Herr Appel, mit welchem Gefühl fahren Sie dieses Jahr aus Davos nach Hause?
Mit dem Gefühl, dass das Schlimmste der Krise überstanden ist - diese Zuversicht höre ich aus vielen Gesprächen heraus.
Dummerweise, so spotten Davos-Veteranen, kommt es meist genau anders als von der Wirtschaftselite zu Anfang des Jahres in den Schweizer Bergen prognostiziert.
Meist tritt nicht ein, was die Majorität denkt - das deckt sich mit meiner Erfahrung. Insofern mag es Sie trösten, dass in Davos niemand jubelnd unterwegs ist. Es hat sich noch keine klare Mehrheit herausgebildet. Insofern bin ich zuversichtlich, dass wir 2012 ein vernünftiges Wirtschaftswachstum sehen, wenn auch kein Rekordjahr.
Für 2011 haben Sie ein sattes Gewinnplus eingefahren: Bestätigt das die Erzählungen vieler Vorstände, wonach sie die Krise nur aus dem Fernseher kennen?
In unseren Zahlen haben wir tatsächlich nichts von einer Krise gespürt. Vor einem halben Jahr wurden wir Manager noch als naiv und blauäugig hingestellt, wenn wir gesagt haben: So schlimm wird es nicht kommen. Wir haben nicht ganz falsch gelegen. Die deutschen Unternehmen strotzen vor Kraft, quer durch die Branchen, die Firmen haben gute Chancen, das wegzustecken, selbst wenn es zu einer Delle kommen sollte, was ich aber nicht glaube.
Ihr Wort zählt besonders, da die Post als Logistiker früher als andere spürt, wenn der Austausch mit Waren ins Stocken gerät.
Wir sind ein früher Indikator, das stimmt - aber keine Hellseher. Das Malheur sehen wir auch erst, wenn es passiert ist.
Wie stellt sich aus Ihrer Warte die Misere in Griechenland dar? Transportieren Sie noch Pakete dorthin?
Selbstverständlich, auch dort verdienen wir gutes Geld.
Die Rechnung wird auch bezahlt?
Mir sind keine Probleme einer nachlassenden Zahlungsmoral bekannt.
Die Deutschen hätten zu spät zu wenig getan für die Euro-Rettung, kritisierten in Davos Leute wie George Soros. Sitzen wir zu Recht auf der Anklagebank?
Nein, überhaupt nicht. Wir sollten uns auch nicht einreden lassen, dass es auch nur einen Grund gibt, uns dorthin zu setzen. Wir haben in Deutschland in den letzten Jahren vieles richtig gemacht. Und weil das so ist, haben wir auch das Recht, unser Position zu vertreten, uns dagegen zu wehren, wenn andere immer noch mehr Milliarden zur Linderung der Schuldenkrise verlangen. Selbst der britische Premier Cameron hat gesagt, dass es auf gesunde Staatshaushalte und eine bessere Wettbewerbsfähigkeit ankommt.
Als die Bundeskanzlerin auf dem Weltwirtschaftsforum empfahl, den Besten nachzueifern, empörte das manche Angelsachsen: Deutschland spiele sich als Lehrmeister auf, war der Vorwurf.
Auch wenn uns das von manchen unterstellt wird - weder die Bundesregierung noch deutsche Manager machen anderen Vorschriften. Nur, was ist falsch daran, auf die eigenen Erfolge in den letzten zehn Jahren zu verweisen? Wir standen ja nicht immer so glänzend da.
Täuscht der Eindruck, dass die Kanzlerin für ihren Einsatz in der Euro-Krise im Urteil der Manager gewonnen hat?
Ich kann nur für mich sprechen, und da sehe ich, dass Frau Merkel richtige Punkte vertritt. Ich unterstütze es sehr, wenn sie sagt: Wir brauchen eine Schuldenbremse. Ich unterstütze es sehr, wenn sie sagt: Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit weitersteigern. Und ich glaube wie sie, dass wir eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte brauchen.
Was genau meinen Sie, wenn Sie einen „ausufernden Finanzkapitalismus“ angreifen?
Ich spreche von einer Form des Finanzkapitalismus, der keinen Nutzen für den Kunden generiert, denn der entzieht der sozialen Marktwirtschaft das Fundament: Einige wenige kassieren exorbitante Gehälter, vom Rest wird Lohnzurückhaltung verlangt. Geld ist ein Mittel, um Geschäfte zu ermöglichen, Geld ist kein Wert an sich, sondern ein Tauschmittel.
Spricht aus solcher Kritik der Neid der Industriemanager auf die Gehälter im Finanzdistrikt?
Ach was, ich verdiene sehr gut und definiere mich nicht über mein Auto oder die Größe des Hauses, sondern über den Wertbeitrag, den ich versuche für das Unternehmen zu leisten - für Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre.
Verdienen Banker zu viel?
