06.03.2010 · Das Geld soll aus der Zukunft kommen: Wenn morgen unser Nachbarland pleitegeht, können wir doch heute schon daran verdienen. Aber möchten wir so wirklich sein? Spökenkiekerei ist keine Beschäftigung für Erwachsene.
In der englischen Kinderserie „Catweazle“ verschlägt es einen gestandenen Magier des Hochmittelalters in das England der Gegenwart. Mit seiner Kröte Kühlwalda lernt er die Errungenschaften der Neuzeit kennen: den „Zauberknochen“ namens Telefon und den „Elektriktrick“, der die Glühbirne, die er „kleine Sonne“ nennt, leuchten lässt.
Der große Spaß am Purzeln durch die Zeit steht auch am Ursprung der Spekulation, bloß umgekehrt: Das Geld soll aus der Zukunft kommen. Wenn morgen unser Nachbarland pleitegeht, können wir doch heute schon daran verdienen.
Cleverer zu sein als die Gegenwart muss ein berauschendes Gefühl sein, auch wenn Außenstehenden der ganze Zauber etwas sonderbar vorkommt. Es ist wie in einem Pferdewettschuppen in der französischen Provinz: Mit welchem Ernst, ja welcher Hingabe da über das linke Vordergelenk eines Tieres und die Beschaffenheit des Bodens philosophiert wird, kann man bewundern, zumal dann, wenn diese Treffen ihren wahren Charakter nicht verleugnen: Es handelt sich um eine gesellige und herzlich irrelevante Form des Zeitvertreibs, unter dem das Familieneinkommen möglichst nicht leiden sollte.
Spekulation hat leider, wie die meisten Dinge im Leben hienieden, eine Kehrseite. Mit Catweazle könnte man vom Dialektiktrick sprechen: Kunst beispielsweise ist schön, macht aber viel Arbeit, das stellte schon Karl Valentin fest. Die Spekulation wiederum macht keine Arbeit, aber Sorgen. Das ist dumm, denn wer gern spekuliert, aber in einer noch so rudimentären Form menschlicher Gemeinschaft lebt, möchte nicht geschimpft kriegen, wenn der Einsatz futsch ist.
Also haben allerlei clevere Wissenschaftler daran herumgeschraubt, das spielverderbende Risiko in den Griff zu kriegen. Dazu fiel ihnen erst mal ein, es auszuweiten: Wenn die Zockerbranche die halbe Volkswirtschaft umfasst, wird niemand mehr danach rufen, die Wettbüros zu schließen. Das klingt immer so spießig. Spekulationsgewinne sind doch toll: Viel sauberes Geld, ganz ohne Arbeit erwirtschaftet. Was muss ein Land sich mit Bergarbeitern, Stahlwerken und Traktoren abmühen, wenn es überall so schick zugehen kann wie in der Londoner City?
Und die Laune ist immer gut, wo kein Risiko droht. Spekulation ohne Risiko ist ein schöner Gedanke, er passt zu einer Zeit, die immer mehr Fleisch immer billiger will, für immer größere Rechenleistung immer weniger bezahlen möchte und für ein Taschengeld in die Karibik fliegt. Seit dem vergangenen Jahr ist klar, dass nie wieder ein Geldhaus untergehen wird. Darum herrschen für Spekulanten gerade die besten Zeiten, die es je geben wird. Denn bald schon wird sich das Publikum auf grundlegende Regeln der Fairness berufen. Wir wollten nicht spielen, mussten aber die Verluste bezahlen. Nun gehören die Gewinne fairerweise denen, die den Einsatz bereitgestellt haben. Gegenwärtig wird eine Spekulationssteuer von 0,01 % diskutiert. Fair wären 100 %, schließlich würde ohne den Steuerzahler kein Bankhaus mehr stehen. Irgendwie ist diese ganze finanzielle Spökenkiekerei keine Beschäftigung für Erwachsene. Wir können nun mal nicht wissen, was die Zukunft bringt, da kann man nicht ein ganzes Arbeitsleben damit zubringen, mit Geld auf Geld zu wetten. Das ist ein Kinderspiel, ab und zu mag es entspannen, begründet doch aber kein schönes Leben. Davon abgesehen: Ein Nachbar gerät in Schwierigkeiten, und der erste Gedanke ist, Wetten auf dessen Untergang abzuschließen? Möchte man so jemand sein?
Das bringt alles die Menschheit nicht voran. Wer seinen Kopf gebrauchen möchte, sollte nicht spekulieren, sondern lieber studieren oder kreieren, sollte ein neues Apple gründen oder Songs komponieren oder schöne Kindergeschichten schreiben, wie Catweazle, beispielsweise.
Das macht reich, glücklich und spart das ganze Kokain.
Spökenkiekerei ist keine
Beschäftigung für Erwachsene. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt.
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| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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