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Prediger im Porträt Huber zwischen Kirche und Kapital

 ·  Wolfgang Huber hat nicht mit fliegenden Fahnen das Lager gewechselt. Aber der ehemalige EKD-Ratspräsident hat ein neues Geschäftsmodell: Er bringt den Managern Moral bei. Das Thema hat Konjunktur.

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Den ersten Kontakt zur Welt des Finanzkapitalismus hatte Kirchenmann Wolfgang Huber als Aktionär von Volkswagen. Seinen ersten Lohn, verdient als Schichtarbeiter in einer Nylon-Fabrik, hat er einst in VW-Aktien angelegt. Die Papiere hat er bald wieder abgestoßen. "Ich brauchte das Geld", sagt Huber, drei Kinder wollten damals von dem jungen Familienvater versorgt werden.

Man möge dies nicht als Protest gegen VW, gegen die Automobilindustrie oder sonst wen verstehen, fügt er an, denn er weiß: Das Verhältnis zwischen Kirchenmann und Kapital ist bisweilen erklärungsbedürftig, gerade die Beziehung zwischen Protestantismus und Unternehmertum ist in Deutschland von Spannungen durchzogen. Das hat Huber vielfach erlebt; mal in die eine, mal in die andere Richtung.

Als er Josef Ackermann in der Finanzkrise vor einem "Tanz ums Goldene Kalb" warnte, gab es Applaus von links, Huber fühlte sich missverstanden und hat dem Deutsche-Bank-Chef einen entschuldigenden Brief geschrieben (Deutsche Bank weist Bischof-Kritik zurück). Mit einer Denkschrift wiederum, die wirtschaftlichen Erfolg als Segen Gottes pries, provozierte er den großen kapitalismuskritischen Teil der Kirche.

Er kuschle mit den Kapitalisten, mache sich zum "Anwalt eines neoliberalen Systems", wurde Huber vorgehalten, er rede im Tonfall eines "antiquierten Feudalismus". Zurückgenommen hat der Bischof nichts. Die maßgeblichen Gremien der Evangelischen Kirche (EKD) haben den Text schließlich akzeptiert. Darauf ist der langjährige Präsident des Rates der EKD stolz.

Zu jung, zu agil, zu eitel für den Müßiggang

Arbeitsrechtlich ist Huber seit ein paar Monaten im Ruhestand. Von einem Forschungsaufenthalt in Südafrika ist er nun zurück im Land und hat ein Problem: Wolfgang Huber ist mit seinen 67 Jahren zu jung, zu agil, vielleicht auch zu eitel, um sich dem Müßiggang hinzugeben oder sich ausschließlich den beiden Enkeln zu widmen.

Der Mann, der schon im aktiven Dienst auf Tuchfühlung zu Managern gegangen war, braucht das, was man in Unternehmen ein neues Geschäftsmodell nennt. Eine Aufgabe, die ihn fordert, die ihm auch Gehör verschafft. "Ich werde mich künftig häufiger zu ethischen Fragen zu Wort melden", kündigt er deshalb an.

Bildungsgerechtigkeit ist schon länger sein Thema, auch die Bioethik, jetzt stürzt er sich verstärkt auf die Wirtschaftsethik. Das Management ist verunsichert, die Nachfrage nach Moral ist da. Das Thema hat Konjunktur. Wolfgang Huber wird von seiner Agentur eifrig gebucht.

So wird er im Laufe des Jahres vor diversen Managern sprechen, vor Wissenschaftlern, auf Firmentagungen wie Business-Schulen. Teils kennt man ihn dort von früheren Auftritten, nur verlangt er jetzt auch ein Honorar. "Als Bischof habe ich 16 Jahre lang unentgeltlich Vorträge gehalten, das gehört sich so."

