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Pro & Contra Kann Mehdorn Flughafen?

 ·  Der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehdorn soll den Berliner Großflughafen flott machen. Ist er der richtige Mann? Die Redaktion ist geteilter Meinung. Diskutieren Sie mit!

Pro & Contra Bilder (1) Lesermeinungen (20)
© dpa Ist er der richtige Mann für den Flughafen?

Über Hartmut Mehdorn wurde viel gelästert und gelacht, als er noch Bahnchef war. Den einen gilt er als Sanierungsexperte, den anderen als Verspätungsexperte. Ist er der richtig Mann, um den Berliner Großflughafen flottzumachen? Diskutieren Sie mit!

Pro

Wenn nicht er, wer sonst?

Von Melanie Amann

Es gibt eine schlechte Nachricht zu verdauen. Offensichtlich gibt es in diesem Land keine kompetenten Flughafen-Manager, oder nur irgendwie einschlägig kompetente Manager, die eine echte Herausforderung suchen. Kein Teufelsweib, kein Teufelskerl weit und breit. Doch halt, es gibt einen, nicht sonderlich groß von Gestalt, der es wagt, in den Schlund aus Inkompetenz und Intrigen namens BER zu tauchen: Hartmut Mehdorn.

Das ist die gute Nachricht. Es gibt noch einen! Mehr als einen braucht man nicht. Eine Doppelspitze ist hart (Platzeck/Wowereit, Jain/Fitschen), zu viele Doppelspitzen verkraftet selbst ein Berliner Dickfell nicht. Gewiss, man soll Möchtegern-Retter Mehdorn nicht deshalb bejubeln, weil alle anderen Superhelden ihre Capes gerade in der Reinigung haben, oder den Flughafen lieber nur „beraten“ wollen, oder weil sie Tagessätze fordern, die sogar Klaus Wowereit unangemessen findet. Ein Flughafenchef sollte nicht der bestmögliche Kandidat sein, sondern der beste.

Aber man darf, man muss sogar darauf hinweisen, dass die Berliner überall herumgefragt haben müssen, bevor sie den Ex-Chef ihres größten Kunden anheuerten, dem sie eine Schadensersatzklage in zweistelliger Millionenhöhe verdanken. Man will sich nicht ausmalen, wie BER dastünde, hätte Mehdorn abgesagt, weil er mit gesegneten 70 Jahren lieber mit Gattin Hélène in Südfrankreich sonnen oder mit den Enkeln durch den Frankfurter Palmengarten spazieren will.

Aber Mehdorn hat nicht nur Dank für seinen Mumm verdient, sondern auch einen Vertrauensvorschuss. Der Mann kann es schaffen. Gehen wir seine Verdienste durch. Die Papierform stimmt: Promovierter Maschinenbauingenieur, Stationen als Planungs(!)ingenieur bei Flugzeug(!)bauern, irgendwann Airbus(!)-Vorstand, dann Bereichsleiter Transport- und Verkehrsflugzeuge (!!!) bei einem Luftfahrtkonzern (die „!“-Taste leiert schon). Vorstandsmitglied bei RWE und zehn Jahre Vorstandschef der Deutschen Bahn.

Als er kam, war die Bahn hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, organisatorischen Komplexität, geschäftlichen Lauterkeit und ganz allgemeinen Deutschheit gar nicht so weit entfernt vom BER. Zehn Jahre später hätte Mehdorn sie an die Börse führen können wie einst politisch befohlen. Aber dazu kam es nicht. Die Gründe möge der geneigte Leser im F.A.Z.-Archiv nachlesen.

Wie viele Freunde Mehdorn vor seinem Sturz hatte, diese Information variiert, je nachdem, wen man fragt. Die einen sagen, sein Team respektierte und liebte ihn, die anderen sagen, ja, aber es war ein 2-Mann-Team. Wie dem auch sei: Wenn Rüdiger Grube heute sagt: „Die Bahn ist so pünktlich wie selten in ihrer Geschichte“, dann weiß er, wer die Lorbeeren verdient.

„Aber er hat die Bahn kaputt gespart! Wenn es schneit, gefriert die Weichenheizung!“, weiß jeder Bahnexperte an der Bar. Aber auch ein Zack-Bumm-Mehdorn kann den Klimawandel mit Jahrhunderthitze und klirrender Kälte nicht bremsen. Und wenn der Klimawandel die 34000 Schienenkilometer erst voll trifft, werden die Kenner richtig mäkeln. Dann wird Mehdorn wahrscheinlich dafür gegeißelt, dass er nicht jeder Weiche persönlich ein Mützchen strickte.

