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Veröffentlicht: 09.09.2013, 13:38 Uhr

Pro & Contra Jetzt schon Lebkuchen - muss das sein?

Draußen ist es 20 Grad warm, und im Supermarkt gibt es Lebkuchen. Ist das Frevel? Oder ist es höchste Zeit?

© dpa

Ja

Zeit für Lebkuchen

Von Patrick Bernau

Wenn der September kommt, erkennt man meinen Einkaufswagen im Supermarkt von weitem. Der ist bis obenhin gefüllt mit Lebkuchenpackungen. Und das Aktionsregal im Supermarkt erlebt sein erstes großes Gefühl der Leere.

Zu Hause liegt schließlich nur noch meine gebunkerte Notration, die vertrockneten Dinger aus dem letzten Jahr. Wochenlang habe ich mit diesem Zeug aushalten müssen: Monate hinter dem Haltbarkeitsdatum, die Schokolade ausgegraut und brüchig, der Teig trocken. Was ist das dann für ein Gefühl, in einen frischen Lebkuchen zu beißen, dessen Schokoladenüberzug sanft den Weg freimacht für einen würziges kleines Lebkuchenherz mit fruchtig-frischem Kern. Das  ist mein Heißhunger zur Sommerzeit.

Es gibt Leute, die verstehen das nicht. Die sagen: Wer im September kauft, der macht die Weihnachtsstimmung kaputt. Papperlapapp. Als würde die Weihnachtsstimmung davon abhängen, was im Einkaufswagen liegt. Weihnachten ist mehr als schnöder Konsum, es ist das Fest der Liebe und der Freude, an dem die Familie zusammenkommt und die Geburt Christi feiert - Weihnachtsstimmung kommt doch nicht von einer Süßigkeit.

Nein, bei den Lebkuchen geht es eher um den richtigen Rhythmus. Meine Kollegin zur Rechten liegt ja völlig richtig, wenn sie sagt, das Glück liege in der Entbehrung. Wer zu viel auf einmal isst, verliert den Appetit. Das ist auch mit den Lebkuchen so. Und genau da ist der Punkt.

Entbehrung im November

Ich will nicht meine komplette Jahresration an Lebkuchen zwischen September und Dezember vertilgen müssen. In solchen Mengen wird auch der beste Lebkuchen zum Allerweltsgebäck. Es wäre doch toll, wenn man den Lebkuchen im November liegenlassen könnte, um sich kurz vor Weihnachten wieder den einen oder anderen auf der Zunge zergehen zu lassen.

Doch schon am 15. Dezember gibt es nur noch Restposten, und zu denen gehören meine Lieblings-Lebkuchen nur selten. Dann streife ich durch die Supermärkte der Umgebung, um die letzten Tüten einzusacken und zu Hause zu bunkern. Denn meine Lieblingssorte kann man auch nicht bestellen.

Eis-Liebhaber sind da weiter. Dank Langnese und der Tiefkühltruhe kann man sich auch im tiefsten Winter bei minus zehn Grad Außentemperatur seinen Erdbeer-Schoko-Becher zusammenstellen. Und was entstehen da für Kombinationen: Der heiße Apfelstrudel mit Vanilleeis konnte doch nur deshalb zum Herbstklassiker werden, weil keiner behauptet, dass die Eiszeit im November beendet sein muss.

Wir Lebkuchen-Freunde dagegen sind dazu verdammt, unsere Jahresration innerhalb weniger Wochen zu vertilgen. Wenn dann im Mai an einem Regentag die Lebkuchen-Lust den Gaumen kitzelt, bleiben uns nur die schal gewordenen Vorräte.

Deshalb bitte ich die Lebkuchen-Hersteller und Supermarktbesitzer dringend: Beginnt mit dem Verkauf im April, gleich wenn die Regale von den Osterhasen freigeräumt sind.