Natürlich wird aus einem Bischof über Nacht kein Profit-Center. Voller Abscheu weist der Theologieprofessor den Gedanken zurück, sich als Marke zu inszenieren, oder seine Thesen gar zielgruppengerecht zu fertigen. "Abwegig", sagt er knapp, verweist zudem auf seine zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten, etwa für den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde und deren Turm SED-Herrscher Walter Ulbricht 1968 abreißen ließ.

Anfang der 90er Jahre war Huber zum Bischof von Berlin-Brandenburg gewählt worden (dewegen hat er auf die damals erwogene Bundestagskandidatur für die SPD verzichtet). Dort galt es zunächst, die doppelten Strukturen Ost und West zurechtzustutzen: "Wir hatten im Verwaltungsbereich dreimal mehr Mitarbeiter, als wir bezahlen konnten. Ich habe mich nicht weggeduckt, habe den Stellenabbau nicht den Juristen allein überlassen."

Neue Finanzquellen für die Kirche müssen her

Und da die Kirchensteuer weiter sinkt, wird sich die Kirche daran gewöhnen müssen, mit noch weniger Geld auszukommen. Neue Finanzquellen müssen her, auch Sponsoren aus der Wirtschaft, sagt Huber in einem Restaurant am Frankfurter Opernplatz, bei Wasser und Espresso. Während er zum Thema Gier und Götzendienst wechselt, treten immer mal wieder anzugtragende Männer vor die Tür, nuscheln etwas von Aktienkursen in ihr Handy. Verabredet ist der Bischof mit einem gewissen Herrn Zuschke, den Kirchentagsbesucher als Heuschrecke titulieren würden. Stefan Zuschke ist Deutschland-Chef von BC Partners und bester Laune, da er eben den Chemikalienhändler Brenntag erfolgreich, also mit Profit, aufs Börsenpakett geführt hat.

Der intelektuelle Kirchenmann fremdelt nicht im Geringsten mit dem Finanzprofi. "Ein Freund von mir ist auch Private-Equity-Investor", sagt Huber, und dass er es zum Teil ungerecht fände, wie mit der Profession umgesprungen werde: "Mein Freund hat mehrere Firmen aufgefangen. Ohne ihn wären die pleite und die Arbeitspläze weg." Da nickt die Frau, die ihm bei der Medienarbeit hilft und auch Klienten aus dem Private-Equity-Gewerbe betreut.

Nicht mit fliegenden Fahnen das Lager gewechselt

Um an dieser Stelle keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Nein, Wolfgang Huber hat nicht mit fliegenden Fahnen das Lager gewechselt. Nein, er ist nicht zu den Chicago Boys übergetreten. Und er findet auch längst nicht alles prima, was die Wirtschaft so anstellt.

In der Suche nach den Ursachen für die Finanzkrise unterscheidet er sich kaum von dem, was sonst von Kirchenkanzeln oder in TV-Talkshows gepredigt wird: Die Verlockungen des schnellen Geldes, die Gier, haben die Welt demnach an den Abgrund getrieben. "Viele haben ihre Freiheit allein im Blick auf die eigenen, individuellen Interessen genutzt", schreibt Huber in seinem druckfrischen Buch.

"Wenn ihr umkehrt, wird euch geholfen werden. Anmerkungen zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise", heißt der Band, in dem er den Reformator Johannes Calvin zitiert: "Wir wollen von unserer Freiheit Gebrauch machen, wo sie zur Auferbauung des Nächsten dient; wenn es aber dem Nächsten nicht dient, so sollen wir auf sie verzichten."

Unternehmen müssten sich im globalen Wettbewerb behaupten, klar, das schon. "Aber niemand sage, der Markt könne ethische Verantwortung und eine ihr entsprechende langfristige Orientierung ersetzen."

Hohelied auf den „ehrbaren Kaufmann“

Wolfgang Huber stimmt ein in das Hohelied auf den "ehrbaren Kaufmann" und gibt ihm die biblischen Werte mit auf den Weg. Am hohen Lohn des Topmanagers hat der Theologe erst mal nichts auszusetzen. Ungleichheit entfalte durchaus eine wünschenswerte Dynamik, argumentiert Huber: "Die Frage ist, wann wird der Bogen überspannt? Ab welchem Grad gefährdet Ungleichheit den sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft? Darauf haben die Ökonomen keine Antwort."

