19.12.2008 · Das Land hat die Mittel gestrichen, der Präsident ist zurückgetreten: Die älteste deutsche Privathochschule in Witten/Herdecke steht vor dem Aus. Schuld sollen finanzielle Misswirtschaft und mangelndes Fingerspitzengefühl im Umgang mit Spendern sein.
Von Sebastian Balzter und Christiane ScharrenbrochDie Privatuniversität Witten/Herdecke (UWH) steht unter Schock: Das Land Nordrhein-Westfalen verweigert ihr die Fördermittel. Der Präsident der Hochschule, Birger Priddat, ist daraufhin am Donnerstag zurückgetreten. „Wenn das Geld vom Land nicht noch fließt, gehen hier zum Jahresende die Lichter aus“, sagte Uni-Sprecher Ralf Hermersdorfer der F.A.Z.. Zwar bemühe sich die älteste private Hochschule in Deutschland händeringend um Sponsorengelder. Doch ein Loch von 4,5 Millionen Euro kurzfristig zu stopfen sei so gut wie unmöglich.
Der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hatte am Mittwoch angekündigt, die für 2008 versprochenen 4,5 Millionen Euro nicht zu überweisen. Zudem müsse die Hochschule 3 Millionen Euro zurückzahlen, die schon 2007 geflossen seien. Trotz mehrfacher Aufforderung habe die UWH keinen „verlässlichen, testierten Wirtschaftsplan“ für die Jahre 2009 bis 2011 eingereicht, heißt es zur Begründung aus dem Ministerium. Es fehle der Nachweis hinreichender finanzieller Sicherheit für die kommenden Jahre. Die Hochschule, die zuletzt einen Etat von 31 Millionen Euro hatte, weist diesen Vorwurf vehement zurück und will das Vorgehen juristisch prüfen lassen. Sie habe einen „durch den Wirtschaftsprüfer plausibilisierten Plan“ vorgelegt, der einen ausgeglichenen Haushalt erwarten lasse. Darin seien allerdings Risiken enthalten gewesen. „Die Finanzmarktkrise macht auch vor der Universität Witten/Herdecke und ihren Spendern nicht halt“, heißt es dazu.
Fälle wie dieser werfen kein gutes Licht auf private Universitäten
Finanzielle Schwierigkeiten hat die UWH allerdings schon länger. Zuletzt war im Sommer der größte Geldgeber, die Unternehmensberatung Droege, nach Streitigkeiten abgesprungen. Auch damals wurden Mängel in der wirtschaftlichen Planung beklagt. Ob die UWH jetzt denselben Weg geht wie die viel jüngere, aber ebenfalls mit vollmundigen Ankündigungen gegründeten privaten Hanseuniversität in Rostock? Dort wurde im Sommer der Lehrbetrieb wegen fehlender Nachfrage eingestellt, zuletzt waren nur noch drei Studenten eingeschrieben.
Fälle wie diese würfen auf die privaten Hochschulen insgesamt kein gutes Licht, bedauert Udo Steffens, der Präsident der Frankfurt School of Finance and Management und Vorstandssprecher des Verbands der Privaten Hochschulen, der die Interessen von 72 Bildungsanbietern vertritt. Die UWH ist dem Verband nie beigetreten, in der Eigensinnigkeit ihrer Leitung sieht Steffens einen möglichen Grund für das Scheitern.
„Das Management zeichnete sich nie durch besondere Gesprächsbereitschaft aus“, sagt er. So sei etwa der Heidelberger Bildungs- und Gesundheitskonzern als potentieller Investor verprellt worden; auch an einer Zusammenarbeit mit der Frankfurt School selbst seien weder Birger Priddat noch sein Vorgänger Wolfgang Glatthaar interessiert gewesen. „Die glaubten bis zuletzt, sie würden es alleine schaffen.“
Der Beitrag der Studenten ist vergleichsweise gering
Priddat sei nun aber nicht auf Druck der Hochschule zurückgetreten, sondern um die Gespräche mit dem Land wieder in Gang zu bringen, betont UWH-Sprecher Hermersdorfer. Der seit August 2007 amtierende Priddat ließ mitteilen, er wolle Schaden von der Hochschule abwenden und die Voraussetzungen für einen Neuanfang schaffen; die Zweifel an der Ordnungsmäßigkeit der Geschäftsführung könne er nicht nachvollziehen.
