02.11.2006 · Die Deutschen zieht es wieder vor den offenen Kamin. Davon profitiert Karl-Heinz Kago, ein Maurer im fränkischen Postbauer-Heng, der es mit Bauernschläue zum Millionär gebracht hat.
Von Thiemo HeegAuf Deutschlands Autobahnraststätten entkommt ihm keiner. Wen ein dringendes Bedürfnis ereilt, den hat Karl-Heinz Kago am Wickel. Im zugigen Toilettenambiente bewirbt der nach eigenem Bekunden „bekannteste Ofenbauer Deutschlands“ seine Produkte wie den Front-Heizkamin „Viechtach“ oder das Modell „Palermo“. „Man muß draufschauen, zwangsweise“, sagt Kago, begeistert von seiner Reklameidee.
Im Internet treffen sich in Verbraucherforen die „Kago-Geschädigten“, um sich über ihre Probleme auszutauschen. Im Fernsehen sind die Verkaufspraktiken des Unternehmens regelmäßig und publikumswirksam ein Thema. Zuletzt klagte am vergangenen Dienstag der Thüringer Rentner Walter Auerbach-Gottschall in der ARD sein Leid: „Das Schlimme und Schreckliche ist, daß Kago nicht zurückschreckt vor einem älteren Ehepaar, die schon ihre Tage zählen. Das ist doch die reine Gier nach Geld.“
Ein Unternehmergenie? Ein Abzocker? Ein Aufschneider?
Postbauer-Heng, eine knappe halbe Autostunde östlich von Nürnberg. Das Dorf ist kaum ausgeschildert, der Firmensitz im Ort aber kaum zu verfehlen. Heftig verschnörkelte Gitter mit reichem Blattgoldversatz weisen den Weg. Die Möbel im Besprechungsraum in der vierstöckigen Konzernzentrale atmen französische Historie. Hier das Gemälde eines Generals, dort ein Philosoph. Wer abgebildet ist, weiß der Hausherr nicht, dafür weiß er ziemlich genau: „Dieser Maler steht gut im Katalog.“
Wer ist dieser Karl-Heinz Kago? Ein Unternehmergenie? Ein Abzocker? Ein Aufschneider? Fakt ist: In Amerika würde der 64jährige als Tellerwäscherkarrierist erster Güte durchgehen. Er besuchte nie eine höhere Schule, geschweige denn eine Universität. Er wuchs bei der Großmutter in Stendal auf, die Mutter starb früh.
Ein Maurer, der Promovierte einstellt
„Ich bin von Beruf Fabrikschornsteinmaurer“, sagt er. Es klingt, als sei das viel mehr wert als alle Uni-Diplome. Sein Mitarbeiter in der Entwicklungsabteilung, der derzeit Ofenfilter erforscht, den nennt er nicht beim Namen, das ist für ihn „unser Diplomingenieur und Dr. Dr.“ Ein Maurer, der Promovierte einstellt! Die freudigen Gesichtszüge verraten, wie gerne Kago solche Gedanken formulieren würde. Er verkneift es sich.
Franz Josef Strauß war einst auf der Suche nach einem „Ostzonenflüchtling“, der im bayerischen Westen Karriere gemacht hat - und seine Mitarbeiter dienten ihm prompt Karl-Heinz Kago an. Ende der sechziger Jahre mauerte der später von Strauß Beehrte im Osten noch bis zu 250 Meter hohe Fabrikschlote. Eines Tages lag die ersehnte dichte Nebeldecke über der Republik. Die Gelegenheit, die ungeliebte DDR zu verlassen. Man müsse nur wissen, wo die Tretminen liegen, kokettiert Kago heute.
„Wer rastet, der rostet“
Im Westen verdingte er sich zunächst wieder als Maurer. Die Aufstiegschance kam in Form eines Inserats, in dem ein Kaminbauer mit dem Spruch warb: „Wer mehr bezahlt, ist selber schuld.“ Kago wiederholt den Satz, als sei er ein wertvolles Kleinod. „Wer mehr bezahlt, ist selber schuld. Das fand ich als einfacher Maurer einen tollen Werbespruch.“ Kago liebt das. Gesprächspartner müssen stets mit Erkenntnissen und Lebensweisheiten rechnen wie: „Stillstand heißt Rückschritt.“ Oder: „Wer rastet, der rostet.“
Aus dem einfachen Maurer wird ein Kaminvertreter. Bald hat Kago seine ersten zwei Kamine verkauft. Der Lohn: eine kleine Provision. Heute baut er selbst Öfen und Kamine - 250 000 Stück seit der Firmengründung 1972. Von einem Mitarbeiter stieg die Belegschaft auf 2200. Und im vergangenen Jahr hat Kago nach eigenen Angaben den Umsatz über die 100-Millionen-Euro-Marke gehievt.
Am liebsten in weiß oder Edelstahl
Die Branche boomt heftiger denn je. Warum, das erklärt ein Kago-Spruch: „Öl und Gas ist teuer, deshalb ein Kago-Feuer.“ Die heftigen Preissteigerungen haben bei den Konsumenten in den vergangenen Monaten die Liebe zum billigen Brennstoff Holz entfacht.
Und es ist nicht nur das. Öfen sind wieder gefragt bei Menschen, die das früher nur spießig fanden. Statt auf traditionell rustikal setzen vor allem junge Leute auf die klare einfache Linie, am liebsten in weiß oder Edelstahl.
