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Christian Lindner : Der Spieler

Ein Mann an der Spitze - und dahinter lange nichts: Bei der FDP macht Christian Lindner alles allein. Bild: Edgar Schoepal

Christian Lindner ist Chef einer Ein-Mann-Partei, genannt FDP. Dem Ziel, zurück in den Bundestag zu kommen, ordnet er alles unter. 2016 wird ein entscheidendes Jahr.

          Christian Lindner ist ein guter Verkäufer. Ganz stolz zeigt er die Visitenkarten, die er eingesammelt hat an diesem Abend im „Haus der Unternehmer“ im Süden Duisburgs. Vor Hunderten Wirtschaftsleuten hat er gerade geredet, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisiert und ein Lob des ehrbaren Kapitalisten gesungen. Viel Applaus bekam er dafür. Die Wirtschaftsleute, deren Namen auf den Visitenkarten stehen, wollen jetzt etwas ganz Ungewöhnliches tun. Etwas, das noch vor zwei Jahren unvorstellbar schien. Sie wollen der FDP beitreten.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zum Beispiel Gerald Schiffmann. Mit seiner randlosen Brille sieht der 47-Jährige fast so jungenhaft aus wie der elf Jahre jüngere FDP-Chef. Mit seiner Firma betreut er die IT-Netzwerke großer Unternehmen. Als Lindner zu ihm an den Stehtisch kommt, überfällt er ihn mit seinen Komplimenten. „Brillant“ habe er den Vortrag gefunden, inhaltlich und rhetorisch. Der FDP-Chef nutzt die Gunst des Augenblicks. „Und, wann treten Sie ein?“, fragt Lindner zurück. Noch am Abend, aus dem Dienstwagen, schickt ihm der Parteivorsitzende höchstpersönlich den Beitrittsantrag.

          Nicht einfach nur als Parteichef amtiert Christian Lindner, er macht in der FDP alles selbst. Unter ihm sind die „Freien Demokraten“, wie die Liberalen nach seinem Willen jetzt heißen, zu einer Ein-Mann-Partei geworden. Er leitet die wichtigste Landtagsfraktion, in Nordrhein-Westfalen. Er kümmert sich um alle Wahlkämpfe, reist tapfer durch Kleinstädte, wirbt neue Mitglieder. Und er sitzt in den Talkshows – sofern die außerparlamentarische FDP überhaupt eingeladen wird. Es ist schwieriger, mit ihm einen Termin zu vereinbaren als mit manchem Bundesminister. Dahinter steckt keine Show. Er hat wirklich keine Zeit.

          Lindner spielt ein großes Spiel. Es endet im September 2017, das sind noch gut anderthalb Jahre. Dann will er die FDP in den Bundestag zurückführen, nach vier Jahren Pause, die Landtagswahlen im kommenden Jahr sind eine wichtige Runde. Es ist eine der riskantesten Partien, die es in der politischen Geschichte der Bundesrepublik gegeben hat. Dem Sieg ordnet Lindner alles unter. Sorgfältig plant er jeden Zug und versucht, die Dinge unter Kontrolle zu behalten, bis in die Details.

          Lindner setzte auf volles Risiko

          Die FDP ist jetzt seine Partei. Er hätte den Vorsitz schon haben können, als Guido Westerwelle stürzte. Aber damals war für ihn nichts zu gewinnen. Er setzte auf volles Risiko, trat als Generalsekretär zurück und schaffte das Comeback über Nordrhein-Westfalen. Seit die Partei am Boden lag, nach dem Wahldebakel von 2013, gehört sie ihm ganz. Jetzt geht es um alles oder nichts.

          Inzwischen hat er die FDP wieder zu einer Wirtschaftspartei gemacht. Das war nicht selbstverständlich, als er nach der verlorenen Bundestagswahl vor zwei Jahren die zerrüttete Partei übernahm. Viele rieten zu einer Rückbesinnung auf sozialliberale Wurzeln, auch Lindners eigenes Wort vom „mitfühlenden Liberalismus“ war so verstanden worden.

