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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Preise Die Inflationserwartungen nehmen zu

 ·  Die Rezession schwächt den Preisdruck ab. Wird die EZB gegensteuern? Der vierteljährliche Preisbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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© F.A.Z. Verbraucherpreise, Rohölpreise sowie Geld- und Kreditwachstum

In der Bevölkerung sind Inflationssorgen ein tägliches Gesprächsthema. Die Fachwelt ist gespalten. Einige Ökonomen argumentieren, es gebe wenig Kostendruck angesichts der sich verschärfenden Rezession in weiten Teilen Europas, die mit gering ausgelasteten Kapazitäten und steigender Arbeitslosigkeit - mehr als 18 Millionen Menschen im Euroraum - einhergeht. Die Löhne steigen nur langsam, in einigen Ländern sinken sie real. Auch die Preise für Vorprodukte steigen nur langsam. „Die Gefahr eines nachhaltigen stärkeren Preisauftriebs bleibt somit vorerst gering“, meint Ulrike Rondorf, Analystin bei der Commerzbank. Derzeit halten die Energiepreise die Teuerung zwar noch auf hohem Niveau. Die schwache wirtschaftliche Entwicklung spricht nach Ansicht vieler Fachleute aber für eine sinkende Teuerungsrate. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sei zwar expansiv; es werde viel Liquidität vor allem in den Bankensektor gegeben. Doch das Geld komme nicht in der Realwirtschaft an. Daher bestehe auch hier keine Gefahr.

Andere Ökonomen bezweifeln, das die Zentralbanken die Massen an billigem Geld rechtzeitig wieder aus den Märkten ziehen werde, wenn der Geldschöpfungsmultiplikator wieder anspringe, so dass sich längerfristig doch erhebliches Inflationspotential aufbaue. Die Wirtschaftsforschungsinstitute haben in ihrem Herbstgutachten die EZB-Anleihekäufe kritisiert. Sowohl in Verbraucherumfragen der EU als auch an den Finanzmärkten sind die Inflationserwartungen gestiegen.

Deutschland liegt im Euroraum-Vergleich noch im unteren Drittel

Nach der jüngsten Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) unter Finanzmarktexperten ist der Anteil derer, die im nächsten halben Jahr steigende Inflationsraten in Deutschland erwarten, im September um mehr als 10 Punkte auf 34 Prozent gestiegen, während nur noch 15 Prozent von einer sinkenden Inflation ausgehen. „Teilweise könnte für die gestiegenen Inflationserwartungen ein gewisses Unbehagen über die EZB-Ankündigung, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen der Peripherieländer zu kaufen, verantwortlich sein“, sagt Rondorf. Längerfristig sieht auch sie durchaus beträchtliche Inflationsrisiken.

Deutschland liegt mit einer Teuerungsrate von 2,0 Prozent im Euroraum-Vergleich noch im unteren Drittel. Im Durchschnitt der Eurozone stieg die Teuerung im September von 2,6 auf 2,7 Prozent. Hauptgrund dafür waren die kräftig gestiegenen Preise für Energieprodukte, vor allem für Benzin, Diesel und Heizöl, die mit etwas Verzögerung dem Rohölpreis folgten. Das EU-Statistikamt Eurostat hat für die „Hauptkomponente Verkehr“ eine Teuerungsrate von 4,8 Prozent im Jahresvergleich errechnet. In Deutschland mussten Autofahrer Mitte September den Rekordpreis von mehr als 1,70 Euro je Liter Benzin zahlen; derzeit liegt er nur leicht darunter. Heizöl war gut 10 Prozent, Kraftstoffe 9 Prozent teurer als vor einem Jahr. Für Energie allgemein betrug der Preissprung immerhin 7 Prozent. Auch für Nahrungsmittel mussten die Verbraucher mehr ausgeben, im Durchschnitt knapp 3 Prozent. Obst wurde um fast 8 Prozent teurer, Fleisch und Gemüse um je 4 Prozent. Andere Rohstoffe, die für die Industrie wichtig sind, entwickelten sich auf den Weltmärkten uneinheitlich: Metalle wie Blei, Zinn und Kupfer sind um durchschnittlich 6 Prozent teurer als vor einem Jahr, Eisenerz ist wegen der nachlassenden Weltkonjunktur günstiger.