Expansion gehört zum Stil des Hauses
Verkaufte er früher im Schnitt 10.000 bis 15.000 Stück pro Jahr, sollen es in diesem Jahr 33.000 Stück sein. „Expansion“ gehöre zum Stil seines Hauses, sagt Kago, und deshalb verkauft er seit neuestem nicht nur die Brennstätten, sondern liefert auf Wunsch gleich noch das Brenngut mit. Industriell getrocknetes Holz, konsumentengerecht verpackt im Karton; Kago will das als „Treibstoff für den Ofen“ vermarkten und so die Wertschöpfungskette ausweiten.
In der Region gehört Kago inzwischen zu den drei größten Arbeitgebern. In Postbauer-Heng weiß man, was man an Kago hat - sagt Kago. Ständig werde er gebeten, etwas für andere zu tun: „Das ist auf dem Land sehr üblich.“
Gratis schwimmen in Postbauer-Heng
Und Kago liefert. Im Ortszentrum hat er den Marktplatz so gestalten lassen (72 Häuser in Postbauer gehören ihm), daß das 7400-Seelen-Dorf jetzt nicht mehr mit dem schnöden Titel Gemeinde zufriedengeben muß, sondern sich endlich „Markt“ nennen darf.
Und dann das Schwimmbad. „Das einzige in der gesamten Region, welches kostenlos ist.“ Man stelle sich vor: Gratis-Eintritt, wo andere klamme Kommunen ihre Badeanstalten dichtmachen! Kago hat einen ordentlichen Betrag für die fällige Sanierung springen lassen. Herausgekommen ist ein Bad „vom Feinsten, kostenlos, das glaubt kein Mensch“. Als Ausgleich wenigstens ein Werbeband rund ums Bad? „Nein, darauf hab' ich verzichtet, hier brauch' ich keine Werbung, hier kennt mich ja jeder.“
Das kleinste Pferd und der größte Kachelofen
Es sind nicht nur die großen Firmenerfolge in jüngster Zeit, die dafür sorgen, daß er im Gedächtnis bleibt. Das zuständige Lokalblatt weiß über die „gute Bilanz“ hinaus in launigen Artikeln von ungewöhnlichen Hobbys zu berichten. Unter anderem besitzt er einen Tierpark mit 230 Tieren, in dem auch 16 Mini-Pferde beheimatet sind (mit dem kleinsten weltweit hat er es in das Guinness-Buch der Rekorde geschafft, ebenso mit dem größten Kachelofen weltweit).
Mit einem Vierer- oder Sechserzug geht Kago regelmäßig auf Ausfahrt. Auf einer Gefällstrecke passierte es: Die Handbremse versagte den Dienst, die Kutsche trennte sich von den Zugtieren, und Kago landete im Wald. Die treuen Pferde blieben unverletzt und liefen schnurstracks nach Hause: „Es wurde beobachtet, daß sie auf der B8 vorschriftsmäßig die Linksabbiegerspur benutzten“, berichtete Kago der Zeitung.
„Große Klappe“
Es sind solche Geschichten, mit denen Kago sein bodenständiges Image pflegt. Soll heißen: Das ist einer von uns (obwohl ein „Zugereister“). Dazu kommt: Einer, der es geschafft hat. CSU-Bürgermeister Hans Bradl, seit 35 Jahren an der Spitze der Gemeinde, steht zu seinem Unternehmer: „Wer neidisch ist, soll selbst ein Werk aufmachen“, sagte er, als Kago im vergangenen Jahr sein Kaminholzwerk einweihte.
Je erfolgreicher er wird, desto mehr muß sich der „Vorzeigeunternehmer“ mit seinen Feinden herumschlagen. Es sind nicht wenige. Im Ort ärgert man sich, mit welchem Eifer der passionierte Jäger seine Pacht in der Nähe markieren ließ. „Jagdrevier Kago“ steht großspurig auf zahlreichen Schildern mit weißblauem Rautengrund. Eine Anmaßung, sagen die lokalen Gegner, haben die Bayern doch per Gesetz grundsätzlich freien Zugang zu Wäldern, Fluren und Seen. Konkurrenten sagen, wenn sie ihn beschreiben sollen, nur: „Große Klappe.“
Vorwurf der Bauernfängerei
Und seit geraumer Zeit machen nun auch noch bundesweit Kunden mobil, die sich übervorteilt sehen. Kagos Mitarbeitern in den 80 Ausstellungsräumen wird Bauernfängerei unterstellt. Unverbindliche Kostenvoranschläge entpuppten sich plötzlich zu Hause als verbindliche Aufträge, Kunden würden durch den Psychodruck der Verkäufer zu Unterschriften genötigt, heißt es. Und am Ende dränge Kago stets darauf: Unterschrieben ist unterschrieben.
Ja, sagt Kago im Ofen-Ausstellungsraum in Postbauer-Heng: Einige Kunden würden sich einfach übernehmen und könnten dann nicht zahlen. Das sei schon traurig.
„Es wird mit harten Bandagen gekämpft“
Aber am Ende müsse er 35.000 Aufträge pro Jahr beschaffen, um alle Leute beschäftigen zu können. „Da geht es manchmal etwas hemdsärmelig zu, es wird mit harten Bandagen gekämpft.“
Und im Zweifel ist Kago das eigene Unternehmen wichtiger als alles andere. Zuviel hat er im Lauf der Jahre reingesteckt. Zuviel gibt es zu verlieren. Denn eins ist gewiß: Der gelernte Maurer will als Gewinner in den Köpfen der Nachwelt bleiben und nicht als Verlierer.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.387,69 | +0,79% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2537 | −0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 106,91 $ | −0,33% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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