          Der neue Vorsitzende machte eine gründliche Marktanalyse, ließ sich von der Boston Consulting Group beraten. Das Ergebnis: Die FDP müsse einiges ändern, aber nicht ihre marktwirtschaftliche Programmatik. Das war genau die Lücke, die in Zeiten der großen Koalition offen blieb – auch wenn Lindner gern sagt, es gehe ihm nicht um Unternehmer, sondern um Leute mit Unternehmergeist.

          Er tritt jetzt etwas bodenständiger auf

          Die Wirtschaftsverbände, die sich von der siechen FDP zunächst abgewandt hatten wie von einem ansteckenden Kranken, spürten bald den Verlust. Namhafte Unternehmer sind der Partei beigetreten, der frühere BASF-Chef Jürgen Hambrecht etwa, der Sägenproduzent Hans Peter Stihl oder der Chef des Orthopädiekonzerns Otto Bock.

          Als Redner wird Lindner wieder eingeladen, nicht nur in Duisburg. Aber auch um die Kleinen kümmert er sich. Er tingelt zu den Handwerkskammern, redet auf Freisprechungsfeiern vor Gesellen. Er tritt jetzt auch etwas bodenständiger auf. Die Krawatten sind nicht mehr ganz so schmal, die Anzüge nicht mehr ganz so eng wie früher. Auch die Haare sind etwas voller, seit er die Geheimratsecken wegtransplantieren ließ.

          Unter gewöhnlichen Umständen hätte Lindner die Zeit bis zur Bundestagswahl bestreiten können mit der Kritik an der Rente mit 67 oder dem Mindestlohn. Aber dann kamen die Flüchtlinge. Lindner hat eine Weile gebraucht, um sich an eine Sprachregelung heranzutasten. Im August und September forderte er in ersten Debattenbeiträgen wahlweise „mehr Mut und Pragmatismus“ oder „bessere und schnellere Integration“. Erst im Oktober steuerte er um. Mit seiner Landtagsfraktion entwarf er ein Konzept für „vorübergehenden humanitären Schutz statt Asyl“. Er enthielt vieles, was auch der konservative Flügel der CDU diskutiert: den Familiennachzug begrenzen, Anreize verringern.

          Scharfe Abgrenzung von der AfD

          Lindner registrierte, wie die Stimmung kippte. Der Bundeskanzlerin wirft er nun vor, sie habe Chaos angerichtet. Er sagt, vorsichtshalber mit den Worten des Bundespräsidenten: „Deutschlands Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt.“ Dafür bekommt er viel Applaus. Aber er formuliert die Kritik immer so, dass sich niemand dafür schämen muss.

          Von der AfD grenzt er sich scharf ab, beschimpft sie als „völkische Partei“. Den früheren Parteichef Bernd Lucke schließt er in dieses Urteil ein. Abtrünnige AfD-Mitglieder nimmt die FDP nur in Ausnahmefällen auf, dafür hat Lindner früh gesorgt. Die Botschaft ist klar: Wer Angela Merkels Flüchtlingspolitik ablehnt und sich bei seinen Geschäftspartnern trotzdem nicht verstecken will, der kann nur die FDP wählen.

          Genauso hält Lindner es mit dem anderen Großthema des zurückliegenden Jahres, dem dritten Hilfsprogramm für das bankrotte Griechenland. Er lehnt es ab, das kommt bei seinen Zuhörern gut an. Aber er bekennt sich zu Europa und zu den vorausgegangenen Hilfen für Länder wie Spanien oder Portugal, die ihre Volkswirtschaften reformiert haben. „Ich bin einer von denen, die mal Rettungspolitiker genannt worden sind“, sagt er. Er beschreibt, wie er als FDP-Generalsekretär vor fünf Jahren im Kanzleramt saß und die ersten Programme auf den Weg gebracht hat. Mit Lindners FDP darf man die Griechen kritisieren und trotzdem ein Freund des Euros sein.

          Häme und Verachtung sind weitgehend verschwunden

          Schon immer hielt Lindner die Dinge gern in der Schwebe. Er hat gelernt, dass ihn das als Projektionsfläche umso attraktiver macht. Er kann die Gängelung der Unternehmer durch Bürokratie und Steuern beklagen. Er kann mit dem Philosophen Adam Smith begründen, warum das Wesen einer freien Wirtschaft in der Kooperation liegt, nicht im ruinösen Wettbewerb.

