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Veröffentlicht: 29.06.2014, 08:48 Uhr

Primark Großalarm im Teenie-Paradies

In den Klamotten der Billigmarke Primark finden Kundinnen Hilferufe ausgebeuteter Textilarbeiter. Wahrscheinlich handelt es sich um Fälschungen. Wenn Primark jetzt keinen Fehler macht, könnte die Aufregung der Modekette sogar nützen.

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© Bloomberg Belastet das Taschengeld kaum: Shirts gibt es bei Primark für drei Euro, Kleider für sechs

Sie war gerade dabei, ihre Tasche für den Urlaub zu packen, als ihr ein merkwürdiger Zettel in die Hände fiel. So erzählte eine junge Frau aus Nordirland vergangene Woche dem britischen Sender BBC die Geschichte. Der Zettel steckte in der hinteren Tasche einer Hose, die sie vor längerer Zeit bei der Billigmodekette Primark gekauft hatte.

„SOS“ stand in großen Druckbuchstaben mehrfach auf dem Zettel, dazu eine Reihe chinesischer Schriftzeichen, die die Frau nicht verstand. In den Zettel eingewickelt will sie den Gefängnisausweis eines chinesischen Mannes gefunden haben. Weil der Zettel aussah wie ein Hilferuf, gab sie ihn der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Dort übersetzte man die Schriftzeichen: „Wir sind Häftlinge im Xiangnan-Gefängnis in Hubei, China. Wir arbeiten 15 Stunden am Tag, um Kleidung für den Export zu nähen. Das Essen, das sie uns geben, ist schlechter als das, was man Hunden und Schweinen vorsetzt. Wir schuften wie die Ochsen.“ Ähnliche Notrufe wurden früher auch in Primark-Kleidungsstücken im walisischen Swansea entdeckt.

Nichts aus der Katastrophe von Bangladesch gelernt?

Seitdem steht Primark am Pranger: Amnesty International ließ verlauten, die Hilferufe seien „womöglich nur die Spitze des Eisbergs“. Offenbar habe die Textilindustrie aus dem katastrophalen Einsturz der Fabrik Rana Plaza vor einem Jahr in Bangladesch nichts gelernt. Auf Twitter entlud sich der Ärger gegen Primark, und auch auf der Facebook-Seite der Firma hagelte es kritische Kommentare.

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Das Unternehmen reagierte schnell und bezweifelte die Echtheit der Etiketten: Zum Beispiel seien sich die beiden in Swansea gefundenen Botschaften erstaunlich ähnlich, obwohl die Kleidungsstücke in unterschiedlichen Ländern gefertigt worden seien. Mittlerweile deutet viel darauf hin, dass es sich bei den Botschaften nicht um echte Hilferufe, sondern um sogenanntes „Guerilla-Marketing“ von Aktivisten handelt. Primark versichert gleichwohl, alle Vorwürfe würden sorgfältig untersucht.

Die prompte Reaktion ist kein Wunder, denn die Sache ist für Primark mehr als nur unangenehm: Sie birgt ein massives Risiko für den Ruf des Unternehmens und damit für seinen wirtschaftlichen Erfolg. Sollten die Vorwürfe der Auftakt zu einer Kampagne sein, spielt es schnell nur noch eine untergeordnete Rolle, ob die Zettel echt oder die Vorwürfe wahr sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass geschickt gesteuerte öffentliche Empörung katastrophale Folgen für ein Unternehmen hat.

Am schlimmsten wäre der Boykott

„Am schlimmsten wäre es für die Firma, wenn sich der Skandal ausweitet“, sagt Frank Roselieb, Direktor des Kieler Krisennavigator Instituts für Krisenforschung. Das könnte zum Beispiel dann passieren, wenn sich in Folge des Zettelskandals Insider zu Wort melden und neue Missstände anprangern. Oder wenn NGOs Bildmaterial aus den Zulieferbetrieben verbreiten und glaubwürdig behaupten, dass es Primark mit der Aufklärung der Vorwürfe nicht ernst ist. Gelänge es, auf diese Weise die öffentliche Empörung zu schüren, könnte Primark empfindliche Verluste erleiden.

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