In der Frage der Gehälter wird es seiner Ansicht nach dann brenzlig, wenn der Abstand den Niedrigverdienern in der Firma nicht mehr erklärt werden kann: "Das zerstört das Vertrauen der Menschen in die Wirtschaft."

Auch geißelt er die kurzfristigen Anreize im Finanzdistrikt, wobei er seine Kritik in einen weiteren Zusammenhang stellt: "Die Banker verlieren zuerst an Vertrauen, von dort springt der Zorn über auf die Soziale Marktwirtschaft, und dann fehlt nicht viel, dass die Demokratie angegriffen wird. Das ist ein gefährliches Gemisch." Erschreckt registriert er, wie sich intellektuelle Meinungsführer in Lateinamerika und Afrika "mit großem Nachdruck von der Marktwirtschaft abkehren. Die Zustimmung für dieses Wirtschaftssystem nimmt ab, das macht mir Sorgen."

Diese Vertrauenslücke will er schließen helfen, das ist sein Antrieb, da sich "in der sozialen Marktwirtschaft ursprünglich protestantische Werthaltungen verwirklichen", wie er es mal formuliert hat: "Das Streben nach Wohlstand und damit der Aufbau einer produktiven Wirtschaft unterliegen biblisch keiner Kritik - sie werden ausdrücklich gewürdigt. Es ist Gottes Auftrage an die Menschen, ihre Fähigkeiten in diesem Sinne unternehmerisch einzusetzen."

Früh schon hat Huber sich als EKD-Ratspräsident bemüht, das Verhältnis der evangelischen Kirche zu den wirtschaftlichen Eliten zu entkrampfen. "Manager in meinem Bekanntenkreis fragen mich oft: Warum werden wir von der Kanzel beschimpft?", erzählt er und freut sich über das Interesse an Glaubensfragen in seinen Workshops, gerade von jungen Führungskräften: "Für mehr Manager als gemeinhin gedacht ist der christliche Glaube ein klares Wertefundament."

Der Mensch

Wolfgang Huber wird am 12. August 1942 in Straßburg als jüngster von fünf Söhnen geboren. Der Großvater war in der Weimarer Republik Reichsgerichtspräsident, der Vater war der Jurist Ernst Rudolf Huber, Schüler Carl Schmitts und maßgeblicher Verfassungsrechtler der Nationalsozialisten. Wolfgang Huber studiert evangelische Theologie in Heidelberg, Göttingen und Tübingen. Nur kurz arbeitet er als Pfarrer in einer Gemeinde, ehe er eine Karriere als Hochschullehrer einschlägt. Nach Stationen in Marburg und Heidelberg wird er 1993 zum Bischof der Evangelischen Landeskirche von Berlin-Brandenburg gewählt. Darüber hinaus repräsentiert er sechs Jahre (2003 bis 2009) als Ratsvorsitzender die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Huber lebt mit seiner Frau in Berlin, die drei Kinder sind erwachsen.

Die Kirche

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist die Gemeinschaft von 22 lutherischen, unierten und reformierten Kirchen. 25 Millionen Menschen - etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland - sind Mitglied der evangelischen Kirche. Das Leitungsgremium ist der Rat der EKD. Dessen Vorsitzender war von 2003 bis 2009 Bischof Wolfgang Huber. Seine Nachfolgerin Margot Käßmann trat wegen ihrer Trunkenheitsfahrt nach wenigen Monaten zurück. Ihr folgte Ende Februar 2010 Nikolaus Schneider. Das gesetzgebende Gremium der EKD ist die Synode, die sich aus 120 Mitgliedern zusammensetzt. Erster Präses der Synode war Gustav Heinemann (1949-1955), jetzt übt die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt das Amt aus.

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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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