          Er kann neuerdings auch nach einem starken Staat rufen, der Polizeibeamte einstellt und für bessere Bildung sorgt, Datenautobahnen baut und die großen Internetkonzerne überwacht. Er kritisiert am liebsten die Grünen und wohnte doch zu seinen Berliner Zeiten ohne Fremdeln in der Grünen-Hochburg Prenzlauer Berg.

          Er sagt dabei auch Sätze, die in der Sache so hart sind wie einst bei Guido Westerwelle. Aber sie klingen bei ihm viel weicher im Ton. In seinem großen Spiel geht es vor allem um Aufmerksamkeit. Er muss laut genug sein, um überhaupt gehört zu werden. Aber er darf nicht so laut werden, dass es an die alte FDP erinnert. Bis heute feilt er sorgfältig an seinen Formulierungen, die er anschließend so bringt, als seien sie ihm gerade eingefallen. Er kann fast jedes Publikum für sich einnehmen. Selbst Leute, die seine Partei nie wählen würden, hören ihm interessiert zu. Häme und Verachtung sind weitgehend verschwunden.

          Auf der Hut vor einem falschen Wort

          Für Lindner ist das schon ein Erfolg. Im vorigen Jahr hat die FDP den Wiedereinzug in die Landesparlamente von Hamburg und Bremen geschafft. Seither liegt sie in bundesweiten Umfragen bei knapp fünf Prozent, das ist viel im Vergleich zu der Zeit davor. Diese ersten Erfolge haben Lindner noch vorsichtiger gemacht. Er weiß, dass ihn jeder falsche Zug aus dem Spiel werfen kann, gerade jetzt, da er so kurz vor dem Ziel steht.

          Wachsam bleibt er auch an dem Abend in Duisburg. Er will nicht, dass bei dem Gespräch für dieses Porträt ein Aufnahmegerät mitläuft – selbst wenn wörtliche Zitate hinterher abgestimmt werden, wie es üblich ist. Er erschrickt, als der Reporter sagt, er werde am nächsten Morgen seinen Gastvortrag an der Bonner Universität besuchen. Er ist auf der Hut. In seiner Zeit als Generalsekretär unter Westerwelle hat er erlebt, was ein falsches Wort anrichten kann, die „Partei der Besserverdienenden“ etwa oder die „spätrömische Dekadenz“.

          Vielleicht spult er auch deshalb seine übliche Wahlkampfrede ab, als er anderentags vor den Studenten spricht. Es ist ein Mittwochmorgen um halb neun, im Hörsaal 1 der Bonner Universität. Das Thema lautet „Der Wiederaufstieg der FDP“, als handele es sich schon um eine historische Tatsache. Normalerweise hält zu dieser Stunde Frank Decker, ein bekannter Parteienforscher, seine Einführungsvorlesung. Diesmal hat er seinen prominenten Absolventen als Gastredner eingeladen. „Es ist für einen Professor immer eine Freude, wenn aus einem Studenten etwas geworden ist“, sagt Decker.

          Ein ungewöhnlicher Student

          In den Hörsaal sind mehrere hundert Studenten gekommen, überwiegend Erstsemester der Politikwissenschaft. Sie sind allesamt ziemlich jung, tragen Sweatshirt und Turnschuhe. Klassische FDP-Klientel sitzt hier nicht. Der Empfang ist gleichwohl freundlich interessiert. Nur eine einzelne Studentin fragt nach höheren Steuersätzen für Besserverdienende.

          Lindner kennt die Skepsis der meisten Studenten. Die Daumen drücken sollen sie ihm dennoch. „Selbst wenn man unsere Grundauffassung nicht teilt: Damit es wieder spannend wird“, sagt er. Die Studenten lachen. Die meisten teilen Lindners Meinung nicht, witzig finden sie ihn trotzdem. Auch als er am alten Overheadprojektor rüttelt, der prompt bedenklich wackelt. „Das ist noch wie zu meinen Zeiten“, lästert er.

