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Christian Lindner : Der Spieler

Lindner war ein ungewöhnlicher Student, als er zum ersten Mal in dem holzvertäfelten Hörsaal saß und im philosophischen Nebenfach die „Einführung in die Aussagenlogik“ belegte. Mit 16 Jahren trat er der FDP bei, mit 19 Jahren wurde er von Jürgen Möllemann in den nordrhein-westfälischen Landesvorstand geholt. Als wenig später der Wiedereinzug in den Düsseldorfer Landtag glückte, war Lindner mit gerade 21 Jahren der jüngste Abgeordnete aller Zeiten. Da hatte er noch nicht einmal die Zwischenprüfung absolviert.

Ein Auftritt im Landtag wurde zum Kultvideo

Er war schon damals ein Spieler. An die Uni fuhr er mit dem Porsche, den er sich nebenher als Unternehmer verdient hatte. Während des Grundstudiums baute er ein Internet-Start-up auf, das Geld kam von einem Investor, der sich zu zwei Dritteln mit staatlichem Fördergeld refinanzierte. Die Firma ging pleite, das Geld war weg.

Das wurde ihm oft zum Vorwurf gemacht, aber er drehte die Geschichte einfach um. Im Landtag verlangte er mehr Respekt für Unternehmergeist und eine Kultur der zweiten Chance. Der Auftritt wurde zu einem Kultvideo bei Youtube. Seither ist Lindner ein Berufspolitiker, und inzwischen bekennt er sich auch dazu.

Im Anschluss an die Bonner Vorlesung lädt der Professor seinen prominenten Gast noch zum Kaffee mit den Mitarbeitern des Lehrstuhls ein. Würde Lindner nicht Anzug und Krawatte tragen, könnte man ihn fast für einen der Assistenten halten. Nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass er bei dem Sozialdemokraten Decker seine Magisterarbeit über „Steuerwettbewerb und Finanzausgleich“ abgab. Eine geplante Promotion fiel der politischen Karriere zum Opfer. Das ist, in Zeiten der Plagiatsaffären, immerhin ein Risiko weniger.

Er weiß, wie das Geschäft läuft

Wie ein Politologe redet er in der Bonner Cafeteria mit den Wissenschaftlern über politische Winkelzüge und Koalitionsoptionen. Er genießt, dass er schon wieder nach möglichen Regierungspartnern gefragt wird. Er weiß, dass ein Großteil seiner Zielgruppe ein Bündnis mit der CDU bevorzugt. Ketten will er sich an sie nicht. In Hamburg hätte er gern mit dem SPD-Realo Olaf Scholz den Senat gebildet, aber er versteht, dass sich der Bürgermeister mit Blick auf seine Rolle als Anführer der rot-grünen Bundesländer dagegen entschied. Er weiß, wie das Geschäft läuft.

Vorerst bleibt Düsseldorf sein Stützpunkt. Die nordrhein-westfälische Landtagswahl im Frühjahr 2017 will er zum Plebiszit über den Wiederaufstieg der FDP im Bund machen. Wenn ihr mich in den Landtag wählt, komme ich ein paar Monate später in den Bundestag soll das heißen. Das hat er sich von Gerhard Schröder abgeschaut, einem anderen großen Spieler der deutschen Politik. Er hatte einst die Niedersachsen-Wahl zum Plebiszit über seine Kanzlerkandidatur gemacht.

Aber will er dann auch schon regieren? Sein Professor warnt. „Wer es mit der FDP gut meint, sollte hoffen, dass ihr dieser Kelch erspart bleibt“, schreibt Frank Decker in seinem neuen Buch. Bevor er Lindner in der Bonner Cafeteria verabschiedet, zieht er ein Exemplar aus der Tasche, signiert es – und schenkt es seinem früheren Studenten, der gleich in den Zug nach Mannheim steigen wird, Wahlkampf machen bei den Unternehmern in Baden-Württemberg.

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