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Portait Edouard Michelin: Lausbub und harter Hund

 ·  Am vergangenen Donnerstag ist Edouard Michelin aus dem Hafen Audierne zum Angeln hinausgefahren und nicht wieder lebend zurückgekehrt. Michelin wurde 42 Jahre alt, er hinterläßt seine Frau und sechs Kinder. Ob sich in der Familie ein Nachfolger finden wird, ist fraglich.

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Audierne ist ein netter kleiner Ort in der Bretagne. Hier holen noch Fischer im Morgengrauen ihren Fang aus dem Meer und bieten ihn am Pier feil, es gibt ein paar hundert Meter feinen Sandstrand, wunderbar alte Häuser erzählen Geschichten vergangener Tage. Die Menschen sind freundlich, und die Zahl der Touristen ist begrenzt. Statt Glamour und Disco herrschen hier Ruhe und Charme.

Kein Wunder, daß Edouard Michelin sich in Audierne wohl fühlte, spiegelt das Wesen dieses Fischerdorfes doch seinen ganzen Charakter. Michelin war kein Freund lauter Töne, wirkte bisweilen gar schüchtern, Show war ihm zuwider. Ein Konzernchef im üblichen Sinne ist er trotz seiner 130.000 Angestellten und der Notierung an der Börse nie gewesen.

Familienunternehmer im besten Sinne

Der zutiefst katholische, hagere Mann mit dem höflichen Lächeln ist stets Familienunternehmer im besten Sinne geblieben. Den Ertrag seines Unternehmens hat er im Blick behalten, aber im Zweifel kam es ihm nicht auf die letzte Nachkommastelle in der Gewinnrechnung an. Die Mitarbeiter sollten sich gut aufgehoben fühlen, die Kunden auf die hohe Produktqualität vertrauen können. Man kann sich vorstellen, wie schwer es ihm gefallen sein muß, gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Vorstandsvorsitzender Tausende Arbeitsplätze zur Disposition zu stellen.

Das war im Jahr 1999, als ihm sein Vater Francois nach 45 Jahren "Regentschaft" die Leitung übergab. Die wirtschaftliche Lage ließ Edouard wohl keine Wahl, hätte er sie gehabt, er hätte sich anders entschieden. In Deutschland produziert Michelin ohne viel Aufhebens noch immer mit vielen tausend Mitarbeitern an mehreren Standorten, während die Börse andere Unternehmen für die Verlagerung der Produktion nach Osteuropa feiert.

Lausbub mit lausbübischem Grinsen

In der brasilianischen Provinz Bahia hat Michelin kürzlich entschieden, eine unrentable Kautschukplantage nicht zu schließen, sondern an Mitarbeiter zu verkaufen. Er hat ihnen ein finanzielles Sicherheitsnetz gespannt, mitten in den Regenwald eine Schule für die Kinder gebaut, ein Ausbildungsprogramm für Bauern aufgelegt und damit 1.000 armen Arbeitern und ihren Familien eine Zukunft gegeben. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, soziale Verantwortung war für ihn nicht nur eine Worthülse.

Richtig unangenehm war es ihm, wenn herauskam, daß er auch ein harter Hund sein konnte. Vor vier Jahren hat Michelin kurzerhand die Lieferung an General Motors eingestellt, weil der weltgrößte Automobilhersteller deutlich niedrigere Preise forderte. Die Meldung hierüber in dieser Zeitung kommentierte Michelin mit ziemlich schnippischem Gesichtsausdruck so: "Das wäre besser nicht an die Öffentlichkeit gelangt."

Daß hinter seinem bisweilen lausbübischen Grinsen tatsächlich ein Lausbub steckte, zeigte sich immer dann, wenn es um Geschwindigkeit ging. Als Sozius mit Motorradweltmeister Valentino Rossi um einen Rennkurs brettern, das machte ihm richtig Spaß. Oder die 420 PS in seinem bestens als Familienkutsche getarnten Audi Avant springen zu lassen. Geraucht hat er auch gerne, aber nie öffentlich, das hätte ein schlechtes Vorbild geben können.

Nachfolge Edouard Michelins ungewiß

Am vergangenen Donnerstag abend ist Edouard Michelin gemeinsam mit seinem Freund Guillaume Normant, wie es heißt, einem erfahrenen Seemann, an Bord der "La Liberte" aus dem Hafen Audierne zum Angeln hinausgefahren und nicht wieder lebend zurückgekehrt. Das Boot kenterte bei Nebel, aber ruhiger See aus bislang noch ungeklärter Ursache. Edouard Michelin ertrank, sein Partner wird noch vermißt.

Michelin wurde nur 42 Jahre alt, er hinterläßt seine Frau und sechs Kinder. Ob sich in der weitverzweigten Familie ein Nachfolger finden wird, ist fraglich. Edouards Kinder sind zu jung, und von seinen fünf Geschwistern arbeitet nur ein Bruder in der Forschungsabteilung. Die Leitung des Unternehmens wird zunächst der 61 Jahre alte Mitgesellschafter und enge Vertraute Michel Rollier übernehmen. Das ist die einzig gute Nachricht in dieser Tragödie. Die Firmenregel, nach der niemals beide Chefs im selben Flugzeug fliegen oder sich irgendeiner anderen Gefahr gleichzeitig aussetzen dürfen, sichert nun die Funktionsfähigkeit der Führungsspitze.

Quelle: F.A.Z., 29.05.2006, Nr. 123 / Seite 18
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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für „Technik und Motor“.

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