          Lindner war ein ungewöhnlicher Student, als er zum ersten Mal in dem holzvertäfelten Hörsaal saß und im philosophischen Nebenfach die „Einführung in die Aussagenlogik“ belegte. Mit 16 Jahren trat er der FDP bei, mit 19 Jahren wurde er von Jürgen Möllemann in den nordrhein-westfälischen Landesvorstand geholt. Als wenig später der Wiedereinzug in den Düsseldorfer Landtag glückte, war Lindner mit gerade 21 Jahren der jüngste Abgeordnete aller Zeiten. Da hatte er noch nicht einmal die Zwischenprüfung absolviert.

          Ein Auftritt im Landtag wurde zum Kultvideo

          Er war schon damals ein Spieler. An die Uni fuhr er mit dem Porsche, den er sich nebenher als Unternehmer verdient hatte. Während des Grundstudiums baute er ein Internet-Start-up auf, das Geld kam von einem Investor, der sich zu zwei Dritteln mit staatlichem Fördergeld refinanzierte. Die Firma ging pleite, das Geld war weg.

          Das wurde ihm oft zum Vorwurf gemacht, aber er drehte die Geschichte einfach um. Im Landtag verlangte er mehr Respekt für Unternehmergeist und eine Kultur der zweiten Chance. Der Auftritt wurde zu einem Kultvideo bei Youtube. Seither ist Lindner ein Berufspolitiker, und inzwischen bekennt er sich auch dazu.

          FDP-Chef keilt aus : Lindners Wutrede wird zum Internet-Hit

          Im Anschluss an die Bonner Vorlesung lädt der Professor seinen prominenten Gast noch zum Kaffee mit den Mitarbeitern des Lehrstuhls ein. Würde Lindner nicht Anzug und Krawatte tragen, könnte man ihn fast für einen der Assistenten halten. Nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass er bei dem Sozialdemokraten Decker seine Magisterarbeit über „Steuerwettbewerb und Finanzausgleich“ abgab. Eine geplante Promotion fiel der politischen Karriere zum Opfer. Das ist, in Zeiten der Plagiatsaffären, immerhin ein Risiko weniger.

          Er weiß, wie das Geschäft läuft

          Wie ein Politologe redet er in der Bonner Cafeteria mit den Wissenschaftlern über politische Winkelzüge und Koalitionsoptionen. Er genießt, dass er schon wieder nach möglichen Regierungspartnern gefragt wird. Er weiß, dass ein Großteil seiner Zielgruppe ein Bündnis mit der CDU bevorzugt. Ketten will er sich an sie nicht. In Hamburg hätte er gern mit dem SPD-Realo Olaf Scholz den Senat gebildet, aber er versteht, dass sich der Bürgermeister mit Blick auf seine Rolle als Anführer der rot-grünen Bundesländer dagegen entschied. Er weiß, wie das Geschäft läuft.

          Vorerst bleibt Düsseldorf sein Stützpunkt. Die nordrhein-westfälische Landtagswahl im Frühjahr 2017 will er zum Plebiszit über den Wiederaufstieg der FDP im Bund machen. Wenn ihr mich in den Landtag wählt, komme ich ein paar Monate später in den Bundestag soll das heißen. Das hat er sich von Gerhard Schröder abgeschaut, einem anderen großen Spieler der deutschen Politik. Er hatte einst die Niedersachsen-Wahl zum Plebiszit über seine Kanzlerkandidatur gemacht.

          Aber will er dann auch schon regieren? Sein Professor warnt. „Wer es mit der FDP gut meint, sollte hoffen, dass ihr dieser Kelch erspart bleibt“, schreibt Frank Decker in seinem neuen Buch. Bevor er Lindner in der Bonner Cafeteria verabschiedet, zieht er ein Exemplar aus der Tasche, signiert es – und schenkt es seinem früheren Studenten, der gleich in den Zug nach Mannheim steigen wird, Wahlkampf machen bei den Unternehmern in Baden-Württemberg.

          Quelle: F.A.S.

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