Der Preisanstieg für Energie und Nahrungsmittel war nicht der einzige Grund für den um 2,7 Prozent höheren Verbraucherpreisindex im Euroraum. Hinzu kamen in einzelnen Ländern Steuererhöhungen, beispielsweise in Spanien eine um 3 Prozentpunkte höhere Verbrauchssteuer. Die Teuerung in Spanien machte daher trotz der Rezession innerhalb von drei Monaten einen Sprung von 1,8 auf 3,5 Prozent. In den anderen Krisenländern ist der Preisdruck hingegen gering. Griechenland und Irland hatten in den vergangenen zwölf Monaten im Durchschnitt 1,8 Prozent Inflation. In Portugal oder Italien steigen die Preise trotz Rezession überdurchschnittlich, was aber zum Teil auch mit Steuererhöhungen zusammenhängt.

Vor dem Hintergrund der schwachen Wirtschaftsentwicklung erwartet die EZB eine sinkende Teuerung. In diesem Jahr werde die Inflationsrate durchschnittlich wohl 2,4 bis 2,6 Prozent betragen, schreibt die EZB. Im kommenden Jahr werde sie im Durchschnitt zwischen 1,3 und 2,5 Prozent liegen, schätzen die Zentralbank-Ökonomen. Seit nunmehr 22 Monaten liegt die Teuerung im Euroraum über dem Ziel von knapp unter 2 Prozent. EZB-Präsident Mario Draghi hatte im Frühjahr und im Sommer noch die Hoffnung geäußert, dass die Inflation schon bis Ende 2012 oder spätestens Anfang 2013 unter 2 Prozent sinken werde. Inzwischen heißt die offizielle Sprachregelung, „im Verlauf des kommenden Jahres“ werde diese Marke unterschritten, welche die EZB als Preisstabilität definiert.

Von der monetären Seite ist derzeit noch kein Preisdruck zu befürchten. Zwar hat die EZB ihre Bilanz seit Ausbruch der Krise auf gut 3 Billionen Euro ausgeweitet, wodurch sich die Zentralbank-Geldmenge fast verdreifacht hat. Das viele billige Geld bleibt aber bei den Banken, die es zum Teil gleich wieder bei der EZB parken, und erreicht somit die Realwirtschaft nicht. Die Geldmenge M3 wuchs zwar wieder kräftiger und lag im Juli um fast 3 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Hauptgrund dafür waren aber Verschiebungen innerhalb der Portfolios von Finanzinvestoren, die geldnähere Anlagen bevorzugten. In der Realwirtschaft macht sich der monetäre Impuls der Zentralbank noch nicht bemerkbar. Das Kreditwachstum war vor allem wegen der Rezession und zum Teil auch aufgrund von Kreditklemmen in Südeuropa sehr schwach und schrumpfte im Jahresvergleich sogar leicht.

Nicht wenige Volkswirte erwarten, dass die EZB angesichts der sich verschlechternden Wirtschaftsstimmung im Euroraum den Leitzins noch in diesem Jahr senken wird, nachdem sie diesen zuletzt im Juli von 1 auf 0,75 Prozent verringert hatte. Eine knappe Mehrheit der Bankvolkswirte rechnet für Dezember mit einer Senkung auf 0,5 Prozent. „Eine letzte Zinssenkung wäre aber so etwas wie die letzte Kugel der EZB“, meint ING-Diba-Ökonom Carsten Brzeski. Die letzte Munition zu verschießen könnte auch als Ausdruck von Verzweiflung angesehen werden. Auf der EZB-Ratssitzung Anfang Oktober, hatte Draghi berichtet, sei über eine Zinssenkung noch nicht einmal diskutiert worden. Der Inflationsanstieg habe ihn überrascht. Zugleich hat er die Abwärtsrisiken betont - und damit die Tür für eine Zinssenkung offengehalten.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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