Gehen wir weiter, zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Sommermärchen in Deutschland, Fans reisten aus weit und fern zur Partymeile nach Berlin. Sie stiegen aus im Hauptbahnhof, den Mehdorn rechtzeitig eröffnete. „Ja, aber insgesamt viiiiel zu spät“, mäkelte es damals. Doch seit dem ersten Tag rollen die Rolltreppen, die Verkäufer verkaufen, die Lichter leuchten, die Fahrgäste fahren. Es regnet nicht mal rein. „Aber die Decke ist hässlich und von der Fassade ist mal was runtergefallen“, mäkelt es.

Was jedoch passiert, wenn Architekten ihre Vorstellung von Gebäude-Ästhetik ungebremst ausleben dürfen, zeigt das Beispiel BER am besten: Aus optischen Gründen entschieden sich die Schöngeister gegen herkömmliche Rauchabzüge. Woran scheiterte die Eröffnung noch? Richtig, am Brandschutz. Auch den Berliner Bahnhof begleiteten übrigens Mahnwachen von Wutbürgern - am Bahnhof Zoo. Wo sie jetzt wohl wachen?

Man könnte jetzt noch erwähnen, dass Mehdorn Air Berlin rettete, indem er reiche Scheichs als Anteilseigner holte, aber das klingt fast nach pille palle. Da ist es verblüffend, mit welcher Selbstgewissheit jeder Twitter-Vogel, dessen Regionalbahn in Bad Münstereifel neulich „etwa 5 Minuten später“ kam, sich berufen fühlt, den Mann für unfähig zu erklären.

Es bleibt nur das Gefühlsargument: Mehdorn ist undiplomatisch. Es stimmt, mit seinem scharfen Ton und einer Stimme, die auch zu freundlichsten Worten klingt, als hätte er sich gerade vor Zorn heiser gebrüllt, scheint Mehdorn wie Relikt aus alter Zeit. Wie ein Fabrikdirektor, der durch die Bürotür nach seinem technischen Leiter schreit: „Amann!!!! Wo sind die Grundrisse für Hangar 2?“Nein das ist kein EBS-WHU-Witten-Herdecke-Boy, der sein „verhandlungssicheres Englisch“, seine Sensibilität für Diversity und die amphibienkühle Körpertemperatur niemals verliert. Wer passt wohl besser auf eine Großbaustelle? Berlin darf sich freuen über einen Mann, der aus der Baustelle eine Flughafen macht.

Contra

Pünktlich und billig kann er nicht

Von Christian Siedenbiedel

Wenn man mit Berlinern redet, hört man oft, zwei Dinge hätten ihre Stadt vollkommen durcheinander gebracht: Der Fall der Mauer. Und die Art, wie der frühere Bahnchef Hartmut Mehdorn die S-Bahn saniert hat. Kann man den Berlinern also verübeln, dass sie sich wundern, dass ausgerechnet ihm jetzt die Leitung ihres Flughafens übertragen wird?

Hartmut Mehdorn ist ein sympathischer Kerl. Gerade wegen seiner direkten Art. Aber der Richtige für den Berliner Flughafen ist er nicht.

Als Bahnchef seinerzeit war er nicht für jeden Zug persönlich verantwortlich, der zu spät kam. Aber die politische Verantwortung für das S-Bahn-Debakel hatte er schon. Ende der neunziger Jahre hatte die Bundesregierung Mehdorn aufgetragen, die Bahn fit für einen Börsengang zu machen. Dem ordnete er alles unter. So forderte er auch von der Tochtergesellschaft S-Bahn Berlin GmbH einen hohen Ergebnisbeitrag. Heute ist klar, dass die Schraube dabei überdreht wurde: Es wurde zu viel Personal abgebaut und die Wartung der Züge vernachlässigt. Folgen spüren die Berliner bis heute.

Auch was Großprojekte anbelangt, ist Mehdorns Bilanz bestenfalls durchwachsen. Der Berliner Hauptbahnhof, eines seiner Vorzeigeprojekte, wurde später fertig als ursprünglich geplant - und auch deutlich teurer. Statt 700 Millionen Euro kostete er am Ende stolze 1,2 Milliarden Euro.

