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Pro Google treibt's zu bunt

15.08.2010 ·  Wer es nicht will, kann sich ja wehren: Datenriesen kehren Beweislastregeln um und erzwingen digitalen Exhibitionismus. Auch wenn Suchmaschinen unentbehrlich sind, dürfen sie noch lange nicht alle Regeln diktieren.

Von Melanie Amann
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Das Fotoalbum des deutschen Lebens steht bald im Netz. Millionen fotografierter Reihenhäuser, Fußgängerzonen, Vorgärten. Dann sehen alle, ob vor den Garagen teure oder billige Autos stehen, die Bewohner gut gekleidet oder abgerissene Typen sind, kinderlos oder Hundebesitzer. Mal sind Gesichter gepixelt, mal nicht. Hups, sorry, wird nachgeholt, flötet der Fotograf. Kann ja mal passieren. Der Fotograf heißt Google.

Reiseführer erklären es zur obersten Touristenpflicht, die Eingeborenen zu fragen, ob man sie knipsen darf. Google hat nie gefragt. Wie der Datenriese die „Street-View“-Fotos verwerten will, hat er nie gesagt. Google rechtfertigt sich nicht dafür, dass er den Lebensraum aller katalogisiert. Rechtfertigen muss sich, wem das unheimlich ist.

Schützenhilfe

Und es ist vielen unheimlich, denn diese Datenkrake ist nicht Paul, das freundliche Fußball-Orakel. Diese Krake ist böse. Ihre schiere Größe entzieht das Vieh jeder Kontrolle. Das sagen sogar Street-View-Fans, deren argumentative Verrenkungen dieser Tage lustig anzusehen sind: Doch, räumen sie ein, Googles Machenschaften seien bedenklich. Dass der Konzern etwa Millionen Bücher digitalisiert, ohne die Autoren um Erlaubnis zu fragen. Dass er weiß und speichert, was wir suchen, welches Ergebnis wir anklicken. Dass er dieses Wissen verkauft. Dass Google im Streit mit Chinas Zensoren eingeknickt ist. Dass die Suchmaschine Konkurrenten gezielt herabstuft in Suchergebnissen. Dass Google-Algorithmen auch mal Uralt-Nachrichten aus dem Netz fischen, die an der Börse Panik erzeugen.

Aber Street View, nein, das sei harmlos, tönen die Fans. Als ob der Konzern zum Wohle der Allgemeinheit knipste, als Service für Touristen, zur Erbauung armer Leute, die keine Fernreise zahlen können. Dabei ist das geplante Geschäftsmodell nur nicht bekannt.

Mir jedenfalls nicht. Damit kommen wir zu dem Punkt, der mich böse macht. Denn mit vereinter Schützenhilfe der Technik-Freaks und Blogger gelingt es Google, dass digitale Zweifler und Verweigerer wie ich als Hysteriker dastehen, als altmodische Sonderlinge, analoge Fossilien, die ins Museum hinter Glas gehören, neben das Fax und das Telefon mit Wählscheibe.

Privatsphäre

Oder bin ich kriminell? Falls Sie etwas zu verbergen haben, doziert Google-CEO Eric Schmidt, „sollten Sie es vielleicht einfach nicht tun“. Keine Privatsphäre in der Googlesphäre. Bin ich also verdächtig, weil ich meinen bröckeligen Altbau nicht im Internet sehen will? Natürlich kann jeder Passant schon jetzt meine Fassade anglotzen - dank Google aber bald vom Sofa aus. Ich werde nicht wissen, wer mein Haus betrachtet und welche Schlüsse er daraus zieht. Schon jetzt wird jede neue Bekanntschaft gegoogelt. Wird man bald auch gestreetviewed? „Oh je, wie wohnt die denn?“

Auch die Polizei filmt uns in der U-Bahn, sagen Googlianer. Genau, damit mir niemand auf die Nase haut, sage ich. Auch ist die hessische Polizei nicht börsennotiert, stellt ihre Filme nicht ins Internet und muss ihr Archiv ständig leeren. Dass es andere Anbieter gibt, die noch privatere Ansichten des öffentlichen Raumes online präsentieren, macht die Sache nicht besser.

Der Systembruch ist längst da: Betroffenen soll die nachträgliche Abwehr eines Eingriffs zumutbar sein. Dem Täter die Bitte um vorherige Erlaubnis nicht. So kehren Datenriesen Beweislastregeln um und erzwingen digitalen Exhibitionismus. Dabei sind Suchmaschinen ein Teil der digitalen Daseinsvorsorge geworden. Unvorstellbar, ohne sie zu leben oder zu arbeiten. Deshalb dürfen sie aber noch lange nicht alle Regeln diktieren. Google, you are evil. Zu dumm, dass ich ohne dich nicht auskomme.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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