels einfach nur verblendete Leute, die man in einen Grundkurs Ökonomie schicken muss, um sie zu bekehren? Nein. So blöd sind die Leute nicht.

          Freihandel ist gut, denn er macht die Völker der Welt reicher. So lautet seit Adam Smith, dem großen Ökonomen und Moralphilosophen der schottischen Aufklärung, das Credo aller Liberalen. Wenn sich also in den vergangenen drei Dekaden der Handel global vervierfacht hat, dann müsste das – hätte die Theorie Recht – Anlass zu weltweit ausgelassener Freude sein.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das ist bekanntlich nicht der Fall. In vielen Ländern schwindet seit Jahren das Vertrauen in die Segnungen der Globalisierung. Mag sein, dass der generelle Nutzen des freien Handels nicht in Frage gestellt wird. Doch bezweifeln viele, dass es dabei auch gerecht zugeht. Sie befürchten, dass nicht alle Menschen zu den Profiteuren zählen und am Ende die Kollateralschäden größer sind als der Nutzen.

          Ein Beleg dafür: In den reichen Ländern steigen die Löhne seit geraumer Zeit, wenn überhaupt, nur noch schwach. Auch in Deutschland, wo das auf den Sanktnimmerleinstag verschobene transatlantische Freihandelsabkommen TTIP anhaltend viele Feinde hat. In den Vereinigten Staaten wurde mit Donald Trump im vergangenen Jahr sogar ein erklärter Freihandelsgegner und Protektionist zum Präsidenten gewählt.

          Fehlt es der Öffentlichkeit nur an Sachverstand?

          Sind die Gegner des Handels einfach nur verblendete Leute, die man in einen Grundkurs Ökonomie schicken muss, um sie zu bekehren? Schätzt die breite Öffentlichkeit die Auswirkungen des Handels einfach falsch ein?

          Nein. So blöd sind die Leute nicht. Das ist das Ergebnis einer spannenden Diskussion dieses Wochenendes in den Bergen von Jackson Hole im amerikanischen Bundesstaat Wyoming, wo sich seit 1978 Jahr für Jahr im August die internationale Elite der Notenbanker und Ökonomen zum Nachdenken versammelt. Nina Pavcnik, eine am renommierten Dartmouth College in New Hampshire lehrende Ökonomin, zeigte unter Verweis auf faszinierende Daten aus über 40 Ländern des globalen Umfrageinstituts PEW, dass der Graben zwischen Experten und der Öffentlichkeit nicht so groß ist, wie man vielleicht denken könnte: Die Wirkung des offenen Handels auf die Beschäftigung eines Landes variiert demnach stark von Land zu Land. Insgesamt sind die positiven Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in den Schwellenländern deutlich größer als in den reichen Ländern.

          Genau so wird es auch wahrgenommen: Während in den Vereinigten Staaten weniger als ein Viertel der Bevölkerung der Meinung ist, der globale Handel sorge für höhere Löhne und schaffe Arbeitsplätze, sind im kommunistischen Vietnam drei Viertel dieser Auffassung.

          Für das Exportland Deutschland sieht es gut aus

          Allerdings ist die Stimmung nicht in allen Schwellenländern gleich positiv, wie sie auch nicht gleich negativ ist in allen entwickelten Ländern ist. In China und Vietnam sind die Menschen deutlich positiver als in Kolumbien und Brasilien, weiß Nina Pavcnik zu berichten. Und in Deutschland ist die Skepsis gegenüber der Globalisierung weniger negativ ausgeprägt als in den Vereinigten Staaten.

          Woran das liegt, dafür hat der junge Züricher Wissenschaftler David Dorn, ein junger Star der Ökonomie, eine sehr plausible Erklärung. Mehr Handel bringt zwar mehr Importe in ein Land, die Konsumenten profitieren davon durch günstigere Preise und größere Vielfalt. Aber jene Beschäftigten, die diese Produkte zuvor im eigenen Land hergestellt haben, bestens bezahlt und eventuell geschützt durch hohe Importzölle, verlieren ihre Jobs. Das wäre halb so schlimm, würden sie in die vom globalen Handel beflügelte Exportindustrie wechseln. Doch das ist leichter gesagt als getan: Die Arbeiter sind womöglich zu alt oder wenig mobil. Hier formt sich – verständlicherweise – der Widerstand gegen die Globalisierung, der Trump an die Macht brachte.

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          Vieles hängt davon ab, wie sehr die Exportgewinne des Freihandels die Importverluste kompensieren. Im Exportland Deutschland sieht es deutlich besser aus, sagt David Dorn. Hier gab es zwar auch Verluste durch den Handel mit dem postkommunistischen Osteuropa, die aber – nicht nur in der Automobilindustrie, sondern auch im Maschinenbau – von der boomenden Exportindustrie locker aufgefangen wurden. Das sind Branchen, die hierzulande traditionell gut bezahlte Arbeitnehmer anziehen.

          Was kann man tun, um der Globalisierung zu mehr Akzeptanz zu verhelfen? Die meisten Ökonomen sagen: Besser als Protektionismus, der am Ende allen nur schadet, ist mehr sozialstaatliche Umverteilung, welche die Verlierer der Globalisierung mit Steuergeld entschädigt. Mario Draghi, der in Jackson Hole eine vielbeachtete Rede hielt, obwohl er mit keinem Wort auf seine Geldpolitik Bezug nahm, wählte einen etwas anderen Fokus: Freihandel habe für mehr Gerechtigkeit, Sicherheit und Gleichheit zu sorgen. Dafür seien globale Regeln nötig, an die sich alle halten müssten, und globale Institutionen, die deren Einhaltung überwachen. Nicht zuletzt sei ein besser koordiniertes Vorgehen gegen „Steuervermeidung“ dazu angetan, die Akzeptanz der Globalisierung in der Bevölkerung zu stärken.

          An die Adresse von Donald Trump gerichtet, aber ohne dessen Namen in den Mund zu nehmen, warnte Draghi davor, die nach der Krise beschlossenen Regulierungen der Finanzmärkte zu lockern: „Insbesondere wenn die Geldpolitik locker ist, birgt eine lasche Regulierung die Gefahr neuer Finanzkrisen.“

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