Nein

Die Pause bringt den Genuss

Von Nadine Bös

Lebkuchen sind etwas Wunderbares. Der Sage nach haben sie sogar heilende Kräfte: Im 18. Jahrhundert jedenfalls soll die schwerkranke Tochter eines Nürnberger Lebküchners durch den Genuss eines völlig mehlfreien Speziallebkuchens nur aus Nüssen, Honig und Gewürzen dem Tod von der Schippe gesprungen und wieder vollständig genesen sein. Weil das Mädchen Elisabeth hieß, heißen bis heute die besten Lebkuchen nach ihr: Elisenlebkuchen.

Wie für fast jedes Saisonlebensmittel, sei es nun Spargel oder Erdbeere, Maischolle oder –bowle, Osterlamm oder Martinsgans gilt für den Lebkuchen: Weil er traditionell nur zu einer bestimmten Zeit im Jahr verzehrt wird, bleibt er etwas Besonderes, nur deshalb schmeckt der erste Lebkuchen in der Adventszeit jedes Mal wieder so unvergleichlich gut.

Viele Menschen haben das nicht verstanden, zum Beispiel mein Kollege zur Linken. Sonst würden nicht jetzt schon wieder Anfang September die zu sechsen abgepackten, kleinen, runden Süßwaren kurz vor den Supermarktkassen auftauchen und in der spätsommerlichen Sonne unter der Folienverpackung unappetitlich schwitzen. Gäbe es keine Kunden, die zum letzten Grillfleisch und dem Eis am Stil auch gleichzeitig den ersten Lebkuchen aufs Kassenband legten – die Supermärkte hätten sicherlich anderes mit ihren Sonderverkaufsflächen anzufangen.

Zugegeben: Wer die Geschichte des Lebkuchens auch nur ein bisschen studiert, wird schnell herausfinden, dass der Lebkuchen im alten Nürnberg tatsächlich kein Weihnachtsgebäck war. Erst im 30-jährigen Krieg, als die Zutaten knapper wurden, begann die Tradition, Lebkuchen nur noch zum besonderen Anlass der Adventszeit auf den Tisch zu bringen. Schon aufgrund dieser Geschichte ist natürlich keinem Händler ein Vorwurf zu machen, der versucht, die Leckerei bereits im Spätsommer an den Mann zu bringen. Nichts ist alberner, als den Lebküchnern oder Supermärkten den Ausverkauf vorweihnachtlicher Stimmung anzulasten.

Entbehrung macht glücklich

Wer aber geneigt ist, schon jetzt ins Lebkuchenregal zu greifen, sollte trotzdem noch einmal innehalten. Denn die Anhänger des frühherbstlichen (oder gar des Ganzjahreslebkuchens) verkennen schlicht das Glück, das in der zeitweiligen Entbehrung steckt. Die Geburtstagstorte, das Ausschlafen am Sonntagmorgen, die zwei Wochen Urlaub auf Sardinien – in beinahe jedem Genuss steckt die Freude am Nicht-Alltäglichen. Der Lebkuchen ohne Weihnachtszeit ist so gesehen nichts anderes als die Torte ohne Geburtstag, der Sonntag ohne Arbeitswoche oder die Ferien ohne Alltag zu Hause. Er ist mit einem Wort: stinklangweilig.

Vielleicht aber macht das den Käufern der September-Supermarktlebkuchen auch einfach deshalb nichts aus, weil die Massenware unter der Plastikfolie ohnehin ziemlich langweilig schmeckt, nicht großartig anders als ein überdimensionierter Keks mit ein paar Gewürzen. Sicher haben sie noch nie die echten Elisenlebkuchen kleiner Lebküchnereien wie Woitinek oder Düll probiert.

Die kann man übrigens völlig supermarktunabhängig das ganze Jahr über per Internet bestellen. Jedenfalls, wenn man viel Geld hat: Unter zwei Euro das Stück sind solche Lebkuchen selten zu haben; die großen „Königselisen“ kosten fast zehn Euro. Das können sich die meisten Leute ohnehin nur ausnahmsweise erlauben. Am besten zur Weihnachtszeit.

Quelle: FAZ.NET

 

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