Dasselbe gilt für neue Hochgeschwindigkeitsstrecken wie die ICE-Linie von Frankfurt nach Köln. Sie sollte ursprünglich 7,75 Milliarden Mark kosten. Am Ende verschlang Mehdorns Großbaustelle mehr als zehn Milliarden Mark, die der Steuerzahler berappen musste. Geht so Großprojekt-Management à la Mehdorn? Pünktlich und billig kann Mehdorn nicht, war der Eindruck, der zurückblieb.

Wer jetzt verteidigend für den früheren Bahnchef einwirft, so seien Großprojekte nun mal, und man dürfe mit dem armen Kerl nicht so streng sein, der sollte bedenken: Die Ansprüche an den neuen Flughafenchef für Berlin sind ohnehin schon bei Null angekommen.

Beim Berliner Flughafen wäre man ja schon froh, wenn dort überhaupt irgendwann mal Flugzeuge fliegen, starten und landen könnten. Im Augenblick ist Berlin ja die einzige Großstadt mit einem Flughafen, der nur auf dem Landweg zu erreichen ist.

Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen. Dabei wohnen doch gerade am Prenzlauer Berg inzwischen viele Schwaben. Und die könnten sich womöglich an ein anderes Großprojekt in ihrer Heimat erinnern, an dem Hartmut Mehdorn beteiligt war: Es geht um einen Tunnel, der dort gebaut wird und einen unterirdischen Bahnhof: Stuttgart 21. Der heutige Bahnchef Rüdiger Grube hat den Ärger damit - aber der größte Teil der Planung geschah unter Mehdorn. Noch kurz bevor er die Bahn verließ, brachte er die Verträge in trockene Tücher.

Als Musterbeispiel für Großprojekt-Management gilt das Vorhaben nicht unbedingt: Wenn heute alle Beteiligten sagen, damals wären mehr Fingerspitzengefühl und eine stärkere Einbeziehung der Bevölkerung notwendig gewesen, dann meinen sie auch Mehdorn. Diplomatisch kann er nicht so gut.

„Diplomat wollte ich nie werden“ ist der Titel eines Buches über ihn. Der frühere Bahnchef machte nie ein Hehl daraus, dass er lieber allein entscheidet, als sich mit anderen abzusprechen. In jedem zweiten Interview erzählte er, sein Vorbild sei Napoleon, und er lese viel über ihn.

Die Politiker im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages sagten nach dem Wechsel an der Bahnspitze von Mehdorn auf Grube: Das sei der größte Vorteil des Neuen - dass er überhaupt mal mit ihnen rede. Ob sich die Politiker in Brandenburg und Berlin einen solchen Stil gefallen lassen werden?

Mehdorn kann forsch führen. Um die Bauarbeiter auf der Berliner Flughafenbaustelle anzutreiben, mag das gut sein. Zu seinen Hauptstärken gehört es aber nicht, sich mit unterschiedlichen politischen Akteuren abzusprechen und auf die jeweiligen Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Das aber ist in einem Unternehmen mit öffentlichen Eigentümern vermutlich notwendig.

Vorbildlich darin war Wilhelm Bender, der frühere Frankfurter Flughafenchef. Seine Amtszeit ist, bei allen Schwierigkeiten mit der Flughafen-Erweiterung, als erfolgreich in Erinnerung geblieben. Den Berliner aber hat er abgesagt.

Mehdorn war nach seiner Zeit als Bahnchef Sanierer der Fluggesellschaft Air Berlin. Richtig gut geht es dem Unternehmen immer noch nicht. Aber vielleicht wäre es ohne ihn tatsächlich nicht mehr da. Bemerkenswert ist, dass Mehdorn als Air-Berlin-Chef den Flughafen wegen der Verzögerungen bei den Bauarbeiten verklagt hat. Ob er in seiner neuen Tätigkeit als Flughafenchef jetzt diese Prozesse gegen sich selbst führen muss?

Spötter sagen, Mehdorn sei schließlich schon 70, und es sei unwahrscheinlich nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Berliner Flughafen, dass er dessen Fertigstellung überhaupt noch erleben werde. Wünschen wir ihm, dass er alle eines Besseren belehrt.

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