Seit 1995 beteiligt sich Nordrhein-Westfalen an den laufenden Kosten der UWH; zuletzt übernahm das Land etwa 14 Prozent des Etats. Sponsoren und Stiftungen decken rund 30 Prozent, Erträge aus Forschungsförderung 12 Prozent und Erlöse der Zahnklinik 17 Prozent. Die Beiträge der Studenten machen 7 Prozent aus. Im Vergleich mit anderen, rentableren privaten Hochschulen ist dieser Posten auffallend gering; auf die stattliche öffentliche Förderung müssen viele von ihnen dagegen verzichten. „Uns kann so etwas wie in Witten nicht passieren“, sagt zum Beispiel Christopher Jahns, der Rektor der „European Business School“ (EBS).
Denn die private Wirtschaftshochschule in Oestrich-Winkel - mit 1200 Studenten und einem Budget von 28 Millionen Euro größenmäßig mit der UWH vergleichbar- erhalte aus dem hessischen Landeshaushalt ohnehin nur einen moderaten sechsstelligen Betrag. Die Finanzierung ruhe auf anderen Säulen: Studiengebühren, Einnahmen aus den Weiterbildungsangeboten sowie Erträgen aus der Auftragsforschung und der Zusammenarbeit mit Unternehmen. Vor allem der Anteil dieser Drittmittel ist laut Jahns zuletzt stark gewachsen und hat es ermöglicht, den Etat seit 2005 mehr als zu verdoppeln.
Staatliche und private Hochschulen nähern sich strategisch an
Neben der Eigenheiten der Hochschulleitung dürfte auch die besondere Ausrichtung der UWH mit ihrer kostspieligen medizinischen Fakultät ein Grund für die finanzielle Misere sein. Beides charakterisierte die Universität schon bei ihrer Gründung, die 1982 eine aufsehenerregende Pioniertat war. Heute ist die Unterscheidung von privaten und öffentlichen Hochschulen keine Frage von Schwarz oder Weiß mehr, sondern eine der Schattierungen. Während etwa der amerikanische Laureate-Konzern, der in Deutschland seit knapp einem Jahr die Fäden bei der „Business and Information Technology School“ in Iserlohn zieht, Bildung tatsächlich als Geschäft fast wie jedes andere versteht, sehen sich andere Akteure eher dem philanthropischen Stiftungsgedanken verpflichtet.
Die Jacobs University in Bremen etwa erhebt zwar Gebühren, zehrt aber von einer 200-Millionen-Euro-Spende ihres im Herbst verstorbenen Mäzenaten Klaus Jacobs. Ob sie sich damit noch fundamental von einer öffentlichen Stiftungshochschule wie der Frankfurter Goethe-Universität unterscheidet, deren scheidender Präsident Rudolf Steinberg sich wiederholt für studentische Gebühren ausgesprochen hat, darüber lässt sich streiten. „Die Geschäftsmodelle nähern sich an“, beschreibt Leander Hollweg von dem auf Bildungsfragen spezialisierten Hamburger Beratungsunternehmen Tenman die Situation. „Die Strategien staatlicher Hochschulen unterscheiden sich kaum noch von der Markenpolitik der privaten.“
Strategie hin oder her, loyale Studenten hat die UWH: Rund 250 von ihnen protestierten am Donnerstag vor dem Landtag in Düsseldorf gegen die Streichung der Fördergelder. Schon am Freitag hatten sie selbst eine Erhöhung ihrer Studienbeiträge um bis zu 60 Prozent für zunächst zwei Semester beschlossen. „Die Lage ist sehr, sehr ernst“, gibt Studentensprecherin Mirjam Karcher zu. „Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, dass uns das Land doch noch unterstützen wird.“ (siehe auch: Kein Geld mehr für die Privatuniversität Witten/Herdecke?)
Wozu Witten dienen kann...
susanne mayrer (nikpopp)
- 19.12.2008, 10:49 Uhr
Unvergleichbar
Christian Eggert (ullwe)
- 19.12.2008, 16:04 Uhr
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