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Bildungsforscherin : „Der Staat kontrolliert zu wenig“

Und wo ist die Karriereleiter? Schloss Salem am Bodensee gilt als Inbegriff elitärer deutscher Privatschulen. Bild: Berthold Steinhilber/laif

Die Politikwissenschaftlerin Rita Nikolai betreibt Schulforschung am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin. Sie erklärt, wann Privatschulen die Gesellschaft spalten können.

          Privatschulen werden in Deutschland immer beliebter – seit wann ist das so?

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dieser Trend hat seit den neunziger Jahren zugenommen, und zwar besonders in den ostdeutschen Bundesländern. Denn in der DDR waren, bis auf eine einzige Ausnahme in Ostberlin, Privatschulen ja noch verboten. Es gab also auf der einen Seite einen Nachholeffekt mit großer Ost-West-Differenz.

          Und auf der anderen?

          Es kamen auch noch bevölkerungsärmere Gegenden hinzu, Mecklenburg- Vorpommern ist hier ein Beispiel, in denen öffentliche Schulen wegen Schülermangels geschlossen wurden und Schulen in privater Trägerschaft gegründet wurden – zum Teil auf Initiative betroffener Eltern. In westdeutschen Großstädten wie Hamburg, München, Frankfurt, aber auch Berlin hat die Gründung vieler privater Schulen andere Hintergründe.

          Welche?

          Rita Nikolai
          Rita Nikolai : Bild: Privat

          Hier legen Eltern Wert auf soziale Abgrenzung. Sie wollen nicht hinnehmen, dass ihre Kinder allzu viele Mitschüler haben, die zum Beispiel aus Hartz-IV-Familien oder aus Migrantenfamilien kommen, wie das in öffentlichen Schulen oft der Fall ist.

          Sind Privatschulen mit Skepsis zu betrachten, wie Kritiker sagen?

          Die Privatschullandschaft in Deutschland ist total divers, wie ein bunter Blumenstrauß. Man kann die einzelnen Schulen nicht über einen Kamm scheren. Ob nun reformpädagogische Einrichtungen wie Walldorfschule oder Montessori, ob konfessioneller Träger oder Privatschule als eine Art Elitenschule: Die Unterschiede sind einfach zu groß.

          Alles in Ordnung also?

          Das nun auch wieder nicht. Das Grundgesetz sieht zwar Privatschulfreiheit vor, aber es verbietet eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern. Und hier bieten einige Privatschulen durchaus Anlass zu Kritik.

          Inwiefern?

          Der Staat ist in der Verantwortung, er kann der Expansion der Privatschulen nicht einfach zuschauen. Er muss sicherstellen, dass keine soziale Distinktion stattfindet, denn das berührt die Frage der Chancengleichheit. Und die ist nicht gewährleistet, wenn Privatschulen ein so hohes Schulgeld fordern, dass viele Eltern es sich nicht leisten können. Es ist gerade sehr spannend, wie der Staat damit umgeht.

          Sie scheinen skeptisch zu sein.

          Derzeit kontrolliert er jedenfalls nicht ausreichend, ob hier soziale Ausgrenzung stattfindet und damit gegen das Grundgesetz verstoßen wird. In den Landesgesetzen gibt es keine Regelungen zur Höhe des Schulgeldes, und auch die soziale Zusammensetzung der Klassen wird nicht überprüft. Dabei gibt es Möglichkeiten der Einflussnahme.

          Welche denn?

          In Berlin zum Beispiel gibt es den Plan, einen Teil der öffentlichen Zuschüsse an die Zahl der Schüler aus einkommensschwachen Familien zu koppeln. So könnte eine gewisse Durchlässigkeit sichergestellt werden. In Baden-Württemberg will das Land Schulen, die kein Schulgeld erheben, einen finanziellen Ausgleich gewähren.

          Ist es nicht so, dass einige Privatschulen mit besonders hohem Schulgeld eher Eigenmarketing betreiben als damit hinterm Berg zu halten?

          Natürlich kann man so Eltern mit einem besonders hohen Einkommen locken. Und es ist aus Sicht dieser Eltern ja durchaus rational, sich ein Umfeld zu suchen, in dem es um die Verbesserung späterer Karrierechancen geht, um den Aufbau von Netzwerken und eine internationale Orientierung. Es darf nur keine soziale Abschottung geben, darauf muss der Staat aufpassen. Außerdem ist es wichtig, dass Kinder die Pluralität unserer Gesellschaft kennenlernen und dass es nicht zu einem Zwei-Klassen-System kommt. Das wäre gesellschaftspolitisch die falsche Richtung. Trotzdem kann man nicht behaupten, dass die Privatschulen in Deutschland in erster Linie Eliteschulen wären – dafür ist die Landschaft wie gesagt zu unterschiedlich. Einige konfessionelle Privatschulen nehmen sogar überhaupt kein Schulgeld von Schülern aus einkommensschwachen Familien.

          Wo steht die deutsche Privatschullandschaft im internationalen Vergleich?

          Da ist sie eher harmlos, auch wenn man aufpassen muss, dass kein Ungleichgewicht entsteht. Die Niederländer zum Beispiel haben ihre Privatschulen zu 100 Prozent ins öffentliche Schulsystem integriert. In Schweden ist der Anteil höher als bei uns, aber besonders hoch ist er mittlerweile in England. In beiden Ländern werden die Privatschulen fast zu 100 Prozent vom Staat finanziert. Das hat aber auch sein Gutes.

          Nämlich?

          Dort bekommen die privaten Schulen zwar viel Geld vom Staat, aber dafür nehmen sie auch an Testverfahren und an Schulinspektionen teil. In Deutschland wünscht sich das so mancher anders herum: viel Geld, aber keine Kontrollen. Genau an diesem Punkt müssen wir in Deutschland aufpassen.

          Quelle: F.A.Z.

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