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Pro & Contra Bleibt das Arbeitshandy abends aus?

Ursula von der Leyens Mitarbeiter im Arbeitsministerium dürfen ihre Handys jetzt offiziell in der Freizeit abschalten. Hilft diese Regel? Sollte sie für andere Firmen zum Vorbild werden? Die Redaktion streitet.

© picture alliance / Image Source Vergrößern Handy-Stress auch in der Freizeit - lässt der sich mit Hilfe von Regeln vermeiden?

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Pro

Und jetzt abschalten!

Von Anne-Christin Sievers

Früher war Sonntag anders: E-Mails gab es nicht, Smartphones erst recht nicht. Wir räkelten uns ungestört auf dem Sofa, der Montag war noch sooo weit weg. Und vom Bildschirm forderte uns Peter Lustig nach seiner Sendung „Löwenzahn“ auf, doch endlich den Fernseher abzuschalten.

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Heute gibt es Smartphones, mit denen wir immer erreichbar sind – auch am Wochenende, auch für den Arbeitgeber. Und es gibt wieder jemanden, der zumindest seine eigenen Mitarbeiter zum Abschalten bewegen will: Ursula von der Leyen. Wenn es nach der Arbeitsministerin geht, sollen die Beschäftigten des Bundesarbeitsministerium nur noch in Ausnahmefällen in ihrer Freizeit per Mail oder Anruf gestört werden dürfen – das hat sie schon vor einem Jahr von allen deutschen Unternehmen gefordert. Mancherorts gibt es solche oder ähnliche Regeln sogar schon, etwa bei Volkswagen oder bei der Deutschen Telekom.

Kritiker mögen sagen, das sei unnötig und bringe nichts: schließlich bewahre das Arbeitsschutzgesetz die Arbeitnehmer ausreichend davor, immer erreichbar sein zu müssen. Doch wozu man gesetzlich verpflichtet ist und welche Verhaltensweisen sich in der Praxis eingeschlichen haben, sind eben zwei Paar Schuhe.

Wenn sich ungeschriebene Regeln im Büroalltag etabliert haben, wenn die Kollegen abends immer länger vor ihren Bildschirmen kleben und man sich nicht traut, als einziger nach Hause zu gehen, wenn andere um ein Uhr morgens noch E-Mails schreiben, die man auch lesen sollte, damit man am Morgen keinen Informationsnachteil hat, ja dann ist es vielleicht gut, wenn mal eine klare Ansage von oben kommt. Diese Ansage verdeutlicht, was eigentlich die geschriebenen Gesetze sind – und wie sehr sich die Praxis in manchen Branchen und Unternehmen von ihnen schon verabschiedet hat.

Zugegeben, wer aus eigenem Antrieb gerne noch von Zuhause aus bis tief in die Nacht hinein arbeitet, der wird das weiter tun – und daran kann und soll ihn keine Arbeitsregelung der Welt hindern. Nur trifft das eben nicht auf die meisten zu. Viele würden vielleicht gern ihr Handy ausschalten, nicht mehr in die Mails schauen. Aber da bleibt dieses diffuse, ungute Gefühl: „Darf ich das? Was, wenn ich jetzt etwas Wichtiges verpasse? Die anderen schalten ja auch nicht ab, oder?“

Eine klare Ansage des Arbeitgebers, dass es in Ordnung ist, in der Freizeit nicht verfügbar zu sein, kann da entlasten. Weil es Klärung bringt, was wirklich von den Mitarbeitern erwartet wird, und was eben auch nicht. Weil man sich auf diese Vorgabe von oben im Notfall berufen kann – auch wenn das ein wenig gewerkschaftlerisch daherkommt. Und weil man am Sonntag einfach besser auf dem Sofa entspannen kann, wenn eine Sache weniger im Hinterkopf herumschwirrt.

Contra

Es braucht vorbildliche Chefs!

Von Nadine Bös

Ursula von der Leyen möchte mit gutem Beispiel vorangehen: Künftig gibt es in ihrem Ministerium die Ansage, dass niemand mehr nach Dienstschluss aufs Smartphone schielen muss. Kein schlechtes Gewissen mehr, wenn man die Mail vom Chef einfach mal nicht beantwortet, weil man mit der i-Phone-freien Hand gerade eine Sandburg für die Kinder baut. Herrlich!

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Wirklich? Dass wir außerhalb der gesetzlichen Höchstarbeitszeit nicht arbeiten müssen, ist in Deutschland schon lange festgelegt. Das Problem ist ein anderes und es hat einen Namen: Selbstausbeutung. Wer sich schon einmal gefragt hat, warum er Mails im Sandkasten beantwortet oder einen späten Telefontermin mit Amerika ausmacht, obwohl die Familie lieber gemütlich beim Abendbrot zusammensäße, kommt oft zu der Antwort: Weil ich es möchte. Viele Arbeitnehmer wollen sich engagieren, weil sie Freude daran finden, die Arbeit gut zu erledigen. Da kommt schnell das Gefühl auf, das Projekt, der Text oder die Berechnung müsse einfach noch fertig werden. Und wenn das innerhalb der Arbeitszeit nun mal nicht zu schaffen ist, dann eben außerhalb.

Zweifellos – wenn Menschen sich überfordern, kann das tragisch enden, mit Burnout und Schlimmerem. Bloß: Werden diese Menschen wirklich einen Gang zurückschalten, nur weil eine neue Ansage von oben kommt, die im Kern das gleiche besagt, wie die Arbeitszeitregeln, die es ohnehin schon gibt? Zugegeben: Es hilft, wenn der Arbeitgeber und die Kollegen nach Dienstschluss einfach keine Mails mehr verschicken. Dann kommt nichts an im Postfach und die Versuchung weiterzuarbeiten wird kleiner. Doch gibt es natürlich auch Mails und Anrufe von Geschäftspartnern von außen. Solange nicht eine kritische Masse an Unternehmen mitmacht, wird sich also kaum etwas ändern.

Die Handy-Regeln werden auch dann nicht helfen, wenn Mitarbeiter in ihrer Freizeit arbeiten, weil sie das Gefühl haben, besser als die Kollegen sein zu müssen oder mindestens gleich gut. Was ist sonst mit der nächsten Beförderung, Gehaltserhöhung oder schlimmer: bei der nächsten Kündigungswelle? Gegen solche Ängste hilft ein Bekenntnis wie das der Arbeitsministerin wenig. Denn überehrgeizige Arbeitnehmer werden immer Wege finden, trotz aller Regeln weiterzumachen: Wenn der Sicherheitsdienst um Mitternacht das Gebäude absperrt, nehmen sie den Laptop und arbeiten daheim weiter. Wenn auf dem Smartphone keine Mails mehr ankommen, kommunizieren sie über Facebook oder heben sich für den Abend andere Aufgaben auf.

Entscheidend dafür, ob Menschen ein gesundes Maß finden, ist – neben dem Einhalten der bestehenden Gesetze – die Unternehmenskultur. Sie kann Mitarbeitern das Gefühl geben, dass nach Dienstschluss wirklich Schluss ist. Wenn der Chef es vorlebt. Wenn die Kollegen mitmachen. Ob das im Hause von der Leyen der Fall ist? Zweifel daran weckt die Tatsache, dass die Ministerin Regeln gegen den Handy-Stress von der Wirtschaft schon vor einem Jahr forderte. Im eigenen Ministerium etabliert sie sie mit reichlich Verspätung. Ob das am Wahlkampf liegt?

Quelle: FAZ.NET

 
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