Das ist mir zu pauschal. Natürlich kenne ich viele honorige Banker, die ihr Geld wert sind. Nur wer keinen Mehrwert generiert, der sollte auch nicht exzessiv bezahlt werden.
Sie sind jüngst mit dem Vorschlag aufgefallen, Spitzenverdiener höher zu besteuern. Warum wollen Sie dem Staat noch mehr Geld geben?
Weil wir einen Weg finden müssen, um von den Altlasten, den Schulden des Staates, runterzukommen: Wer kann das zahlen? Doch nicht der einfache Mann auf der Straße, sondern wir Besserverdiener. Viele Spitzenverdiener wie ich haben nichts dagegen, einige Prozentpunkte mehr Steuern oder eine Vermögensabgabe zu zahlen, wenn wir sicher sein können, dass damit die Schulden auf ein Maß gesenkt werden, das unsere Kinder in 30 Jahren tragen können.
Kennen Sie noch mehr Topmanager, die höhere Steuern verlangen?
Ich denke, ein nicht unwesentlicher Teil der Wirtschaftselite teilt meine Ansicht. Wenn garantiert ist, dass der Staat mit den Mehreinnahmen sich keine neuen Wohltaten oder Transferleistungen ausdenkt, sagen diese Leute: Ja, wir Besserverdiener wollen höhere Steuern zahlen. So haben mir einige nach meinem Vorschlag geschrieben.
Sind Sie sicher, dass die Briefschreiber keine Genossen von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine waren?
Da haben sich Manager und wohlhabende Leute gemeldet. Denn was nützt der Reichtum, wenn wir keine Freiheit und Sicherheit haben? Wir leben in einem tollen Land mit hoher sozialer Gerechtigkeit - das möchte ich erhalten. Als Spitzenverdiener habe ich nichts davon, wenn ich mich hinter hohen Zäunen verstecken muss und die Kinder sich nicht frei bewegen können.
Spielt für die Argumentation auch eine Rolle, dass Sie den Staat noch immer als Großaktionär haben? Muss man dann als Manager linkere Thesen vertreten?
Gar nicht. Außerdem ist das keine linke, sondern eine freiheitliche, demokratische Position, wenn ich sage: Die Leute mit breiteren Schultern müssen mehr beitragen. Ich rede nicht als Parteipolitiker, sondern als ein Manager, der für 470000 Menschen Verantwortung trägt und einen guten Einblick hat, wie es auf der Welt so zugeht. Ich erlaube mir zu sagen, was ich denke, auch weil wir vor der eigenen Tür gekehrt haben und wir jetzt die Früchte harter Arbeit ernten.
Erst mal holt Sie die Vergangenheit ein: Brüssel hat Ihnen mehr als 500 Millionen Euro Strafe auferlegt, weil der Staat für die Pension ehemaliger Post-Bediensteter aufkommt - laut EU ein Fall unstatthafter Beihilfe.
Ich kann nicht nachvollziehen, auf welcher Basis die EU-Kommission zu dieser Entscheidung gekommen ist. Anderswo werden staatliche Regelungen für die Pensionen ehemals staatlicher Post-Konzerne genehmigt, bei uns werden sie beanstandet. Das ist mehr als erstaunlich und nicht hinzunehmen.
Sie werden dagegen vor Gericht ziehen?
In jedem Fall. Wir werden nicht gleich behandelt wie andere - deswegen werden wir das einklagen. Und ich bin überzeugt, dass ein Gericht genau das feststellen wird.
Ein Prozess wird aber Jahre dauern, erst mal müssen Sie zahlen.
Zunächst muss festgelegt werden, um wie viel genau es geht: um 500 Millionen oder um das Doppelte? Wir sehen den Betrag eher am unteren Ende der Spanne. Wichtig ist aber: Allein diese Spanne in der EU-Entscheidung signalisiert die erhebliche Unsicherheit in Brüssel. So oder so: Unsere Ertragskraft wird dadurch nicht geschmälert und unsere Dividendenpolitik nicht geändert.
Und was geschieht, wenn all Ihr in Davos getankter Optimismus trügt und der Euro zerfällt? Haben Sie einen Plan B?
Wir sitzen nicht mit Tabellen da und rechnen, wenn Sie das meinen. Gleichwohl sind wir gewappnet für Unsicherheiten: So achten wir permanent auf die Kosten, haben aus der letzten Krise ein Bündel von Maßnahmen in der Schublade, die wir im Notfall reaktivieren können. Prinzipiell glaube ich aber nicht an die Heilkraft von Szenarien: Man schüttet sich Sand in die Augen, da man die Zukunft nicht vorhersagen kann. Wichtig ist es, gute Leute im Team zu haben, die jede Herausforderung mutig annehmen - das ist bei uns der Fall, deswegen ist mir nicht bange. Egal was auch passiert: Die Deutsche Post DHL wird gestärkt daraus hervorgehen.
Das Gespräch führte Georg Meck.
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